Westwärts 1 & 2.
Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann (2005, Rowohlt, hrsg. von Maleen Brinkmann).
Besprechung von Andreas Langenbacher in Neue Zürcher Zeitung vom 16.07.2005:

Starker Tobak
Eine Neuausgabe von Rolf Dieter Brinkmanns «Westwärts 1&2»

Erstaunlich, was einem bei der Wiederbegegnung mit Rolf Dieter Brinkmanns 1975 postum erschienenem Gedichtband «Westwärts 1&2» widerfährt. Da wird man schon nach wenigen Seiten rabiat aus der schmerzlos dahingleitenden Welt der digitalen Netzwerke unvermittelt in die Zeit der medialen Kerben, Gravuren und entsprechenden menschlichen Blessuren versetzt. Pop, das war eben nicht nur der Hang zur glatten Oberfläche, sondern Lebenseinsatz oder, wie es in zwei an Adorno erinnernden Gedichtzeilen Brinkmanns heisst: «Die Furcht verletzt zu werden, ist schon / ein Einverständnis mit dem, was ist.»

ZEITDOKUMENT

In seinen «Westwärts»-Gedichten kreisen kratzende Nadeln durch die Rillen von Schallplatten, klopfen metallene Schreibmaschinentypen Worte auf mehrere Schichten aus weissen Blättern und Durchschlagpapier. Als gälte es, sich mit voller Wut bis zum Klingelzeichen am Ende der Zeilen durchzuhämmern. Und der Schleier aus «schwarzem Afghan», der sich über allem ausbreitet, steht noch für den Rauch jenes starken Tobaks, hinter dem man mit erweiterten Pupillen die deutschen Terroristenprozesse verfolgte. «Hat Marihuana mit Grammatik zu tun?», fragt sich Brinkmann in einem anderen Gedicht. Und man möchte ihm angesichts seiner eigenen Schreibweise, seiner Reihungen von düsteren Allegorien ohne Anhalt im Diesseits oder Jenseits, mit einem luziden Hanf-Notat Walter Benjamins antworten: «Wellen schwappen, Wappen schwellen».

Dem Rowohlt-Verlag und Maleen Brinkmann ist zu danken, dass wir nun den ungekürzten «Masters Cut» dieses grandiosen Lyrikbandes mit seinen sanften Songs, heftigen Tiraden und sinistren Fragmentlandschaften neu und anders lesen können. Einerseits als hautnahes Zeitdokument, das einen wie die Hits aus der klassischen Epoche des Rock'n'Roll direkt zu den im eigenen Körper sedimentierten Stimmungswerten der Vergangenheit führt. Andererseits macht sich bei der etwas distanzierteren Lektüre eine gesunde Skepsis breit gegen Brinkmanns manchmal allzu stimmungshaft regressive Tendenzen und Rekurse auf primäre Affekte. Zumal wenn der Autor als menschenverachtender Bürgerschreck den gewaltbereiten Macho markiert und der poetische Furor zum Jargon des Hasses wird.

Nachdem Rolf Dieter Brinkmann mit der Herausgabe von Anthologien, mit eigenen Erzählungen, einem Roman und Gedichten – aber auch mit seinen provozierenden öffentlichen Auftritten – massgeblich an der westdeutschen Rezeption der amerikanischen Pop- und Underground-Literatur beteiligt gewesen war, hatte er sich 1970 abrupt aus dem literarischen Leben zurückgezogen. Bis zu seinem frühen Unfalltod im April 1975 in London sollte nichts mehr von ihm veröffentlicht werden.

In diesen gut vier Jahren schuf Brinkmann, sei es als Stipendiat in Rom, als Gastlektor in Austin/Texas oder als Privatier in Köln – meist am Existenzminimum lebend –, seine «Westwärts»-Gedichte, zugleich entstand der grosse Fundus an Aufzeichnungen, den wir als sein aus dem Nachlass herausgegebenes Hauptwerk kennen: phänomenale Brief-, Foto- und Zitatcollagen, wie etwa «Rom, Blicke», welche längst nicht mehr der Popliteratur zuzuzählen waren, sondern eher als verzweifelte Emblembücher eines Welt- und Selbstverlorenen zu verstehen sind. Verwilderte Buchhaltungen eines Solitaires, der in einer nur noch als Trümmerlandschaft wahrgenommenen «Ziviehlisation» nach jenen poetischen Bruchstücken stöberte, in welchen sich zumindest für einen Augenblick vom Nirgendwo her Erfüllung versprach.

ENTTÄUSCHTER ROMANTIKER

Mit «Westwärts 1&2», seinem letzten noch zu Lebzeiten für den Druck fertiggestellten, aber erst postum erschienenen Gedichtband, wollte sich Brinkmann nach längerem Verstummen wohl ganz bewusst erstmals mit solchermassen verwandelter vereinsamter Stimme aus dem abgeweideten «Wilden Westen» der amerikanischen Beat- und Popliteratur im «traurigen alten Europa» zurückmelden. Und in welchem Mass er dies als deutscher Dichter tat, das zeigen uns weniger die über zwanzig damals aus Platzgründen gestrichenen und nun in der erweiterten Neuausgabe aufgenommenen Gedichte, sondern eher sein erstmals in ganzer Länge abgedrucktes «Unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten». In diesem Essay als lyrischer Litanei lernen wir den Hintergrund für seinen Rückzug aus der Popszene und die Wende in seinem Schreiben aus erster Hand kennen. Für Brinkmann war die Zeit des spontanen, individualistischen Aufbruchs der sechziger Jahre schon 1970 zu jenem Programm gesellschaftlicher Kontrolle pervertiert, das sich wiederum gegen den Einzelnen und seine existenzielle Offenheit zu wenden drohte. Und um gegen diese auch die Literatur trivialisierende Entwicklung anzukämpfen, schien ihm die affirmative amerikanische Pop- und Postmoderne zu eng.

Als Rolf Dieter Brinkmann an seinem Nachwort zu seinem ersten nachgelassenen Werk «Westwärts 1&2» zu schreiben begann, war jedenfalls die «Mythologie der vier Himmelsrichtungen» längst über ihm zusammengebrochen, und das «Niemandsland» und «Todesterritorium» Westdeutschland überall: «In Rom dachte ich an London, In London dachte ich / an Rom. Als ich in Köln war, dachte ich an Amsterdam.» Als wild entschlossener enttäuschter Romantiker hatte Brinkmann zu seiner gnostischen Weltsicht gefunden, freilich zu einer ohne Transzendenz. Sein Demiurg leuchtete bloss noch im Fluidum der dunklen Fragmente, im puren Jetzt des erfüllten Moments, der seine Kraft und seine Funken aus den Reibungsflächen des Negativen bezog.

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