Wer ist Martha? von Marjana Gaponenko, 2012, SuhrkampWer ist Martha?.
Roman von Marjana Gaponenko (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger in den Nürnberger Nachrichten vom 11.09.2012:

Das letzte Abenteuer
Marjana Gaponenkos Roman „Wer ist Martha?“

Beim Erlanger Poetenfest avancierte Marjana Gaponenko zum Publikumsliebling. Die aus der Ukraine stammende Schriftstellerin hat mit „Wer ist Martha?“ einen hinreißenden, hochpoetischen Schelmenroman geschrieben.

Wer Martha ist, erfahren wir nicht. Wir wollen es auch gar nicht wissen. Wir haben genug mit Luka Lewidski zu tun. Mehr als genug. Denn wir werden damit nicht fertig, ihn in unser Herz zu schließen. Er ist ein Kauz von 96 Jahren, der nicht mehr lange zu leben hat und gerade noch diesseits von Gut und Böse ein letztes Mal alle Register zieht.

1914 wurde er im Kleinrussischen geboren als einziges Kind eines gräflichen Försters und einer Wiener Ornithologin, die zur ostgalizischen Vogelzählung in die Gegend gekommen war. Sie trug Hosen und blieb. Später lehrten die Eltern den Sohn die Freude an der Vogelbeobachtung. Ihr sollte er sein Leben widmen, egal, wohin ihn die Zeitläufte verschlugen. Zwei Utopien hat er so überlebt: Österreich-Ungarn und die Sowjetunion. Sein Metier begründet auch heute seine Weltsicht: „Zugvögel, zum Beispiel, waren schon immer echte Europäer.“

Als Professor der Zoologie hatte er ein erfülltes Leben. Sein Essay „Pedantische Müllabfuhr und ihr Einfluss auf die Ernährung der Greifvögel“ ist in Fachkreisen legendär, ebenso wie seine Exkurse über die Sprache der Rabenvögel. Seine soziale Ader aber ist darüber verkümmert. Auch sein Verhältnis zu Frauen pendelt zwischen problematisch und nicht vorhanden. Weil die nicht so grau, leise und zurückhaltend sind wie die Vogelweibchen.

Nun ereilt den einsamen Greis die Krebsdiagnose der Ärzte. Er entzieht sich der ohnehin keinen Erfolg mehr versprechenden Behandlung, um ein letztes Mal richtig auf den Putz zu hauen. Nach ihm die Sintflut, edel soll die Welt zugrunde gehen. Zu solchem Ende staffiert ihn die Autorin mit Maßanzug und Perlmuttknöpfehemd, Borsalino und hochprozentig gefülltem Trinkstock aus und schickt ihn nach Wien ins Hotel Imperial.

Dies ist der zweite Roman der 1981 in Odessa geborenen Marjana Gaponenko. Sie lebt in Mainz und schreibt auf Deutsch. Und wie! Virtuos spielt sie auf der Klaviatur des Tragikomischen. Die Handlung lässt sie in den Hintergrund treten und entwickelt an der Grenze zum Slapstick neckische Weltbetrachtungen, die sie in eine Verteidigung der Daseinsfreude kanalisiert. Ihr Ton dabei ist originell, unverbraucht und sehr humorvoll.

Also setzt sie ihren Herrn Lewidski ins Edeletablissement, lässt ihn der Welt die Leviten lesen und in der Badewanne Beethoven hören. Ihr dem Tod Geweihter hat keine Zukunft mehr. Aber in der Gegenwart lässt er es noch einmal krachen, wobei er der Welt seinen Spiegel vorhält. Das Hotel wird zu seinem Schiff, auf dem er die Lachmöwe ist.

Also genießt er wie weiland mit der Mutter Schokoladentorte und klassische Musik, fühlt sich dem Barpianisten verwandt – „I Did It My Way“ – und steht irgendwann im Fahrstuhl einem Bruder im Geiste gegenüber, mit dem es noch richtig abenteuerlustig wird. Man darf sich die beiden ruhig wie Statler und Waldorf vorstellen, wenn sie im Musikverein und in der Hotelbar ordentlich aufdrehen.

Dort treffen sie sogar ihre Autorin, die ihnen beim Kosmonautencocktail erzählt, was sie vorhat: „Ein einsamer alter Mann kehrt zurück in die Stadt seiner Kindheit, um dort zu sterben, so dass sich der Kreis schließt.“ Er hat das auf herzerfrischende Weise getan, wenn wir das Buch zuschlagen.

Die komplette Rezension mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten!

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