Wer durch
mein Leben will, muss durch mein Zimmer.
Gedichte von Thomas
Brasch (2002, Suhrkamp, hrsg. von Fritz
Raddatz und Katharina Thalbach).
Besprechung von Yaak
Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 27.11.2002:
Wo schläfst Du,
DDR?
Aus einem
verloreren Leben: Thomas Braschs Nachlass-Gedichte
In ihrem Briefroman Alles, alles Liebe! hat Barbara
Honigmann vor zwei Jahren ein kenntnisreiches Bild einer sehr spezifischen
Szene aus der DDR gezeichnet. Das Buch spielt Ende 1975 innerhalb einer
dissidenten Boheme, die sich vornehmlich aus den Kindern jener deutschen jüdischen
Kommunisten zusammensetzt, die nach dem Krieg aus westlichen Ländern bewusst
nach Ostberlin zurückgekommen waren, um dort am Aufbau des Sozialismus
mitzuarbeiten. Sie gerieten in einen Staat, der seinen plakativen Antifaschismus
mühelos mit einem militanten Antizionismus verband: Obwohl sie mehrheitlich zur
Elite der DDR zählten, wurden sie dort nie wirklich heimisch. Ihre Kinder haben
den Glauben an die Ideale ihrer Eltern längst verloren, dennoch werden sie von
anderen Teilen der oppositionellen Kunstszene als Kinder von Bonzen und Funktionären
beargwöhnt.
Also bleibt man unter sich und leidet darunter, sich "dauernd gegenseitig
zu Künstlern (zu) erklären, weil das sonst keiner tut. Und wenn wir uns gerade
einmal nicht für Genies halten, verachten wir uns selbst als Versager und
Dilettanten, Sonderlinge und Marginale". Als ein bewunderter Star dieser
zerrissenen Szene tritt in dem Buch auch Thomas Brasch auf, von dem Barbara
Honigmann ein Gedicht in ihren Roman einmontiert hat. Brasch übersiedelte
Ende 1976 in die Bundesrepublik, wo er zunächst mit Gedicht- und Erzählungsbänden
sowie Theaterstücken und Filmen sehr erfolgreich war; mehrere Literaturpreise
waren Ausdruck der Anerkennung, die seine Arbeiten im Westen fanden. Dann wurde
es stiller um ihn, auf dem Theater war er lediglich noch mit Übersetzungen
beziehungsweise Bearbeitungen von Shakespeare-Stücken
präsent; man hörte auch von der Arbeit an einem ausufernden Roman-Projekt, von
dem aber vor drei Jahren nur ein knapp einhundert Seiten schmaler Torso
publiziert wurde (Mädchenmörder Brunke). Im November 2001 ist Brasch -
erst 56 Jahre alt - in Berlin gestorben.
Unter dem Titel Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer legen
nun Katharina Thalbach und Fritz
J. Raddatz Gedichte Braschs aus dem Nachlass vor. Der Verlag stellt die
Herausgeber als Weggefährtin und Freund des Autors vor, sie selbst betonen:
"Dieser Band versteht sich nicht als wissenschaftliche Edition. Er ist Gruß
und Gedenken - an einen toten Freund." So sympathisch die Intention eines
letzten Freundesdienstes den Leser berührt: Ein dem Autor weniger emotional
verbundener Lektor hätte wahrscheinlich eine strengere Auswahl getroffen und
eine einleuchtendere Anordnung gefunden. Schon der Verzicht auf jegliche
Datierung der Gedichte führt zu einem schwer verständlichen Durch- und
Nebeneinander von Texten, die manchmal im Abstand von mehr als drei Jahrzehnten
entstanden sind. Der Hinweis auf die "intime Kenntnis des Werks wie der
Person - also der Arbeitsweise - von Thomas Brasch" überzeugt als
Entscheidungskriterium nicht. Wenn man versucht, die von den Herausgebern
verweigerte Chronologie selbst herzustellen, entsteht das Bild der (Selbst-)Zerstörung
einer großen Begabung. Brasch litt - wie später viele DDR-Autoren nach der
Wende - unter dem Bedeutungsverlust, den er als Schriftsteller im Westen erfuhr,
wo seine Literatur schon nicht mehr als Surrogat für eine kritische Öffentlichkeit
gebraucht (und von den Lesern entsprechend honoriert) wurde. "Verwöhnt von
Beaufsichtigung und Beachtung" sei er in der DDR gewesen, im Westen dagegen
habe man ihn "fotografiert nicht aufgenommen". Die neue Umgebung wird
vornehmlich durch die alten ideologischen Raster wahrgenommen.
Eigentümlich undifferenziert liest sich heute auch eine Reihung der "Toten
/ gefallen im Krieg gegen das faschistische Tier / Georg von Rauch Benno
Ohnesorg Rudi Dutschke / Andreas Baader und die Frauen die besonders".
Dagegen erscheint die DDR, in einem noch dort geschriebenen Gedicht als
"Kreuzung zwischen Knast und Irrenanstalt" charakterisiert, in der Rückschau
in ein "Mein-Land" verwandelt, dessen Ende anrührend beklagt wird:
"Ich war mein Land. // Man hat uns weggeschenkt. / Wo schläfst du, DDR,
ich habe mich verrenkt." Man muss es wohl ein Verhängnis nennen, wenn
jemand einen Traum, den er real als Alptraum erlebt hat, immer wieder und wieder
träumt.
In dem eingangs zitierten Roman von Barbara
Honigmann findet sich eine Feststellung über die erotische Libertinage der
Protagonisten: "Wir nehmen uns diese Freiheiten, weil wir keine anderen
haben." An diesen Satz wird man erinnert, wenn man die vielen an (oft
namentlich genannte) Frauen gerichteten Texte Braschs liest, die nur bedingt
"Liebesgedichte" genannt werden können. Zumeist handeln sie von einem
unaufhebbaren Gegensatz zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und einer
starken Bindungsangst - dass in einer Beziehung einer "die Nähe" und
der andere "das Weite" sucht, ist eine wiederholt auftauchende
Metapher dieses Zwiespalts. Ein anderes Gedicht bezeugt die immer währende
Angst "vor dem Verlassen und dem Verlassenwerden".
Einen Ausweg aus den beruflichen und privaten Konflikten hat Brasch in Drogen
gesucht. Alkohol und Kokain werden mehrfach genannt, obwohl Brasch bewusst war:
"Das ist der Stand, so läuft der Hase: / nichts mehr im Kopf, was für die
Nase" (im "Lied der Kokainintellektuellen"). Anders als bei
Rainer Werner Fassbender (dem er einen freundschaftlichen Nachruf widmet) oder
Wolfgang Neuss (den ein Gedicht als "Mein Lehrer W.N." apostrophiert)
haben die Rauschmittel und -gifte bei Brasch keine neue Kreativität
freigesetzt. In einzelnen Texten scheinen immer noch frappierende Wortfügungen
auf, aber oft verliert sich der Autor in Reimzwängen oder Wortspielereien, die
bis zum Kalauer gehen. Den als "Varia" dem Band angefügten
Werkstattbeispielen lässt sich ablesen, wie zerfahren und unentschieden an
Texten gearbeitet wird, es scheint, als fehle dem Autor die Kraft, über bloße
Einfälle hinaus zu gelangen.
Manchmal gelingen noch lakonisch-ironische Fügungen
wie "da ist ein Gott und setzt sich zwischen alle Stühle. / Er sieht
genauso aus wie ich mich fühle", häufiger aber bleibt das lyrische Ich
"Ratlos vor meinen eigenen Worten / im matten Frühlicht". In
demselben Prosagedicht wirft "der Baum vor meinem Fenster seinen langen
Schatten auf meine nutzlosen Zeilen auf die selbstmitleidigen Sätze auf mich überflüssig".
Es
sind Notizen aus einem verlorenen Leben, voller Selbsthass und Weltekel,
dazwischen Mord- und Selbstmordfantasien. Ein verletzter und verzweifelter
Mensch spricht - am berührendsten da, wo ihm noch einmal vier einfache Zeilen
ohne Titel gelingen: "Fallen die bitteren Tropfen zur Erde / liegt ein
Nebel über dem Land / starr zu den Bäumen ich unverwandt / bis auch ich zu Hölzernem
werde."
[...diese und weitere Besprechungen
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Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt ©
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