Wer blinzelt, hat Angst vor
dem Tod.
Roman von Knud
Romer (2007, Insel - Übertragung Ulrich Sonnenberg).
Besprechung von Barbara von Becker aus der
Frankfurter Rundschau, 12.02.2008:
Die Pausenbrot-Folter
Meine Mutter war eine weltgewandte Frau, die am Ende der Welt gelandet
war, und sie hatte mehr verloren und verkümmerte in Nyköbing mehr, als
ich je verstanden habe." Das lässt Knud Romer seine Romanfigur Knud
Romer Jorgensen sagen. Seine Mutter war 1950 in den kleinen dänischen Ort
gekommen, um dort in einer Zuckerfabrik im Labor zu arbeiten. Hilde Voll
war Deutsche. Sie verliebte sich, heiratete den gutaussehenden, sanften, höflichen
Prokuristen der Dänischen Gebäudeversicherung und bekam einen Sohn, den
die anderen Kinder des Ortes bei allen sich bietenden Gelegenheiten nur
"deutsches Schwein" nennen sollten.
"Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod", der erste Roman von Knud
Romer, hat in Dänemark einigen Staub aufgewirbelt. Denn der Autor ist
dort als prominenter PR-Fachmann, Verfasser kulturhistorischer Bücher,
Gelegenheitsschauspieler - etwa in Lars von Triers Film
"Idioten" - und Talkshowgast kein Unbekannter. Und sein Roman,
der ostentativ mit autobiographischen Fakten spielt, führt ein
beklemmendes Spektrum an sadistischen Quälereien und Demütigungen vor,
mit denen der kleine Knud als Sohn einer deutschen Mutter in der dänischen
Provinz in den sechziger und siebziger Jahren malträtiert wurde. Nichts
also, worauf ein auf seine Toleranz und politische Korrektheit bedachtes
Land stolz sein könnte.
Wenn auch nur die Hälfte der beschriebenen kindlichen Grausamkeiten und
Erwachseneninfamien erlebter Realität entsprechen, dann muss dieses Buch
des siebenundvierzigjährigen Autors einem späten Befreiungsschlag
gleichkommen. Es wäre aber falsch, den Aspekt einer Abrechnung zu sehr in
den Vordergrund zu stellen. Denn vorrangig erzählt Knud Romer auf knapp
hundertsiebzig Buchseiten die Geschichte seiner Familie über drei
Generationen: seiner dänischen und seiner deutschen. Er tut das
mit so viel historischer Sorgfalt, trockenem Humor und einfühlsam
gelungenen sprachlichen Bildern, dass man in eine viel opulentere Saga
einzutauchen glaubt.
Dabei widmet der Autor dem mütterlichen Teil seiner Familie, der durch
Kriegsschicksale auch spektakulärere Biographien aufzuweisen hat,
besondere Aufmerksamkeit. Die regelmäßigen Besuche von Knud und seinen
Eltern in den sechziger Jahren bei der Verwandtschaft in Deutschland muten
jedoch an wie Reisen in eine weit früher angehaltene Zeit. Ob in den
Taunus zu Onkel Hermann, dem die Splitter einer russischen Handgranate
nach und nach aus der Haut wachsen, oder zu den Großeltern in den
Frankfurter Kettenhofweg. Der Stiefgroßvater "Papa Schneider"
ist von der rigiden Strenge eines wilhelminischen Despoten. Vor dem
Zweiten Weltkrieg hatte er als Großgrundbesitzer in der Nähe von
Magdeburg gelebt und Gemälde von Max Pechstein und Emil Nolde gesammelt.
Knud Romer entwirft mit wenigen präzisen Strichen Genrebilder deutscher Bürgerlichkeit,
die den restaurativ-konservativen Mehltau der Ära Adenauer auf der
gesellschaftlichen Wirklichkeit gespenstisch einfangen.
Der kleine Knud liebt besonders das Essen seiner deutschen Großmutter.
Was Proust seine Madeleine war, ist für Romer das Gulasch. Es ist eine
ganz wunderbare Geschichte, wie angeblich vor Jahrzehnten von der Urgroßmutter
die Ursoße dieses Gulasch gekocht worden war, aus Speck und Zwiebeln,
Paprika, Tomaten, Knoblauch, Ingwer, Wacholder und Kümmel. Immer wurde
die letzte Portion des Gulasch aufgehoben, um sie als Fond für das nächste
Mal weiter nutzen zu können. Sogar während schlimmster Kriegswirren
hatte Knuds Mutter den Soßentopf aus dem leeren Haus, das ihre Eltern
Hals über Kopf auf der Flucht vor der russischen Armee verlassen hatten,
in letzter Minute gerettet. So konnte die Großmutter "noch immer ein
Gulasch servieren, das einhundert Jahre alt war".
Für Knuds dänischen Vater "war Sauberkeit und Ordnung das
Wichtigste", eigentlich die klassischen deutschen Generaltugenden.
Dessen Korrektheit geht soweit, dass er sogar den deutschen
Invasionstruppen ungefragt den kürzesten Weg nach Kopenhagen zeigte. Mit
Frau und Kind führt er in den deutschen Möbeln seiner Frau, mit
deutschem Essen, mit nach deutschem Brauch und Meißner Porzellan
zelebrierten Feiertagen sein generalstabsmäßig geregeltes Leben. Wie
eine nach außen abgeschottete Zelle des inneren Widerstands existiert die
kleine Familie in ihren eigenen, nur auf sich selber bezogenen Ritualen.
Die Mutter, über deren Nähe zu echten Widerstandsgruppen im Dritten
Reich der Sohn erst spät erfahren sollte, lässt Diffamierungen und Schmähungen
stolz an sich abprallen. Nur das Kind ist dem täglichen Hohn und Spott,
einem brutalen Hexentreiben in der Schule ausgeliefert, wo es schon genügt,
dass sein Pausenbrot nach deutscher Art geschnitten und zusammengeklappt
ist, um ihn an den Pranger zu stellen. Natürlich ist es für ihn eine
Folter der Scham, wenn seine Mutter an Weihnachten "Stille Nacht!
Heilige Nacht!" in der Kirche auf deutsch mitsingt, und sein einziger
Geburtstagswunsch war jahrelang, "keinen Geburtstag zu haben",
um den Peinlichkeiten einer Feier zuhause zu entgehen, wo sich die
Klassenkameraden über alles Nichtdänische amüsieren.
Besonders eindrucksvoll wird die Geschichte aber immer dann, wenn
weniger von den Leiden des jungen K., sondern vom Leben der Mutter die
Rede ist. Nicht dem aufgeräumten Puppenheim in Nyköbing, wo ihre einzige
Ablenkung darin liegt, Wodka zu trinken, Zigarillos zu rauchen und
Schallplatten mit Kurt-Weill-Songs zu hören. Sondern die Jahre vor ihrer
Ehe, als sie 1945 noch kurz vor Kriegsende zum "Volkssturm"
eingezogen und nach der Kapitulation als Dolmetscherin eingesetzt wurde,
den US-Kommandanten becircte und mit einer Rot-Kreuz-Uniform dem Lager
entkam, als Sanitätshelferin deutsche Soldaten gesund pflegte, damit die
anschließend auf die andere Seite der Elbe in russische Gefangenschaft
gebracht werden konnten.
Oder sechs Jahre zuvor, als sie mit neunzehn Jahren nach Berlin ging, um
dort Staatskunde und amerikanische Geschichte zu studieren und den
gleichaltrigen Studenten Horst Heilmann traf, ihre erste große Liebe.
1942 wurden er, wie sein Freund Harro Schulze-Boysen und zahlreiche andere
Mitglieder der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" von den Nazis
hingerichtet. Das sind historische Fakten und Namen, die Romer sicher
nicht ohne biographische Legitimation in seinem Roman zitiert.
So wie allgemeine Geschichte immer besonders im Fokus eines persönlichen
Schicksals berührt, so auch bei dieser in vielem durchaus romanhaft
ausgeschmückten und inszenierten Dokumentation zweier Familien in
wechselvollen Zeiten.
Wie in einem einzigen Bewusstseinsstrom geschrieben, Zeiten und Orte
wechselnd, assoziativ Erlebnisse, Erinnerungen, Erzählungen mischend, nur
durch Absätze, keinerlei Kapitel gegliedert und doch von einer souveränen
Dramaturgie ist dieses Buch, in der leise wie schrille Töne treffenden Übersetzung
von Ulrich Sonnenberg, nicht nur ein berührendes Dokument deutsch-dänischer
Geschichte. Es ist ein bemerkenswerter literarischer Wurf.
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