1.)
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Wenn
wir Tiere wären.
Roman von Wilhelm Genazino, (2011,
Hanser).
Besprechung von Roman Bucheli in der Neue
Zürcher Zeitung vom 23.07.2011:
Lustvoller und virtuoser als Wilhelm Genazinos literarische Figuren hat allein Herman Melvilles Bartleby die Kunst der Lebensvermeidung beherrscht. Was Genazinos Helden der traurigen Lebensmitte Bartleby jedoch voraushaben, ist die Lustangst im Umgang mit sich und der Welt, die hemmungslose Selbstverliebtheit und eine in der Lebenspraxis freilich vollkommen folgenlose Abgeklärtheit, ja Abgebrühtheit hinsichtlich der eigenen verborgenen Lebensmotive. Genazinos wagemutige Taugenichtse und draufgängerische Drückeberger, die er in seinen Romanen in immer neuen Ausprägungen porträtiert, wären auf Dauer nicht zu ertragen, wären sie nicht zugleich fast monströse Reflexionskünstler. Keine Regung ihres Innenlebens entgeht ihnen, zu jedem Symptom kennen sie die verborgene Ursache, und minuziöser als ihre Umwelt beobachten sie nur sich selber: von den Körperfunktionen bis zum Kopulationsverhalten.
Wilhelm Genazino hat eine erstaunliche Virtuosität entwickelt in der Darstellung von Figuren, die sich immer hart am Rand des Wahnsinns, der Verwahrlosung und der totalen Isolierung befinden. Alle sind sie leicht misogyn angehaucht und doch (oder gerade darum) allem Weiblichen hoffnungslos verfallen; sie leben in zerrütteten Verhältnissen und im dauernden Zwiespalt, ob sie darüber verzweifeln sollen – oder nicht vielmehr darob, dass sie trotz allen Widerwärtigkeiten noch nicht vollends verzweifelt sind. Genazino zeichnet diese verschatteten Existenzen und Rebellen gegen die Reibungslosigkeit mit analytischer Schärfe und gleichwohl nicht ohne Empathie. Er zeigt ihre Oberflächen, wo das Leben im Gesicht Spuren hinterlassen hat; und er macht sie gleichsam transparent und leuchtet ihnen in die Seele, wo die Unbarmherzigkeit des Daseins noch ganz andere Scharten gehauen hat.
«Ich sah aus wie ein aus früherer Zeit übrig gebliebener Herr», sagt Genazinos jüngster Selbstverkleinerungskünstler mit der ihm eigenen und keineswegs koketten Nüchternheit. Ohne dass er Abhilfe wüsste, rutscht er in eine Gebrauchtexistenz hinein: Zwar ist er freischaffender Architekt, doch seine Aufträge erhält er allesamt von dem gleichen Büro und dort von einem Architekten, den er nur aus Verlegenheit einen Freund nennt. Als dieser stirbt, fürchtet er einen Augenblick um die berufliche Zukunft. Doch alsbald wird er nicht nur zum Geliebten der Witwe und fährt er mit dem Wagen des Freundes herum; man trägt ihm auch die Stelle des Verstorbenen an, und kaum dass er es sich versieht, sitzt er an dessen Schreibtisch. Nur halbherzig lehnt er sich gegen diese Überwältigung durch das Naheliegende auf, und er muss sich schon auf Abwege bringen lassen, um aus dieser Verstrickung herauszufinden. Freilich um den Preis weiterer Zerrüttung. Hinter Überdruss und Melancholie stehe, so sagt er denn einmal, «das Gefühl meines inneren Absterbens».
Jedoch lässt Genazino seine Figuren den gepflegten Ennui nicht als l'art pour l'art kultivieren. Er sucht in den Aussenseitern den Extremfall der Gesellschaft. An ihren Rändern und an den sie bewohnenden Individuen sieht er das Wirken der existenziellen Fliehkräfte. Hier kommt drastischer, schärfer zum Ausdruck, was im Inneren auch des gemässigten Daseins wütet, aber gerade noch im Zaum gehalten wird. Hatte Genazino in seinem Frühwerk die Welt des Angestellten erkundet, so schält sich in den jüngsten Werken immer deutlicher heraus, dass er nun an den schräg im Leben stehenden Menschen die condition humaine der Spätmoderne untersucht. Dabei porträtiert er nicht etwa Naivlinge, die aus Unvermögen und Ignoranz scheitern. Das Leben dieser Vertreter eines späten Geschlechts steht vielmehr im Zeichen einer fortwährenden Ernüchterung, die nicht aus Resignation in die Passivität führt, sondern aus kühler Einsicht.
«Wieder hatte ich das quälende Gefühl, wir seien Laiendarsteller und spielten ein unspielbares Stück.» Es sind solche Sätze, mit denen Genazino den Lesern zu erkennen gibt, dass seine Figuren nur zu gut und nicht immer zu ihrem Vorteil Bescheid wissen. Eine öde Komödie und eine klapprige Tragödie ist ihre Existenz, ein Stück jedenfalls, das auf jeder Provinzbühne durchfallen würde; und sie selber bringen nichts mit als den guten Willen, sich auf der Bühne zu halten, solange dieser vorhält. Wenn die Kunst darin besteht, das Leben in seinen Extremen sichtbar zu machen und zur Kenntlichkeit zu bringen, dann hat Wilhelm Genazino nicht nur einen ebenso skurrilen wie vergnüglichen Roman geschrieben. Dann leuchtet dieses Buch auch mit sanfter Leichtigkeit in die nachtschwarzen Abgründe des Daseins.
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2.)
Wenn
wir Tiere wären.
Roman von Wilhelm Genazino, (2011,
Hanser).
Besprechung von Maren Schürmann in der WAZ, vom 17.9.2011:
Tränenflüssigkeit gegen Spießertum
Der preisgekrönte Schriftsteller Wilhelm Genazino bleibt
seiner Linie allzu treu
Wenn wir Tiere wären ... würden wir im Winter in den Süden fliegen, ein schönes Nest bauen, keine Kriege führen - und trotzdem töten. Dieser Satzanfang "Wenn wir Tiere wären" könnte mit Phantasie und Philosophie der Beginn für spannende Gedankenflüge sein. Doch Wilhelm Genazino bedient sich im gleichnamigen Roman meist nur bei der Tierwelt, um die niederen Bedürfnisse aller Lebewesen und die traurigen Wahrheiten metaphorisch zu veranschaulichen. Da wäre die Amsel, die "sang und schiss gleichzeitig". Oder die männliche Kornweihe, die in die Höhe entschwebt, kurz nachdem sie flügelschlagend und schreiend die Partnerin begattete.
In Wilhelm G
enazinos neuer Geschichte geht es im Kern wieder um seine alten Themen: Liebe und Leid zwischen Mann und Frau, den schwachen Menschen in der spießigen Angestelltenwelt sowie den "Grundmerkwürdigkeiten des Lebens".Das Leid am
LebenDer Ich
-Erzähler, ein durchschnittlich erfolgreicher Architekt in der Mitte seines Lebens, leidet sehr am selbigen. Die Melancholie zer drückt jedes noch so kleine Glücksgefühl. Er droht im Selbstmitleid zu versinken: "Ein wenig Tränenflüssigkeit stieg mir in die Augen, ich suchte nach ihren Gründen und fand sie nicht. Vermutlich war mir nur die innere Unmöglichkeit meines Lebens ein wenig zu nahe gekommen."Lediglich der Anbli
ck der nackten Brust einer stillenden Mutter, das Onanieren bei Gedanken an einstige Affären oder der Sex mit einer seiner Liebschaften kann dieser Mann des Mittelmaßes noch einen Moment des Friedens bringen.Überhaupt der Sex
: Da wäre die nie überwundende Ex-Ehefrau, die damals und heute stets betrunkene Geliebte, die kranke Witwe des gerade verstorbenen Freundes und dann noch mal eben zwischen den Jacken an der Bürogarderobe die liebesuchende Kollegin. Ihm ist halt der gute Beischlaf dreimal mehr Wert als ein gutes Gespräch.Sprachlich
schön ist auch dieses Buch des viel bedachten und gepriesenen Schriftstellers von Romanen wie "Ein Regenschirm für diesen Tag" und "Mittelmäßiges Heimweh". Doch inhaltlich zählt es zu diesen Geschichten, die wenig erhellen, dafür mit ihrer nihilistischen Weitsicht mehr deprimieren.[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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