Wenn
es ein Glück ist.
Liebesgeschichten von Adolf
Muschg (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin,
Januar 2008:
Der Eismann unter dem Mond
Adolf Muschgs Figuren sind Gefangene eines kleinen gesellschaftlichen
Mikrokosmos', Knechte des Augenblicks, die in ihrem unendlichen Leiden die
raren Glücksmomente in vollen Zügen genießen.
23 vom Autor selbst ausgewählte Erzählungen (verfasst zwischen 1964 und
2002) enthält der neue Band von Adolf Muschg, ehemaliger Literaturprofessor
in Zürich und bis 2005 Präsident der Berliner Akademie der Künste.
Liebesgeschichten werden uns im Untertitel avisiert, doch das ist leicht irreführend,
denn das Gros der Texte handelt von Schmerzen und Verlusten, von gebrochenen
Herzen und bisweilen krankhaften Obsessionen.
Auffällig an diesen chronologisch angeordneten Texten ist Muschgs schon früh
ausgeprägte sprachliche Meisterschaft und sein ausgeprägtes Gespür für
zwischenmenschliche Konflikte. Ob in Neuseeland, Argentinien, Japan, Indien
oder in einem Bergdorf - überall lauern die kleinen Katastrophen, die unter
Muschgs Feder nicht selten einen skurrilen Anstrich erhalten.
Im ersten Text ("Atsuko soll heiraten") begegnen wir einer 22-jährigen
Japanerin am Rande von Tokio. Ihr weitgereister sechs Jahre älterer Bruder
will sie verkuppeln und preist die Vorzüge der japanischen gegenüber der
europäischen Hochzeit. Seinen ehemaligen Mitschüler Hideo, einen
langweiligen Kernphysiker, hat er in seiner Rolle als Ehevermittler ausgewählt.
Gekka hyo jiin wird diese unkonventionelle Funktion im Japanischen genannt -
eine äußerst poetische Metapher, die übersetzt "Eismann unter dem
Mond" bedeutet.
Emotional eisig geht es häufig zu. Ein sterbender siamesischer Zwilling
berichtet über sein qualvolles Leben an der Seite seines Bruders, von dem man
ihn nicht trennen konnte ("Schluß mit der Tierquälerei"); eine
junge Krankenschwester fühlt sich von einem Medizinstudenten allzu arg bedrängt
("Besuch in der Schweiz"); ein Häftling sitzt in seiner Zelle und
wartet auf seine Hinrichtung, eine todkranke Frau lehnt die Behandlung ihres
Krebsleidens ab; eine verstörte Figur berichtet über sexuellen Missbrauch
und einen Mord; ein einstiges musikalisches Wunderkind lässt sich von
unbedarften Hotelgästen feiern; und ein gescheiterter Philosophiestudent
verliert seinen Job als Bodyguard.
Fein skizzierte Katastrophengemälde
Nein, das sind keine konventionellen Liebesgeschichten, sondern fein
skizzierte, erzählerische Katastrophengemälde. "Der Freie ist
derjenige, der vorausdenkt", heißt es in einem der Texte. Doch gerade an
dieser Fähigkeit mangelt es den Figuren. Sie sind Gefangene eines kleinen
gesellschaftlichen Mikrokosmos', Knechte des Augenblicks, die in ihrem
unendlichen Leiden die raren Glücksmomente in vollen Zügen genießen. Beim
73-jährigen Adolf Muschg geht es weniger um Erotik als vielmehr um kläglich
gescheiterte Kommunikationsbemühungen. Die Gesellschaft und die Privatsphäre
befinden sich in permanenter Interaktion. Und wenn es dann doch einmal zum
kurzen Augenblick des Glücks kommt, spitzt Muschg die Szenerie bizarr zu:
beim Autosex einer Todkranken auf einem verschneiten Waldweg und beim
Deserteur, der sich mit seiner einbeinigen, ehemaligen Französischlehrerin
einlässt.
Muschgs gesammelte Erzählungen beeindrucken auch durch ihre Polyphonie, durch
sein enormes imitatives Talent. In "Der Zusenn oder das Heimat"
lesen wir den aufwühlenden Brief eines angeklagten, einfältigen verwitweten
Bergbauern, der sich des Inzests schuldig gemacht hat.
Fremdkörper hieß ein 1968 erschienener Erzählband von Muschg, aus
dem drei Texte im neuen Band enthalten sind. Wie Fremdkörper bewegen sich
auch die meisten seiner literarischen Figuren durchs Leben, ewig suchend nach
ein wenig Halt und Geborgenheit in einer eisigen Welt.
[...diese und weitere
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