Wenn einen
Augenblick die Wolken weichen.
Briefwechsel 1912-1942 von Stefan
Zweig mit Friderike Zweig (2006, S. Fischer, hrsg. von Jeffrey
Sachs und Gert Kerschbaumer).
Besprechung von Katharina
Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 29.11.2006:
Er war ein Anderer
Über Stefan Zweig, den großen
Literaturunternehmer der Zwischenkriegszeit, ist das letzte Wort nicht
gesprochen
Es gibt eine Stefan-Zweig-Gesellschaft, es gibt
in den Vereinigten Staaten ein Zweig-Archiv; über sechzig Jahre nach seinem
Selbstmord im brasilianischen Exil sind alle seine Bücher, und es sind sehr,
sehr viele, in neueren oder älteren Ausgaben leicht zu erwerben. Denn Zweig war
in den Goldenen Zwanzigern ein erfolgreicher Kulturindustrieller und
Literaturunternehmer, und ein populärer Autor mit hohen Auflagen auch wieder
nach dem Ende des Dritten Reichs, vor dessen Verfolgung der Wiener "aus
bester jüdischer Bourgeoisie" schon 1934 nach England geflüchtet war.
Seine interessanten, aber recht unpersönlichen Erinnerungen an die Welt von
Gestern fehlten wie die Sternstunden der Menschheit in keinem Bücherschrank
der fünfziger Jahre.
Vergessen hatte man inzwischen, dass die "Inselbücherei" mit ihrem
kunstgewerblichen Design ebenfalls Zweig zum Urheber hatte. Unter der Überschrift
Kunstgewerbe lassen sich Zweigs vielfältige Arbeiten- Gedichte, Dramen, Erzählungen,
Romane, Reiseberichte und Biographien überhaupt einordnen. Nach einem Besuch in
Rodins Atelier, der gerade an einer Balzac-Büste arbeitete, notierte Zweig:
"In dieser Stunde hatte ich das ewige Geheimnis aller großen Kunst
gesehen." Inzwischen hat man neben den Tagebüchern auch viele seiner
Briefwechsel mit den celebrities seiner Zeit ediert. Aufschlussreich für
die Psychologie des geistesfrommen Kulturindustriellen Zweig ist der jetzt, nach
einer früheren Ausgabe endlich unzensierte mit Friderike von Winternitz, der
Lebensgefährtin und Ehefrau von 1913 bis 1934. Die Beziehung überdauerte die
Trennung des Paares und auch Zweigs neue Ehe mit Lotte, der Jahrzehnte jüngeren
Emigrantin aus Frankfurt, die ihm in London als Sekretärin empfohlen war.
An Friderike ist der bewegende Brief adressiert,
in dem Zweig sich auf sein Ende freut. "Du kannst Dir nicht
vorstellen", schreibt er wenige Stunden vor der Einnahme des Gifts,
"wie erleichtert ich mich seit diesem Entschluss fühle... Bleib guten
Muts, nun weißt Du mich doch ruhig und glücklich." Gründe führt er wohl
einige an - überzeugen tun sie alle nicht. Der gerade sechzig gewordene
brasilianische Emigrant war weder krank noch arm oder gefährdet - wie so viele
andere Flüchtlinge aus Europa. Er hatte außerdem eine junge Frau an seiner
Seite. Kein Wort darüber, warum sie mit ihm sterben wollte oder sollte... Eher
schon deutet die Depression, von deren Verschlimmerung er Friderike auch
schreibt, auf ein lebenslanges Unglück, das er mit Unrast und Arbeitswut
hintanhalten, durch Erfolge bloß betäuben konnte.
Die Biographie von Oliver Matuschek, pünktlich zum 125. Geburtstag Zweigs am
28. November vorgelegt - erst die zweite überhaupt - stimuliert die Neugier auf
Deutungen mehr als dass sie sie befriedigt. Der Autor, Jahrgang 1971, hat sich
am angelsächsischen Stil orientiert. Dort recherchieren Biographen zwar gründlich
und verschweigen nichts - wagen aber auch nie eine Deutung und sparen den
sozialen und historischen Kontext völlig aus. An die Stelle der kritischen,
psychologischen und soziologisch-historischen Analyse tritt eine
Hypergenauigkeit der chronologischen Erzählung auf vielen hundert Seiten, die
den Leser dann doch auch sehr ermüden kann.
Matuscheks Zweig-Biographie illustriert die Vor- und Nachteile der angelsächsischen
Biographik. Man wird nicht bevormundet, dafür so nüchtern informiert, dass
jeder, der einmal Zweig gelesen hat, gezwungen wird, sich selber einen Vers auf
den rätselhaften Menschen und zugleich eine repräsentative Gestalt des
Kulturlebens der Zwischenkriegszeit zu machen.
Zweig kam aus einer wohlhabenden Familie, deren Geld ihm seine Traumlaufbahn als
Künstlerfreund, Dichter und Ästhet erleichtert hat, bis er selbst viel Geld
verdiente. Am Anfang sammelte er Briefmarken, dann Autogramme von Berühmtheiten,
endlich Autographen zwischen Goethe und Hitler, von dem Zweig noch 1933 ein
Redemanuskript erwarb. Mit seinem überwiegend weiblichen Publikum verband ihn
die Faszination durch das Genie und den öffentlichen Erfolg. War er immer weltläufig
und liberal bei der Wahl seiner Themen und Helden, hat er die Grundlinie des
bildungsbürgerlichen Kunstglaubens, verbunden mit scharfem Kulturpessimismus,
doch nie überschritten. Er, der früh über ein perfektes Büro und gepflegte
Verbindungen verfügte, hasste natürlich die Moderne, die doch eigentlich sein
Spielfeld war. Vom Grammophon über das Radio bis zum Auto lehnte er alle
technischen Neuerungen ab, auch wenn er keine Skrupel hatte, im jungen Fernsehen
zu erscheinen oder auch im Radio aufzutreten. Ganz nach angelsächsischem
Brauch, enthält sich Matuschek jeder Analyse von Zweigs Werk und vermeidet es
auch, den Widersprüchen seiner Lebensführung nachzugehen. Man kann dieser großen
Figur der Zwischenkriegszeit aber nicht gerecht werden, wenn man ästhetischen
Fragen ebenso ausweicht wie persönlichen und psychologischen.
Rätselhafter Jugendwille
Zweig war ein workaholic und scheint der
literarischen Arbeit immer den Vorzug vor Leidenschaft und Leben gegeben zu
haben. Sein Versuch, Friderike im Briefwechsel als Erotiker zu imponieren, lässt
sich heute ebenso als Phantasmagorie durchschauen wie seine literarischen
Liebesgeschichten als Kunstgewerbe - nach Schnitzler. Matuscheks Biographie
blendet Literatur- und Zeitgeschichte aus, deutet aber im Detail auf einen
Menschen, dessen privates und öffentliches Leben ausgesprochen literaturfähig
wäre. Ich hätte mir gewünscht, dass in dieser Biographie mehr über Geld,
Politik und Zweigs Publikum zu lesen gewesen wäre. Noch mehr habe ich eine
Deutung des Menschen und Mannes vermisst. Schon in jungen Jahren hatte Zweig
Altersprobleme, denen er immer wieder Beschlüsse und Kuren entgegensetzte: Kein
Kaffee - keine Zigaretten! Turnen! Arbeiten in frischer Luft! Viel setzte Zweig
daran, ein jugendliches Erscheinungsbild zu konservieren. Weil er außerhalb
seiner im Grunde pubertären Bücherwelt trotz Friderike kein Leben hatte,
hasste der gefeierte Autor jeden seiner Geburtstage. Er wusste, dass er weder
als Bohémien noch als Dichter erstklassig war. Matuschek informiert
hervorragend, deutet vieles an, hat aber dann doch keinen Mut, das Leben des
repräsentativen Autors der Weimarer Zeit und seine Untergründe wirklich
auszuleuchten.
Man kann heute offenbar immer noch schwer darüber schreiben, dass ein berühmter
Schriftsteller, durch Naziverfolgung und Selbstmord für die Nachwelt geadelt,
jenseits aller Zeitgeschichte vor allem an seinem umständlich geleugneten
Schwulsein lebenslang gelitten hat. Ich glaube nicht, dass Zweig über sich
selber trotz all seinem Unglück Bescheid wusste. Die bürgerliche Kunstreligion
hatte ihm ästhetische Fluchtwege eröffnet, die Wiener Bohème dazu das
Klischee des Erotomanen geliefert, der er nicht war, das er aber, wie viele
andere Klischees, nicht zuletzt das des Ehemanns und Stiefvaters zweier Töchter,
tapfer zu erfüllen suchte. Alles in allem eine aufregende und verrückte
Geschichte, über die Matuscheks Biographie das letzte Wort noch nicht
gesprochen hat.
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