1.)
- 3).
Wenn
du wiederkommst.
Roman von Anna Mitgutsch (2010,
Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Cornelia Niedermeier aus Der Standard, Wien vom
5.3.2010:
Grenzen, von Menschen gezogen, reizten in ihrer Erstarrung schon immer den Widerspruch der Autorin Anna Mitgutsch. Ihre Protagonisten zog es hinaus, in die ungeschützte Weite jenseits des abgesteckten Territoriums sogenannter Normalität. Den Schmerz der Ausgrenzung, wie einer ihrer Romane heißt, haben sie fast alle erfahren. Auch die Erzählerin von Wenn du wiederkommst, ihrem jüngsten Roman.
Die Ehe, die sie seit 35 Jahren mit Jérôme verband, galt dem einfachen Blick längst als gescheitert. Seit 15 Jahren war das Paar geschieden, monatelang kehrte die Ich-Erzählerin jedes Jahr zurück nach Europa. Jérôme, der Anwalt aus jüdischer Familie und die gemeinsame Tochter Ilana lebten ohne sie und mit wechselnden Geliebten im Haus in Dedham, einem schäbigen Vorort Bostons. Doch was das Gesetz säuberlich trennte, hielt das Leben selbst, mit seinem tiefen Sinn für ungerade Linien. Jerôme und die Erzählerin lebten weiterhin wochen-, monateweise gemeinsam in dem Haus am Charles River, allen Verletzungen und wechselseitigen Untreuen zum Trotz geeint in tiefer, wortloser Verbundenheit.
"Wir waren in einem Abschnitt unseres Lebens, in dem die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint" , setzt die Erzählung ein, mit einem sanften Abschied und gemeinsamen Plänen - unmittelbar vor dem neuerlichen Abflug der Protagonistin nach Europa. Wenige Tage darauf erfährt sie durch einen Anruf ihrer Tochter vom Tod Jerômes. Ein Herzinfarkt.
Anatomie der Trauer
Wenn du wiederkommst folgt in seiner Gliederung den offiziellen Abschnitten des jüdischen Trauerjahres - der Schiwa-Woche, dem ersten Monat - und nähert sich darunter vorsichtig dem Erleben eines Zustands wort- und verständnisfremder Vereinsamung, in den der Tod die Zurückgebliebenen bannt. Einen Zustand, den der Körper weit schneller zu begreifen weiß als das Bewusstsein. Ein "Ein-Personen-Stück" , "Die Anatomie der Trauer" , nennt die Erzählerin zu einem späteren Zeitpunkt die irritierende Isolation eines fortgesetzten Dialogs, der ohne Antwort bleibt.
Mit der Anna Mitgutsch eigenen schmerzhaften Genauigkeit nimmt die Erzählerin in ihrer Betäubung die geschäftige Kühle wahr, mit der die Umgebung sich die Vergangenheit des Toten anzueignen - oder sich ihrer zu entledigen sucht. Im Haus in Dedham empfangen sie nach der Rückkehr Schwägerin Emily und Jerômes Bruder Harold. Ein Großteil der Papiere aus Regalen und Schubladen steht bereits in schwarzen großen Müllsäcken vor der Tür - darunter auch der gesamte Briefwechsel des Paares. Für den Nachlass unwesentlich, lautet, nicht frei von Bosheit, das Urteil des Schwagers.
Als Witwe gilt die längst geschiedene Frau weder ihm noch den Freunden Jerômes. Kaum einer der Gäste, die eine Woche lang nach jüdischer Tradition das Haus füllen, bezieht sie in seine Beileidsbezeugungen mit ein.
Eine neue Ausgrenzung, die eine weitere Gewissheit erschüttert, die auch sie selbst an der Liebe des Toten zweifeln lässt. Einmal mehr tut sich der Abgrund auf, der den Menschen von seinem Nächsten, selbst dem Geliebten trennt. "Wie hat er mich gesehen, und welches Bild hat er in den Monaten und Jahren meiner Abwesenheiten von mir entworfen, für sich und für die Freunde? Und was ist die Wahrheit? ... Habe ich so lange an meinen eigenen erfundenen Geschichten einer großen Liebe festgehalten, bis ich sie glaubte?" Die Antwort bleibt Schweigen.
Vielleicht gibt sie der Roman. In sorgfältig komponierter Verschränkung setzt Anna Mitgutsch Erinnerungen einer vierzigjährigen Vertrautheit gegen die Erschütterungen und bedrängenden Fragen der Zurückgelassenen. Erinnerungen, in denen es die unauffälligen Momente sind, in welchen das Glück seine stillen Höhepunkte fand. Etwa in den ungezählten Stunden im Auto auf einem Parkplatz im Nirgendwo, die die Eltern auf die Tochter warteten, ins Gespräch vertieft oder gemeinsam schweigend.
Wer ist Gott?
Die mühsame Suche des Verstehens und die Weigerung des Bewusstseins, den Tod anzuerkennen, schildert Anna Mitgutsch durch die verschiedenen Fantasien der zwei wunderbaren Protagonistinnen: in nächtlichen Begegnungen der Erzählerin und ihrer 31-jährigen Tochter Ilana vor den Bildern des Toten, in den Botschaften, die sie ihm, auf Zettel geschrieben, in der Erde des Grabes zustecken. Die Erzählerin, die Zweifelnde - selbst bei ihrem Übertritt zum Judentum erhielt sie einen Namen, der eine Frage war: Michal, was bedeutet: "Wer ist Gott?" - und Ilana, die warm Geliebte, fürsorglich Behütete, die einzige Tochter.
"Ich liebe alle, die es wagen, tief zu tauchen", hatte Anna Mitgutsch in ihrem letzten Roman Zwei Leben und ein Tag Herman Melville zitiert. Sie seien "wie die Wale der Weltmeere". Den Grund, so Melville, erreiche keiner - Anna Mitgutsch aber kommt diesem sprachlosen Grund wieder sehr, sehr nah.
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2).
Wenn
du wiederkommst.
Roman von Anna Mitgutsch (2010,
Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Ingeborg Waldinger in der
Neue
Zürcher Zeitung vom 29.4.2010:
Anna Mitgutsch, 1948 geboren und nach ihrer Rückkehr aus Boston wieder im heimatlichen Linz lebend, arrangiert den Roman «Wenn du wiederkommst» nach bewährtem Muster. Sie stattet die Hauptfigur mit autobiografischen Elementen aus und verknüpft deren Lebensgeschichte mit Themen, die schon ihr bisheriges Œuvre prägten: Emigration und Emanzipation, Identität und Fremdheit, Judentum und Zeitgeschichte. Auch viele Metaphern (Wasser, Haus, Foto und Spiegel) sind aus Mitgutschs früheren Romanen bekannt, etwa aus «Die Züchtigung», «Haus der Kindheit» oder «Familienfest». Und abermals geht es um Erinnerungsarbeit – als eine Suche nach der richtigen Wahrheit, wobei im Privaten stets eine politische Dimension mitschwingt.
All dies bildet die Grundmelodie zur bewegenden Totenklage einer Frau, deren feste Werte sich auflösen wie das Haus in den Suburbs von Boston: Ein vom Dauerregen verursachter Riss im Gemäuer weckt Assoziationen an Poes «House of Usher», und Jeromes Haus geht für die Witwe tatsächlich unter: Es wird geräumt und verkauft. Ihr Klagelied gilt aber auch der Trauer über die verwehrte Aufnahme in Jeromes Welt. Ihr Übertritt zur jüdischen Religion verwandelte die gefühlte in keine faktische Zugehörigkeit. Auch das Ehe-Experiment «Einander verpflichtet und zugleich frei» blieb Illusion. Jeder lebte seine Idee von Freiheit, jeder war in einer anderen Kultur verankert: «. . . es liegt nicht in der Natur des Menschen, das Fremde ohne Widerstreit anzunehmen».
Jerome wuchs als Sohn jüdischer Emigranten in Boston auf. Er liebte das Glücks- und Schauspiel, sammelte Münzen, Weine und Frauen. Er wurde Anwalt mit degressivem Karriereverlauf und progressivem sozialem Engagement. Er bereiste Europa auf den Spuren seiner Vorfahren, sammelte Material über den KZ-Tod einer Tante, ohne den Schuldigen (ihren Mann) stellen zu können. Zurück kam der Träumer mit Porzellan-Nippes, Erinnerungsstücken von äusserster Zerbrechlichkeit.
Der Tod gehört nach alter Redensart zum Leben, stürzt Jeromes Witwe aber in die «fremdeste Fremdheit»: Die rituelle Trauerwoche verkommt zur Party, Trostworte zu Floskeln. Zum menschlichen Verlust kommt die soziale Zäsur. Jerome hat seine Frau im Testament nicht bedacht, die Familie verwehrt ihr den Status der Witwe, Jeromes Bruder legt ihr die «ehelichen» Kredit- und Versicherungskarten zur Entwertung vor. Nun ist sie «frei, vogelfrei, in einem auf einmal wieder fremden Land».
Einfühlsam erzählt Mitgutsch vom existenziellen Drahtseilakt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Unrast und diffusem Heimweh. Atmosphärisch dichte Beschreibungen des amerikanischen Alltags untermalen ihre meisterhafte Psychodiagnostik der Trauer: Die sechs Kapitel des Buches umspannen das Jahr nach Jeromes Tod. Den Auftakt machen «Ein Tag im April» und «Drei Tage im Mai»; die beiden Hauptabschnitte, «Trauerwoche» und «Dreissig Tage», entsprechen dem jüdischen Trauerkalender; den Ausklang bilden «Das erste Jahr» und «Jahrzeit». Der Dehnung der Zeitspannen (vom Tag zur Jahrzeit) entspricht eine Deklination der Trauer: Auf Ungläubigkeit folgen Rebellion, Ohnmacht, Angst vor dem Vergessen und kritische Distanz. – Hatte die Erzählerin unter ihrer «Glasglocke» ein falsches Bild von Jerome gewonnen? Ihre Erinnerungen decken sich kaum mit jenen von Familie und Freunden. Selbst die Nachrichten auf Jeromes Handy, das Tagebuch auf seinem PC bleiben der Witwe verschlossen. Sie kennt die Codes nicht, wie sie auch die «Stichworte» seiner Welt nicht kannte. Doch das Buch endet versöhnlich – mit dem Aufbruch der Heldin zu neuen Ufern.
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3)
Wenn
du wiederkommst.
Roman von Anna Mitgutsch (2010,
Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger in den Nürnberger
Nachrichten vom 3.11.2010:
In einem Flugzeug nach Israel hatte sie ihn vor 35 Jahren
kennengelernt, den amerikanischen Juden Jerome. Sie redet deutsch und hat eine
Adresse in England. Sie ist nur sechs Jahre jünger als der noch mitten im Krieg
Geborene und rechnet sich schon zu einer nächsten Generation, den Hippies. Immer
ging es ihr vor allem um Eigenständigkeit. Nach all den Abenteuern treibt sie
nun die Vertrautheit wieder zurück. — Willkommen im Klischee. Der neue Roman der
österreichischen Weltbürgerin Anna Mitgutsch quillt über von Versatzstücken. Die
verbindet sie, indem sie auf der Stelle tritt, wobei sie ihre namenlose
Protagonistin hin und her jetten lässt zwischen den Kontinenten.
Fast 20 Jahre waren sie verheiratet, seit 15 Jahren sind sie geschieden. Nun
treffen sie sich wieder in Boston und planen einen Neubeginn. Fast hätte es
geklappt, doch da erreicht sie die Nachricht von seinem Tod. Fast wären sie am
Ende dieses Paar gewesen, das sie am Beginn sein wollten. Fast glücklich war sie
an jenem Wiederanfangstag im April gewesen, weil sie sich geliebt fühlte. Fast
alles in diesem Roman ist ein „Fast“. Das wirkt in der Summe vor allem gewollt.
Jeder von beiden hatte ganz dezidiert sein Leben geführt. Ihres bestand aus
Bücherschreiben und Unterwegssein, viel mehr erfährt man nicht; seines aus
ortsgebundenen pragmatischen Fantastereien. Letztlich hatte er ihre monatelange
Abwesenheit nicht mehr ertragen und die Scheidung gefordert. Dann schaffte er
sich eine Schar von Ersatzfrauen an, war ein bürgerbewegter Anwalt zerzauster
Underdogs, deren Gerüche sich im Haus mit dem der aufgenommenen streunenden
Tiere mischten. Was nach dem endgültigen Ende bleibt, sind zwei papierene
Figuren, von denen behauptet wird, sie hätten sich unterwegs verloren, weil sie
das Abenteuer des Begehrens nicht über die Zeit retten konnten.
„Eine neue Form der Ehe wollten wir führen, anders als unsere Eltern“, und
anders als die stillschweigend Tragödien ertragenden Freunde ringsum. Und
natürlich bleibt uns bei der Skizze solcher Besonderheit auch der Vergleich mit
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir nicht erspart.
Ungeschickte Stilisierungen kennzeichnen diesen Roman, der sich mit seinen im
weinerlichen Ton hingebreiteten Luxusproblemen querlegt beim Lesen. Die Frau ist
zum Begräbnis ins gemeinsame Haus bei Boston zurückgekehrt. Sie möchte gern die
Witwe sein, wird aber als solche nicht akzeptiert. So erträgt sie das Defilee
der Freunde und Verwandten, versucht sich der Tochter wieder zu nähern, die sie
einst dem Mann überlassen hatte, findet überall im Haus seine Spuren und führt
am Rande der Trauergesellschaft imaginäre Gespräche mit ihm. Hier vielleicht
misslingt der Roman am frappierendsten: Die Erzählerin redet unentwegt von
Jerome und doch ergibt das kein Bild. Alles ist wie ein Spuk, durch den sie
gespenstert. „Was ich auch sage, es klingt falsch, pathetisch und larmoyant.“
Eben! Bleibt also nur Kitsch?
Nicht ganz. Schön sind die Beschreibungen der US-Suburbs mit ihren von Malls und
Megamärkten umstellten Containerhäusern, bemerkenswert die Bräuche der dort
ansässigen Juden. Aber solche Schilderungen waren Anna Mitgutsch in Romanen wie
„Haus der Kindheit“ oder „Familienfest“ auch eindringlicher gelungen.
Die komplette Rezension von Ulrich Steinmetzger mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten!
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