Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C. Boyle, 2011, Hanser1.) - 2.)

Wenn das Schlachten vorbei ist.
Roman von T.C. Boyle (2012, Hanser - Übertragung
Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 3.2.2012:

T.C. Boyle: Geschichte vieler Invasionen
Umweltschützer gegen Umweltschützer: Der amerikanische Autor provoziert in seinem neuen Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist".

Nichts lässt er offen. Thomas Coraghessan Boyle füllt seine Wörter bis in die kleinste Ecke des Buchs. Dass er uns mit der (grandiosen) Beschreibung eines Schiffbruchs hilft, ist unumgänglich.

Aber selbst eine amerikanische Schnellstraße kann man sich nicht so vorstellen, wie man sich eine Schnellstraße vorstellen will. Der Kerl beschreibt sogar die Autos!

Bei der entscheidenden Frage allerdings, da lässt er uns allein. Boyle ist kein Prediger. Er hat sich ja selbst erst beim Schreiben von "Wenn das Schlachten vorbei ist" eine Meinung gebildet (die er nicht verrät).

Das macht er immer: Beim Schreiben löst er sich von vorschnellen Urteilen und öffnet sich.

Diese Frage lautet: Wer darf entscheiden, welches Lebewesen ein Recht zu leben hat und welches nicht?

Gleichgewicht

Womit wir in der kalifornischen Stadt Santa Barbara sind und auf den vorgelagerten vier Vulkaninseln. Anacapa zum Beispiel, die kleinste. Sehr schwarz. Keine Menschen. Fast nur Felsen. Und Tausende Ratten. Die sind ja gute Schwimmer, und einige hatten es vor 150 Jahren von einem untergehenden Raddampfers an Land geschafft.

Zumindest das ist keine Erfindung: Biologen des Insel-Nationalparks haben die Ratten vergiften lassen, um das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. Denn die Ratten fraßen die Vogeleier, und auch die Zwergfüchse verschwanden.

Um den "Mord" zu verhindern, hatte ein anders denkender Naturschützer Vitamin K auf Anacapa verstreut. Soll gut sein gegen Rattengift. Half aber nichts, weil es regnete ...
Wie man in Boyles Romanen mitunter merken kann, hieß einer seiner Lehrmeister John Irving (eben als Taschenbuch bei Diogenes erschienen: "Letzte Nacht in Twisted River").

Aber er verzettelt sich nicht, bleibt immer nah am Kern, will provozieren und ist mit 461 Seiten deutlich kürzer als Irving.

Invasion

Es ist eine Geschichte der vielen Invasionen. Der Mensch ist ein brutaler Eindringling, die Ratten auch, aber die können nichts dafür. Zusätzlich hat die staatliche Biologin Alma japanische Gesichtszüge – was ihrem noch verbisseneren Gegenspieler Dave LaJoy zusätzlich unangenehm auffällt. Der ist reich und hat Yacht. Die nennt er "Paladin". Ein heiliger Ritter also.

Beide Naturschutz-Kontrahenten sind Sturschädel. Reden können die nicht miteinander. Der Umgang mit Menschen liegt ihnen nicht.

Und es geht nicht allein um die Ratten: Auf der Nachbarinsel Santa Cruz leben wilde Schweine. Immer dasselbe: Einst hat sie der Mensch dort ausgesetzt, jetzt merkt er, dass das Öko-System kippt, und jetzt will er neuseeländische Jäger einfliegen lassen.

Ein großes Thema, das sich ausbauen lässt: Weil ein überfahrenes Rehlein so sehr rührt, während man das gekaufte Rehschnitzel in die Pfanne legt und trällernd mit Rotwein begießt.
Und wieso bekommt die weiße Ratte als Haustier Bussibussi und die andere, die schwarze Ratte, wird verteufelt? Bei den Tieren geht’s also genauso ungerecht zu. Obwohl am Ende Klapperschlangen eingesetzt werden, befriedigt Boyles Buch als reine Unterhaltung nicht.

Dafür sei ihm Dank.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C. Boyle, 2011, Hanser2.)

Wenn das Schlachten vorbei ist.
Roman von T.C. Boyle (2012, Hanser - Übertragung
Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 6.2.2012:

Der Makel heißt Mensch
Literarischer Tierschutz am Puls der Zeit: Der neue Roman von T. C. Boyle erscheint auf Deutsch – „Wenn das Schlachten vorbei ist“

Es geht um Leben und Tod. Es geht um die Schildgrille, den Tüpfelskunk, den Insel-Graufuchs, die Hirschmaus. Sie leben auf der kleinen Insel Anacapa vor der kalifornischen Küste – und werden ausgerottet von Ratten, die durch einen Schiffbruch an Land kamen. Während auf der Nachbarinsel Santa Cruz die Weißkopfseeadler bedroht werden durch eine große Schweinepopulation, einem unglücklichen Knoten in der Nahrungskette sei Dank. Hausschweine, von Menschenhand gebracht!

Naturschützer wollen die Ratten und die Schweine nun töten; Öko-Aktivisten kämpfen gegen den Plan – jedes Leben zählt. Von einer Schlacht ums Schlachten handelt der neue Roman von T.C. Boyle. Und größer als die Verwunderung darüber, dass Naturschutz und Öko-Aktivismus nicht zwangsläufig dasselbe meint und will, ist nur das Erstaunen über ein so abseitiges Thema. Die nördlichen Santa-Barbara-Inseln, also bitte.

Das ist ungefähr so, als würde man einen Roman schreiben über einen britischen Entdecker im Nigeria des 19. Jahrhunderts, über einen manischen Sex-Forscher oder über Hippies in Alaska! Tatsächlich gehören „Wassermusik“, „Dr. Sex“ und „Drop City“ zu den Glanzlichtern im Werk Boyles. Das Abseitige steht bei ihm immer auch für etwas Elementares. Und die Frage, wie der Mensch mit der Natur und ihren Tieren umgeht, ist für den überzeugten Vegetarier eine sehr, sehr elementare.

Die Tragik liegt darin, dass alle Protagonisten nur Gutes wollen. Die junge Naturschützerin Alma Boyd Takesue soll mit offiziellem Auftrag das Ökosystem der Inseln wiederherstellen. Sie sieht Systeme, nicht Individuen. Ist das falsch? Einmal überfährt sie ein Eichhörnchen. Sie tröstet sich, dass „dieses Tier in seinem Lebensraum weit verbreitet ist“, während es bei dem Meeting, zu dem sie es so eilig hatte, „um das Schicksal zahlreicher Spezies“ geht.

Ihr Gegenspieler heißt Dave LaJoy, ein impulsiver, unbeherrschter Aktivist: „Ich werde erst wieder höflich sein, wenn das Schlachten vorbei ist“, sagt er einmal zu Alma. Als auch er einen Tod zu verantworten hat, macht ihn das vor allem wütend: Bei einer Aktion auf einer der Inseln stürzt eine Studentin, wie ungeschickt!, in einen Canyon – und ertrinkt.

Wie überhaupt alle Toten in diesem Roman, und es sind gar nicht so wenige, im Wasser sterben: dem Element, aus dem alles Leben einst kam.

Den sich über mehrere Jahre hinziehenden Plot unterbricht Boyle mit Episoden aus den Familiengeschichten der Beteiligten. Sie dienen, da sie gepflastert sind mit so spektakulären wie tödlichen Boots- und Tauchunfällen rund um die Inseln, einerseits der Spannung. Andererseits gelingt Boyle hier die historische Verankerung des Konflikts: So wuchs etwa LaJoys Freundin Anise auf Santa Cruz auf und erlebte mit, warum die Schaf- und Schweinezüchter ihre Tiere zurücklassen mussten: weil die Besitzer die Inseln an Hobbyjäger vermieten wollten.

Blutige Kausalketten

Recht eigentlich ist Boyles Roman, der keine rückhaltlose Solidarisierung mit dem einen oder der anderen zulässt, eine Studie über Ursache und Wirkung. Es genügt ja ein einziger Gewehrschuss, um über 70 Lämmer zu töten. Ein Schuss, in die Luft gefeuert. Der die Mutterschafe in Panik weglaufen lässt, den Raben den Weg frei macht auf wehrlose Lämmer – hier liegt die blutige Kausalkette ja offen zutage: „Die dünnen Beinchen zuckten noch“, heißt es, „die Augenhöhlen waren blutig und leer, aus den Bäuchen hingen die bläulichen Eingeweide.“ T. C. Boyle hat einen apokalyptischen Roman geschrieben, der uns wenig Hoffnung lässt: Letztlich scheint jede menschliche Regung auf diesem Planeten von Schuld begleitet.

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