Wenn das der Führer wüßte von Otto Basil, 2010, MilenaWenn das der Führer wüßte.
Roman  von Otto Basil, (2010, Milena Verlag).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 22.10.2010:

Als Hitler den Krieg gewann
Diese Wiederentdeckung ist zum Fürchten: Ein Roman, in dem die Nazis 30 Jahre regieren. Zum Reich gehören auch Afrika und die USA.

Wer diese gespenstische Reise mitmacht, meist im VW eines gewissen Albin Totila Höllriegl, startet in der Kleinstadt Heydrich. Er wird aber auch nach Schicklgrube kommen und über Göringstadt informiert werden.
An UmL-V (Vernichtungslagern) geht die Fahrt vorbei. An Kirchen, in denen schwarze Hakenkreuze an die Wand genagelt wurden. An Plakaten mit dem gotischen Schriftzug "Die Partei denkt für dich".
Im Autoradio wird verlautbart, dass die tägliche Frühsendung "Deutscher Glaube" ab sofort nicht mehr mit Tamtamtamtam, sondern nur mit Tamtam eingeleitet wird.
Die Welt riecht entweder nach Pissoir und Lysoform oder nach bürokratischem Staub.

Tiermensch

Man begegnet Kreuzungen aus Germanisch-Blond und Slawisch-Blond. Das sind tarke Kämpfer! Man begegnet Menschen, die grunzend auf allen Vieren gehen - Tiermenschen, Rückzüchtungen aus "Untermenschenmaterial".
Intellektuelle wird man in den Dörfern und Städten hingegen nicht sehen. Die haben sich in unterirdische Stollen verkrochen und arbeiten an Studien wie etwa "Der Mutterkuchen als rituelle Mahlzeit bei den Cora-Indianern" ... Irgendetwas muss man ja tun.
So geht Otto Basils "Wenn das der Führer wüßte" . 1966 erschien die Satire, bei der man niemals lächelt, sondern mit offenem Mund dasitzt, zum ersten Mal.
Die Wiederentdeckung lässt erschaudern.
Bei Basil (wir reden gleich über ihn) hat Hitler-Deutschland den Krieg durch einen Atombombenabwurf auf London gewonnen. Gleich im ersten Kapitel stirbt Hitler - dahinter steckte ein potenzieller Nachfolger.
Die Welt ist zweigeteilt. Das Germanische Großreich zieht sich bis Afrika, die USA sind ein Vasallenstaat mit Kukluxern an der Spitze geworden. Nur die Japaner, die gehören nicht dazu; und greifen an.
Der Autor verfolgt auf Schritt und Tritt Albin Totila Höllriegl, einen extremen Hitler-Verehrer aus der Ostmark (Hauptstadt im ehemaligen Österreich ist übrigens Stadl-Paura, nicht mehr Wien).
Experte für "nordische Lebensberatung" ist Höllriegl auch. Er kommt "auspendeln", wenn jemand an Schlaflosigkeit oder Kopfweh leidet. Alle leiden. 30 Jahre Nationalsozialismus zeigen ihre Wirkung.

Rücksichtslos

Sämtliche Romanfiguren sind zum Kotzen. Otto Basil machte nicht einmal vor einem Juden Halt. Der hatte als Kapitalist Hitler an die Macht geführt und legt nun zwischendurch Lebensbeichte ab.
Basil hat sich wirklich nichts gepfiffen. Rücksichtslos war er auch den Lesern gegenüber. Endlos zählt er auf, welche Verbände zu Hitlers Begräbnis kommen.
Man liest es trotzdem.
Wort für Wort.
Ein endloser Schock.
Und man denkt daran: Die westlichen Werte, die heute mit vollem G'schäft verteidigt werden - sollte man angesichts der Geschichte des Nationalsozialismus, die nichts von ihnen übrig ließ, nicht den Mund halten? Darauf zielte Otto Basil ab.
Der Wiener (1901- 1983) war wie Hans Weigel Förderer der jungen Literatur. In seiner Kunstzeitschrift Plan stellte er nach dem Krieg Texte von Aichinger, Lebert, Mayröcker, Fried vor. Er war Dramaturg am Volkstheater und Kulturchef der Tageszeitung Neues Österreich.

Es geht im Buch Gott sei Dank auch um Sex. Weil Sex nur erlaubt war, um Kinder zu zeugen, standen die Säfte bis unterm Hut. So schaffte es Basil nebenbei, die Prüderie der echten 1960er-Jahre zu skizzieren. Sein Herrenmensch Höllriegl jedenfalls kann - in aller Heimlichkeit - keiner herumliegenden Damenunterwäsche widerstehen. Und der aus dem Fernsehen bekannten Nazi-Frau Nummer 1 Ulla von Eycke beißt er in die hautenge Reithose. Er wird dafür ausgepeitscht. Das mag er besonders.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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