Wenn Blicke Seelen streicheln.
Nepalskizzen von Christine Gradl (2000, Wiesenburg-Verlag).
Besprechung von Anant Kumar mit eigener Homepage!

Das achtzigseitige Buch besteht aus vierzig kleineren Texten, die sich mal poetisch und mal berichtend um den humanitären Einsatz „Global Eye Mission Africa Luz Deutschland“ vom April 2000 in Kathmandu – Nepal drehen. Eine gelungene Wohltat der wohlhabenden Welt, um einigen lichtlosen Augen des „armen“ Erdteils Lichter zu schenken. Also, eine Tätigkeit, die noch einen Funken Hoffnung in unserer zerstreuten verwirrten Welt sieht.

Und genau diesem Funken einer besseren Zukunft widmet sich die Verfasserin der „Nepalskizzen“, Christine Gradl – entschlossen. Sie ist keine Touristin in Kathmandu, und sie lässt sich weder von der hohen Straßenarmut bedrücken noch von dem alltäglichen Durcheinander irritieren. Anstatt dessen ist die Autorin bemüht, die Freude, das Humane und die Seele der in der hohen Armut lebenden Menschen poetisch zu erfassen. Und das gelingt ihr:

SIE SIEHT MICH AN/ DIE GREISE NEPALESIN./ TIEFE FURCHEN DURCHGRAGBEN IHR GESICHT –/ STRASSEN DES LEBENS/ VOM SCHICKSAL GESCHRIEBEN. (S. 31)

Und eine Strophe weiter:

SIE LÄCHELT MICH AN./ IM MOMENT SIEHT SIE NUR MICH/ EINE FRAU, DIE ES GUT MIT IHR MEINT./ MEINE HÄNDE HÄLT SIE FEST/ WÄHREND DER OPERATION/ AUCH DANACH –/ BIS SIE MIT DER RIKSCHA NACH HAUSE FÄHRT. (S. 31)

Christine Gradl hat keine Gemeinsamkeiten mit Reiseleiterinnen, die sich belanglos in ihren „Kultur-Schock-Heften“ über die Flugverspätungen, den Straßendreck und über die Hektik der Drittweltländer aufregen oder sich darüber lustig machen. Die Autorin möchte auch kein Ethnologe sein. Sie nimmt zwar die Unterschiede wahr, aber ihr Anliegen ist nicht, diese Differenzen übertrieben zu thematisieren und danach an die Leser der zivilisierten Welt geschickt als Sensationsware zu verkaufen. Jene Dinge werden nüchtern als Gefüge der anderen Welt dargestellt:

„Da der Wagen keinen Scheibenwischer besitzt, gibt es auch keine Möglichkeit, den Wassermassen Paroli zu bieten. Unser Fahrer fährt also im wahrsten Sinne des Wortes blind.“ (S. 59)

Der Jahrhundert-Reporter, Ryszard Kapuscinski, sagt: „Gute Reporter sollten die Menschen lieben. Das ist das Wichtigste. Aber es gibt viele, denen man ansieht, dass sie den Leuten misstrauen, viele, die nicht offen auf die Leute zugehen.“ Durchaus Recht hat er. Die Tugend der Liebe zu den Mitmenschen lässt sich schlecht lehren. Manche wie Christine Gradl haben diese Tugend in sich.

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Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Anant Kumar