Wem gehört eine Geschichte? von Norbert Gstrein, 2004, SuhrkampWem gehört eine Geschichte?.
Fakten, Fiktionen und ein Beweismittel gegen alle Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens von Norbert Gstrein (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 14.09.2004:

Zur Verteidigung der Poesie
Norbert Gstrein verfasst eine Streitschrift in eigener Sache

Es ist für einen Schriftsteller unüblich und oft auch unklug, direkt auf Kritik an einem seiner Bücher zu replizieren. Auf ästhetischem Feld, wo die Geschmacksurteile herrschen, entbehren Argumente einerseits der zwingenden Beweiskraft, anderseits ist es nicht jedem künstlerischen Synthetiker gegeben, dem kritischen Analytiker auf dessen Feld Paroli zu bieten. Wenn sich Norbert Gstrein trotzdem dazu entschlossen hat, so um einer Polemik entgegenzutreten, die ihm vorgeworfen hatte, sich mit dem Roman «Das Handwerk des Tötens» (2003) an der Person Gabriel Grüners vergangen zu haben, eines «Stern»-Journalisten, der 1999 in den Wirren des Kosovo-Konfliktes erschossen wurde.

Gstrein, der mit Grüner aus Innsbrucker Studientagen lose befreundet war, hatte dessen Tod zum Anlass genommen, sich nachträglich der Wirklichkeit des Krieges in Ex-Jugoslawien anzunähern, nachdem er auf Reisen durch Ostslawonien und Bosnien auf eine «groteske Friedlichkeit» der «Landschaften nach der Schlacht» sowie in den Ereignissen auf den patriarchalischen und katholischen «Geruch» seiner eigenen Tiroler Herkunft gestossen war. Grüners Tod legte der Vermutung eines Zusammenhangs von Provinzlertum und Grössenwahn ein Geschehen zugrunde, zugleich liessen sich an seiner Beobachterrolle Erkenntnis- und Darstellungszweifel, Ideologie- und Medienkritik festmachen - seit längerem schon Grundelemente Gstrein'schen Erzählens. Nicht die Person Grüners steht also im Mittelpunkt des Romans, sondern der Zusammenhang von Wahrheit und Wahrnehmung. Es ist eine ironisch-dialektische Pointe, dass selbst der Frontreporter, der als authentischer Zeuge unmittelbare Präsenz markiert, am Ende nicht zu sagen vermag, wie es eigentlich gewesen ist.

Beobachten des Beobachtens

Fern liegt Gstrein ein erzählerischer Realismus, der, womöglich der einfachen Chronologie gehorchend, um einen Plot herum organisiert ist. «Das Handwerk des Tötens» ist als hybride Konstruktion dreier Fiktions- und Darstellungsebenen angelegt: Ein Ich-Erzähler rekapituliert in langen Dialogen die ebenso obsessiven wie aporetischen Versuche des Journalisten Paul, über das Leben und Sterben des in Kosovo getöteten Kriegsreporters Christian Allmayer einen reisserischen Roman zu schreiben. Der Vorwurf der Denunziation zielt schon hier ins Leere: Als Figur in der Kritik steht der moralisch und ästhetisch verwirrte Paul, nicht der melancholisch-tragische Allmayer, dessen Ähnlichkeit mit Grüner im Ungefähren bleibt. Das Beobachten des Beobachters des Beobachters lässt die Fakten bei Gstrein immer schon zur Fiktion und das Erzählen zur Theorie werden. Dem Wissen des Nichtwissens folgt eine Zurückhaltung, die sich auch in der Buch-Widmung äussert: «Zur Erinnerung an Gabriel Grüner, über dessen Leben und Tod ich zu wenig weiss, als dass ich davon erzählen könnte.»

Man kann Gstrein eine gewisse Übersteigerung des Formalen vorwerfen (oder diese als Bedingung der Möglichkeit zeitgemässer Ästhetik begreifen), ihm Rufmord zu unterstellen, wie dies Personen aus dem näheren Umfeld Grüners getan haben, erscheint absurd. Es macht gerade den Witz seines Romans aus, gegen jede Art von Personalisierung und Emotionalisierung fundamentalen Einspruch zu erheben. Dennoch gab es in der Klatschpostille bis zum Grossfeuilleton - wohl kaum zufällig ausschliesslich in Hamburg und Wien - den Versuch, das Buch auf einen Schlüsselroman zu reduzieren, zu skandalisieren und (gegen eine Mehrheit der Kritik) ästhetisch völlig zu disqualifizieren. Immerhin mag man für die österreichischen Invektiven Verständnis haben, da Gstrein im Text Schriftstellerkollegen nicht gerade zimperlich angreift und einige groteske Nebenauftritte haben lässt (wobei die Identitäten oft unklar sind). Die poetische Anlage und die literarische Aussage des Romans indes bleiben im Kern davon unberührt.

Gstrein erklärt sich seine Ächtung damit, dass er in den streng markierten, privaten Bezirk zweier Lebensgefährtinnen Grüners eingedrungen sei, beide mit schriftstellerischen Ambitionen. Dass die eine ihre guten Beziehungen zur Wiener Literatur-Kamarilla spielen liess, gibt ihm Gelegenheit, mit ätzendem Witz deren eher unbeholfene Mobbing-Strategien darzulegen, wobei er selbstironisch-kokett ähnliche Ausgrenzungserfahrungen von Danilo Kiš und Imre Kertész ins Spiel bringt. Gewichtiger als anekdotisch belegte Wiener Intriegen indes ist die ästhetische Argumentation, dass man es ihm grundsätzlich übel nehme, dass er in seinem Roman statt auf Sentiment und Nähe auf Denken und Distanznahme setze. Neben der anmassenden Vorstellung, einen Toten als Thema «besitzen» zu können, ortet Gstrein an dieser Stelle den naiven Glauben, dass der Königsweg zur Wahrheit der Realismus des Authentischen sei.

Polemik und Poetik

Spätestens hier weitet sich die Polemik zur Poetik. Mit Bernhard-Henri Lévys «Wer hat Daniel Pearl ermordet?» knöpft Gstrein sich ein Buch vor, das, um bis in die letzten dramatischen Momente eines Lebens vorzudringen, vor pathetischer Einfühlung und salopper Erfindung nicht zurückschreckt. So gut gemeint Lévys Bemühungen um Authentizität sind, sie verwechseln «Kitsch mit Pietät» und verstricken sich in der «Pornografie einer allzu grossen Nähe». Gstrein wendet sich entschieden gegen diese marktgängige, «fein abgestimmte Mischung aus Moralismus und Obszönität», welche der «Ästhetik des Trivialromans» und dessen «Abbitteprogramm» gehorcht. Literatur, wie sie ihm nach all den Katastrophen des Jahrhunderts vorschwebt, baut auf die Abwesenheit von Sinn, schafft Nähe durch Distanz und Wissen durch Verfremdung. Der Schriftsteller wird zur «Trümmerfrau des Faktischen, auf dass sich aus den Bruchstücken am Ende doch etwas Flugfähiges ergebe». Dokumentarismus und Imagination, Konstruktion und Verfremdung heissen die Mittel des paradoxen Versuchs, der Literatur mit «ihren eigenen Mitteln zu entkommen».

Eine Rezension von Gstreins Schrift wäre nicht vollständig, würde man nicht deren entspannte Seiten erwähnen: die behutsame Schilderung der Bekanntschaft mit Gabriel Grüner und dichte Reisebeschreibungen aus Serbien, Bosnien und Kroatien, die von der nachwirkenden Dämonie des Krieges zeugen. Auch darf man sich den Autor nicht verbittert vorstellen, im Gegenteil, seine souveräne Heiterkeit macht die Lektüre zu einem lehrreichen Vergnügen. Im Übrigen weiss Norbert Gstrein, wie lächerlich im smarten Betrieb anmuten mag, was er als eine «Frage der Ehre» betrachtet. Die zeitgenössische deutschsprachige Literatur ist arm an eleganter Polemik. Hier liegt ein Glanzstück vor, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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