Welt aus
Glas.
Roman von Ernst-Wilhelm
Händler (2009, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, 30.9.2009:
Im Glasroman
Wie im
Film rast man in einer Verfolgungsjagd über die Straßen von Tijuana und in den
neuen Roman von Ernst-Wilhelm Händler hinein, der sich so bestsellerhaft
präsentiert, dass es schon wieder stutzig macht. Aber warum soll ein Autor, der
im Hauptberuf Unternehmer ist, nicht ein guter Verkäufer sein?
Am Steuer mit wehendem Haar Jacob Armacost, ein New Yorker
Glaskunsthändler in den besten Jahren, erfolgreich und souverän, besonders wenn
es um Frauen geht. An seiner Seite Madeline, eine wichtige Kundin, die sich,
reich und anlehnungsbedürftig, unter einer aufregenden Mexikoreise mit Jacob
eigentlich etwas anderes vorgestellt hat, als entführt oder erschossen zu
werden. Denn im Rückspiegel rückt unerbittlich ein zu allem entschlossener
mexikanischer Polizist näher, der mit Jacob ein Hühnchen zu rupfen hat. Da ein
Menschenleben in Mexiko entweder sehr viel oder gar nichts wert ist, muss Jacob
es irgendwie zum Immigrationposten an der Grenze schaffen.
Dahinter liegen sichere Welten, die USA und Europa - wo
Jacobs Ehefrau Jillian gerade auf ihre Weise damit beschäftigt ist, sich auf die
richtige Seite zu retten. Durch einen übereilt abgeschlossenen Kunstdeal Jacobs
steht die gemeinschaftlich betriebene Glasgalerie nämlich vor dem Aus. Aber
Jillian ist ein Profi. Als ihr unverhofft eine außergewöhnliche Glassammlung
angeboten wird, pokert sie nach allen Regeln der Kunst - einer subtilen Mischung
aus Einfühlungsvermögen und Gefühlskälte - drei superreiche Sammler zur
benötigten Millionensumme hoch.
Geld hat in Jillians Leben einen ebenso hohen Stellenwert wie Glas, und doch ist
es nur Mittel zum Zweck. Sie will sich von Jacob trennen, um endlich autark zu
sein, wie die vielen Glaskunstwerke, die sie deshalb so liebt, weil sie eine
jeweils individuelle Welt, einen lebendigen "Rhythmus von Ekstasen und
Müdigkeiten", unangreifbar in sich beschließen und auf ewig bewahren.
Sinnlicher Abenteuerparcours
Hingebungsvoll kann sie sich in Objekte versenken, so dass
der Roman mit Liebhaberwissen und Reflexionen nicht nur zur Kunst von Venini und
Martinuzzi glänzt, sondern auch zu den Mailänder Prada- und Dolce-&-Gabbana-Stores,
deren Raumdesign Jillian als eine Art sinnlichen Abenteuerparcours durchläuft.
Den Eskapaden ihres Ehemannes, der sich lieber mit weiblichen Körpern befasst,
stehen ihre intensiven Objekterkundungen in nichts nach.
Immer wieder hat Händler sich in seinen Romanen über Wissenschafts- und
Unternehmenskulturen, Architektur und den Kunstbetrieb unserer Zeit auf
eigenwillige Weise auch mit dem Thema Körperlichkeit befasst. In "Welt aus Glas"
kommen zeichenhafte Körperchoreografien und entschwebende Körperteile zwar
allenfalls in einer leserfreundlichen Schrumpfform vor, doch spielt sich auch
diesmal Aufregendes zwischen menschlichen Leibern und unbelebten Objekten ab,
und sei es in den nüchternen Gefilden der Hochfinanz, wo Händler etwa einen der
potenten Glassammler erkennen lässt: "Das Ego der Menschen, denen Geld als Geld
etwas bedeutet, ist ausgedehnt, aber es ist völlig formlos. Es kann nur eine
Form annehmen, wenn es etwas umschließt. Mein Ego wäre genauso formlos, wenn ich
nicht das Glas sammeln würde."
Freilicht-Pornos für den Bestseller
Das Interessanteste an Formen sind freilich deren Ränder, und
so besteht der Roman auch aus der Inszenierung von Grenzgängen. Statt das
freigiebige Angebot der nicht nur finanziell gut gepolsterten Madeline zu
nutzen, verliert Jacob sich hinter, vor und unter der Grenzbefestigung zwischen
Mexiko und den USA in Penetrations- und Machtspielen mit der stolzen Besitzerin
des "flachsten Bauches, den er jemals berührt hatte".
Die Freilicht-Pornos mit der Mexikanerin sind prominent in Szene gesetzt, und
das wohl nicht nur zugunsten des Bestseller-Drives, sondern auch, weil
Bedeutsamkeit sich im Leben perfiderweise oft da ansiedelt, wo man sie lieber
nicht hätte: Nichts ahnend wird Jacob hier zum Handelsobjekt, ab sofort steht
sein Leben auf dem Spiel.
"Welt aus Glas" erzählt von der Metamorphose zweier Menschen, die auf Rettung
sinnen. Raffiniert sind die Schicksale der unterschiedlichen Ehepartner
aneinander vorbei gebaut, und immer enger wird im Strudel der Handlungsstränge
das Glück des Einzelnen eingekreist. Auf der Suche nach ihrem Seelenheil werden
die gängigen Währungen menschlichen Verkehrs einer Eignungsphilosophie
unterzogen: Geld, Sex, auch die Sprache. Jillian und Jacob wird klar, dass deren
meisterliche Beherrschung allein nicht ausreicht. Es gilt vielmehr sich selbst
zu bewegen, die eigene Seele umzuformen.
Es ist ein lustvoller, aber auch ein kühl konstruierter Roman. Jillian und Jacob
sind exemplarische Menschen. Eine "Grammatik der Klarheit" ist Händlers
erklärtes Anliegen, und in der Tat sind die Mechanismen, die unser Dasein
lenken, hier glasklar aus dem verwirrenden, betörenden und erdrückenden Wirken
der Wirklichkeit herauskonturiert.
Doch transparent in einem simplen Sinn ist der Roman nicht. Jillians ausufernder
Hang zur philosophischen Feinanalyse wie auch Jacobs sex- und selbstverliebte
Gedanken - "Niemand, den er kannte, fickte so wie er" - werden so enervierend
vorgeführt, dass es nur einen Zweck haben kann: Kunstfanatikern und Frauenhelden
stellvertretend für den Rest der Welt klar zu machen, dass auch ein perfekt
gepflegtes Einzeluniversum aus sich alleine keine rettende Dynamik entwickeln
kann. Darauf hat man sich ebenso einzulassen wie auf ein "Bombardement von
Robinsons Geschäftsideen, von Bovas ökonomischen Vorträgen, von Benfords
politischen Ansichten", auf immer wieder bedeutsam durchs Bild irrlichternde
Dämonen oder Feen, lebendige Glaspflanzen oder darauf, dass am Ende gar das Geld
und der Tod Gestalt annehmen und sich in einem Stelldichein bekämpfen. Bei all
diesen Möglichkeitsformen der Daseinsbewältigung ist der "Eindruck im
Durchlicht" nicht immer gleich erhellend - doch liegt, zumindest für
Kunstsammler, in Rauheiten, Schlieren und lichtschluckenden Stellen durchaus
auch ein besonderer Reiz.Auf weite Strecken liest man einen ebenso rasant
wie elegant erzählten, geistreichen und verführerischen Roman, der in einer Welt
spielt, die man in der deutschsprachigen Literatur nicht unbedingt gewöhnt ist:
urban, weltläufig, nicht zuletzt auch wohlhabend. Händler, selbst ein Insider
der Geschäftswelt, lässt seine Leser die Lust an der Bewegung von Waren und am
geschmeidigen Fluss der Millionenbeträge spüren. Der Mammon ist hier alles
andere als schnöde, vielmehr muss ihm ein ebenso elementarer Daseinszweck
zugestanden werden wie dem Jacobs, der lieber noch als Geld Frauen bewegt: "Der
Sex und das Geld trieben die Welt an, die Kunst verschönerte die Tour." Parliert
wird dabei englisch, italienisch und spanisch, man schreitet durch Architektur
und Innendesign vom Feinsten, kann aber auch einen verträumten Zaubergarten aus
Glas entdecken - und bei allem ist "der Zugewinn der Branche Menschenhandel
gegenüber Drogenhandel und Menschenschmuggel" in Mexiko so prominent behandelt,
dass sich der Roman gar nicht erst dem Vorwurf splendider Isolation aussetzt.
Zuletzt liefert Händler seinen Lesern sogar ein Happy End, so dass man sich
wieder in einem amerikanischen Film wähnt, in dem alles doch noch - war es der
liebe Gott oder einfach nur ein schöner Zufall? - zurechtgebogen wird. Es ist
ein groteskes Ende, denn nicht das Schicksal ist es, das als Deus ex machina
auftritt, sondern die Ironie des Schicksals.
"Welt aus Glas" ist der kühne Versuch, den Leser mit den Mitteln des Bestsellers
zu der wenig verheißungsvollen Frage nach einer moralischen Standortbestimmung
für unsere Zeit zu verführen: Woran halten wir uns fest, nachdem Gott tot ist
und höchstens noch - im Roman sehr schön und unaufdringlich - als leise Hoffnung
oder kalter Hauch in Dämonen- oder Glücksfeeform herumgeistert? Und spielen Gut
und Böse wirklich noch eine Rolle? Nachdem Händler zuletzt in "Die Frau des
Schriftstellers" die vertrackten Denkbewegungen und Materialschlachten in einem
Autorenhirn dargestellt hatte, durfte man auf das Formgebungsprinzip des neuen,
sechsten Romans gespannt sein. Wieder liegt es im Stoff selbst: Wie beim
künstlerischen Prozess der Glasgestaltung beginnt der Roman als heißer,
mitreißender Fluss, der nach und nach schwergängiger wird und sich schließlich
zu einem irisierenden, aber klaren und letztlich kalten Gesamtbild, zu einer
gläsernen Welt verfestigt.
In ungewohnt geschlossener und glatter Manier stellt Händler in "Welt aus Glas"
Konturen und Bewegungen unserer Gegenwart zur Schau. Ebenso faszinierend wie
befremdend, in einer mit Sinnlichkeit gepaarten Konstruiertheit und einem Glanz,
hinter dem sich Tiefe verbirgt, kalt und störrisch, aber zugleich beredt und
beseelt, hat der Roman etwas mit den Glaspflanzen Napoleone Martinuzzis gemein,
die Jillian in Mailand entdeckt, Unikate, für die einige wenige Menschen bereit
sind Millionen zu zahlen.[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
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