Weitermachen ist mehr, als ich tun kann, Briefe von Samuel Beckett, 2013, SuhrkampWeitermachen ist mehr, als ich tun kann.
Briefe 1929-1940 von Samuel Beckett
(2013, Suhrkamp, hrsg. von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn und Lois More Overbeck - Übertragung Chris Hirte).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.03.2013:

Lob für Würzburg, Häme für Nürnberg
Ein Lesevergnügen: Briefe Samuel Becketts liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor

Samuel Beckett (1906–1989), der Klassiker des absurden Theaters, war auch ein großer Briefeschreiber. Den Beweis liefert der erste Band ausgewählter Korrespondenz, der jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Darin kommt die Stadt Nürnberg allerdings nicht gut weg.

Beckett steckte in den 30er Jahren in einer tiefen persönlichen Krise: Seine Jugendliebe Peggy Sinclair und sein Vater waren kurz nacheinander gestorben, beruflich befand er sich in einer Sackgasse, seine ersten schriftstellerischen Versuche verliefen alles andere als erfolgreich, finanziell war er völlig von seiner Mutter abhängig, die ihm ständig Vorwürfe wegen seiner Untätigkeit machte.

In einem Brief an seinen Freund Thomas McGreevy heißt es: „Jahrelang war ich unglücklich, bewusst & vorsätzlich, seit ich mit der Schule fertig war... wenn mir das Herz keine Todesangst eingejagt hätte, würde ich immer noch saufen & lästern & herumlungern & im Gefühl leben, mir für alles andere zu schade zu sein.“ Eine ganze Reihe psychosomatischer Beschwerden – Schlaflosigkeit, Herzrasen, Angstzustände, Hautausschläge – quälten den jungen Mann so sehr, dass er sich auf Anraten eines Freundes 1934/1935 in London einer Psychoanalyse unterzog. Parallel dazu begann er die Arbeit an seinem ersten Roman „Murphy“, den allerdings jahrelang kein Verlag veröffentlichen wollte. Insgesamt 42 Absagen musste Beckett verkraften, bis das Buch 1938 endlich erschien.

Diese Zeit der Krisen steht im Zentrum des Bandes „Weitermachen ist mehr, als ich tun kann“ mit Briefen aus den Jahren 1929 bis 1940. Er erlaubt einen neuen, sehr persönlichen Zugang zum Leben und Werk des geheimnisumwitterten Schriftstellers und ist eine überaus aufschlussreiche Ergänzung zu der bekannten Biographie von James Knowlson. Denn hier lernt man den späteren Literatur-Nobelpreisträger, der sein Privatleben radikal von der Öffentlichkeit abschirmte, in einer entscheidenden Lebensphase aus erster Hand kennen.

In diese Zeit fällt auch Becketts Deutschlandreise 1936/37, die ihn von Hamburg bis nach Bayern führt. Bamberg, Staffelstein, Würzburg, Nürnberg, Regensburg und München sind die Stationen, die auch in Briefen und Postkarten auftauchen. Über Nürnberg, den „Sitz des Judenhetzers Streicher und seines Drecksblatts“, regt er sich ziemlich auf: „Der Dürersaal im Germanischen Museum ist ein Skandal. Sie haben so wenig von ihm, dass jeder alte Lumpen, der dreckig genug ist, um vielleicht aus seiner Werkstatt zu stammen, dafür herhalten muss.“

„Wunderbarer Tiepolo“

Besser gefällt es dem Kunstliebhaber in Würzburg: „Die Tiepolo-Fresken in der Würzburger Residenz waren wundervoll.“ Während seiner sechsmonatigen Reise führte Beckett bekanntlich auch Tagebuch. Diese „German Diaries“, deren Veröffentlichung bisher vom Nachlassverwalter verhindert wurde, sollen in naher Zukunft nun doch publiziert werden.

Becketts Briefe und Tagebücher erlauben viele überraschende Rückschlüsse auf sein literarisches Werk, ja manche Briefstellen tauchen fast wortgetreu später in seinen Romanen wieder auf. „Beckett entblößt, präsentiert, offenbart sich in seinen Briefen, gelegentlich wütet er, selten theoretisiert er, noch seltener rechtfertigt er sich“, schreibt Dan Gunn in der Einführung.

Über 15000 Briefe hat Samuel Beckett im Laufe seines Lebens geschrieben. Etwa 2500 werden in der auf vier Bände angelegten Auswahl berücksichtigt. Ein wissenschaftliches Mammut-Projekt, das viele Jahre der Recherche in Universitäten, Archiven, auf Auktionen und in Privatsammlungen in Anspruch nahm.

Ängste und Selbstzweifel

Die Lektüre von Samuel Becketts früher Korrespondenz ist das reinste Lesevergnügen, zeigt sie doch einen klugen und witzigen Schriftsteller auf der Suche nach einem eigenen Stil und einer umfassenden Kunsttheorie, aber auch einen sensiblen Zeitgenossen voller Selbstzweifel und Ängste. Die Lust am Sprachexperiment, schwarzer Humor und genaue Beobachtungsgabe gehören dazu.

Der erste Band dieser vorbildlich edierten und kommentierten Briefauswahl endet 1940 mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, wo Beckett bis dahin lebte. Er verlässt die Stadt und schließt sich später der Résistance an. „Wie schwer es doch ist, eine erträgliche Balance von Arbeit & Leben zu erreichen“, schreibt Beckett in einem Brief.

Die vollständige Rezension mit Abb. von Steffen Radlmaier finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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