Weißes Rauschen von Kornelia Koepsell, 2015, Edition FaustWeißes Rauschen.
Gedichte von Kornelia Koepsell (
2015, Edition Faust).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Mai 2015:

Alle Traurigkeit seit altes her ist aufbewahrt in der Schrift

Die Gedichte der 1955 in Gießen geborenen Dichterin Kornelia Koepsell sind ein offenes Geheimnis und bleiben doch oft mythisch und im kenntnisreichen tieferem Sinn rätselhaft. Sie fordern den Leser ganz und konzentriert und den weniger Gebildeten dazu auf, in der Geschichte und nach Personen zu recherchieren, die ihm nicht geläufig sind.

Es sind wunderbar kluge und faszinierende Gedichte, die eindruck stärksten, die ich in meinem, den Gedichten gewidmeten, Leben, bisher lesen durfte. Sie kommen mir vor wie Erzählungen, die die Geschichte der Menschheit und ihrer „Darsteller“ beinhalten, das Verbindende, das Trennende und doch immer wieder Gleiche oder wie es Kornelia Koepsell zu formulieren versteht: „Alles ist da von Anfang an, der Atem, die Ängste, / schmerzlich liebendes Herz, Glut in den Adern und Lust.“

Der Dichterin gelingt es, auf ihre ganz eigene, ureigene Art Historisches zu bewahren und beispielsweise Persönlichkeiten und Protagonisten der Antike in unsere Gegenwart zu transformieren und in aktuelle Beobachtungen und Zusammenhänge zu stellen und sie dort agieren zu lassen.

Dabei bedient sie sich wie selbstverständlich traditionell lyrischen Formen wie die der Ode und des Sonetts, ein Vorgehen, das keineswegs altmodisch ist, sondern modern und wie neu daher kommt, weil die Dichterin aufs Eindringlichste der Herausforderung gerecht wird, ihr geschichtliches und mythisches Wissen ebenso wie das literarischer Überlieferungmit neuen Ausdrucksformen, z. B. der von Comics, PC-Spielen oder Graphic Novels, in Einklang zu bringen und zu gestalten.

So sind Gedichte entstanden, die Werner Söllner in seinem lesenswerten und genialen Nachwort wie folgt charakterisiert: „Von der ersten bis zur letzten Zeile: keine Texte, weder lyrisch noch sonst wie poetisch zeitgemäß; keine kunstvoll gefertigten Stücke einer Wortakrobatin. Keine Performanz. Nichts als Gedichte.“

Trauer durchzieht diese Gedichte. So heißt es im Gedicht „Der Schakal“ an einer Stelle. „Mein liebstes Bild hängt im Antikensaal, // es spricht zu mir und läßt mich doch allein.“

Oder im „Lied der Schlange“: „…Affen schreien im Käfig, / nichts ist gewonnen.“

Man findet Heiterkeit, die zur Komik neigt, Humor, der zur Groteske wird. So liest man in „Ozymandias“ über einen Betrunkenen: „Seit den Tagen/ der Superhelden tat er keinen Sprung. / Er wird kein Kind mehr auf den Armen tragen.“

Oder in „Phacton“: „Ja, ich bin tot, mein Vater, was kann schlimmer sein// als ein Körper, den ich nicht mehr fühle?“

Man entdeckt Versöhnliches wie in „Nikolaus“: „Solche Zeit/wo sich das Innere von Eitelkeit / befreien konnte, lebt in deinen Zügen.“

Oder Nachdenkliches, in „Glykophilousa“: „ Mich jagen Träume, und die Leichtigkeit/ wird schwer und schwerer im Gewicht der Zeit./ Ich denke viel, ich will kein Denker sein.“

Man liest Einsichten in „Russenwald“: „ im Reich der Wildnis, erkannte ich/ ohne Angst, wie sich das Tier/ in mich verwandelt hatte.“

Die Dichterin, die womöglich nur wenig von sich persönlich offenbart, nimmt Eindrücke auf, denke ich, bannt sie in ihrem Inneren, um so wahrzunehmen und herauszufinden, was in ihr selber an Gefühlen, Reflexionen und Reaktionen steckt.

„Du legst die Hand an Dein Herz, “ schreibt sie, „als wolltest du sagen: Bleib noch.“

Oder: „Das Schlimmste, sage ich, ist Einsamkeit, / wenn die Freunde sterben, wenn die Zeit/ sich ausdehnt, leer und ohne festen Grund.“

Manchem baut die Dichterin ein unvergesslich lebendiges Denkmal wie etwa der Toilettenfrau in „Unterwelt“: „Dann lauert sie, bei einem Teller sitzend/ auf ein paar Münzen, die im Neon blitzend/ etwas versprechen, das sich niemals zeigt.“

Oder Jesus Christus in „Der Einzug in Jerusalem“: „Nichts an Schmuck, an Zierde/ braucht der Reiter, der mit sanfter Würde/ lächelt, wo ihn Blicke spöttisch streifen// wo er als einer jener Spinner gilt, / deren Pamphlete man sofort zerknüllt.“

Besonders berührt hat mich „Baucis“: „Hinter der dicken Brille mit Goldrand forschen die Augen/ wasserteichgroß nach dem Wort, das mich bezeichnen soll.“

Oder „Brunhilde“: „Wie könnte eine Frauen-WG ohne Walküre bestehen?“

Tief hinab, weiß die Dichterin, in die menschliche Psyche zu steigen, eine stetig Reisende durch Geschichten und Geschichte, in fremde Länder oder um die Ecke zu „Horus in Hanau“: „Still hockt Horus vor der Einfahrt und trägt einen gelben/ Helm mit erhobenem Haupt.“

Sie forscht und erforscht mit ihren Mitteln, mit Intuition und Sprache und ihrem tieferen Wissen, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ohne einander nicht zu denken sind und sich bedingen. Sie greift die großen Themen der Menschheit auf: Katastrophen, Nöte, Lieben und Sterben, Hoffen und Bangen und leidige Kriege, u. a. mit Hilfe der Mythologie.

Sie ist eine Dichterin, die auf ihre Weise einzig ist, wie sie in „Rosenteich“ beispielsweise den Tod beschreibt: „Der Tod war einst ein Kind der Jugendzeit, / als er Dinge zum Verschwinden brachte.“ Oder in „Der arme Spielmann“ mutmaßt: „Er müßte// eine Seele fangen in der Nacht/ oder sich ein warmes Bett erfinden.“

Es ist nicht nur ihre zarte Kunst, es ist ihre tiefe Menschlichkeit, die mich während der Lektüre ihrer Gedichte zu jemand machte, der von Kornelia Koepsell sagen kann, dass er mehr lesen möchte von ihr, überall und immer wieder.

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