Weissbuch von Raoul Schrott, 2004, Hanser1.) - 2.)

Weissbuch.
Gedichte von Raoul Schrott (2004, Hanser - Übertragung Friedhelm Rathjen).
Besprechung von
Michael Buselmeier in Die Zeit, 9.12.2004:

Die Farbenlehre der Erde
Raoul Schrott überschreitet die Gattungen und die Grenzen der Poesie

Viel halte ich nicht von Euch. Und ich beneide Euch auch nicht. Wenn ich nach einem Schlagwort suchen müßte, um Eure Generation auf einen Nenner zu bringen, würde ich Euch Konformisten nennen.« So beginnt der 1964 geborene, aus Tirol stammende Raoul Schrott seine Rede an die Abiturienten des Jahrgangs 2004, die in der kleinen Schrift Der wölfische Hunger nachzulesen ist. Wer ist dieser Wagemutige, der einen derart selbstsicheren, fast beleidigenden Ton anschlägt? Eigentlich kein politischer Kopf, auch kein sozial bemühter, sondern ein Lyrik-Archäologe und kühner Romancier (Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde, 2003), Übersetzer und Anthologist (Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren, 1998), ein Polyhistor, der sich auch als Philosoph, als Erkenntnistheoretiker begreift.

Angetrieben von Ehrgeiz und Forschungslust

Seiner jüngsten Veröffentlichung mit dem Titel Weißbuch hat Schrott keine Gattungsbezeichnung beigegeben und strebt ganz offensichtlich die Überwindung aller Gattungsgrenzen an. Die insgesamt 77 Gedichte werden flankiert von beinahe ebenso vielen teils wissenschaftlichen, teils poetisch reflexiven, teils auch privat tagebuchartigen Glossen, Bruchstücken, die zugleich den jeweiligen Ort und den Tag der Entstehung der einzelnen Texte fixieren. Und man erkennt schon an dem fliegenden Ortswechsel, dass hier kein Tiroler Heimatdichter, vielmehr ein Rastloser, von Ehrgeiz und Forschungslust Angetriebener am Werk ist, ein Sprachweltreisender, der dem Ideal einer ursprünglichen Einheit von Poesie und Wissenschaft folgt. Wobei Wissenschaft auch die Naturwissenschaften mit einschließt, also neben Etymologie und Archäologie auch Geologie und Astronomie.

Dass einer bei einem so gewaltigen Arbeitsprogramm schon mal aus dem Takt, dem Rhythmus, dem Sprach- und Denkfluss kommen kann und dann schlicht unverständlich wirkt, liegt nahe. Zumal der umfangreiche Band noch durch Zitate aus Petrarcas Trionfi, ein Vor- und ein Nachwort mit historischen und philologischen Erörterungen komplettiert wird.

Während Schrott in seinem bereits ähnlich strukturierten Gedichtwerk Tropen (1998) »das Erhabene« einzukreisen versucht hat, geht es im Weißbuch um »das Heilige, die Jagd und die Liebe«. Es gibt sieben große Stücke, die jeweils verschiedene Zyklen umfassen, Triumph des Todes, Triumph der Ewigkeit, Triumph der Reinheit und so fort. Die Verse sind fast immer langzeilig, ohne ein festes Metrum, doch in Strophen gefasst, manchmal mit komplizierten Reimen, auch Halbreimen, Assonanzen und Konsonanzen verbunden. Ihr Gestus ist ebenso erzählender wie reflektierender Art.

Dieses Weißbuch ist alles andere als ein herkömmlicher Gedichtband, der einzelne, meist zufällige Erfahrungen, über Jahre in Gedichtform geronnen, mehr oder weniger einfühlsam zusammenfasst, sondern ein den Leser aufs äußerste beanspruchender poetisch-wissenschaftlicher Gegenentwurf, der Vollständigkeit anstrebt, ein dramaturgisch kalkuliertes (Reise)-Programm, ein organisierter Aufmarsch am Schreibtisch hart erarbeiteter Texte, vielfältig begleitet, abgesichert, auch aufgewertet durch theoretischen und mythologischen Bildungsstoff.

Aus der Nähe betrachtet, sind es Liebesgedichte im hohen Ton, Verse über die wahre und die falsche, die enttäuschte, die eifersüchtige, die widerspenstige, die oberflächliche, die sexuelle Liebe – ein ehrwürdiges Motiv. Schrott sieht das »Heilige« nicht religiös eingebunden, es wird eher in der Erscheinung des Ungewöhnlichen, ganz Anderen und »übermächtig Fremden« erfahrbar, etwa in der Leere und Stille einer Ruine, in den Katakomben Palermos, auch im Zwiegespräch und ganz gewiss in der älteren Poesie, in der Geste des Preisens, die zum Numinosen gehört. Auch im Fetisch ist das Heilige anwesend, überhaupt überall dort, wo das Herz noch voll von Wundern ist. Schrott selbst spricht, wie häufig halbdunkel, von dem »panoramischen Gefühl, mitten in einer Landschaft zu stehen«.

Nicht nur die Liebe ist heilig, auch die Jagd und ebenso die Jagd nach der Frau, die »Gottesjagd«. Sie treibt den Sehnsüchtigen um die Welt, von einem numinosen Ort zum nächsten. Er entdeckt die namenlose Geliebte zum Beispiel als Standbild im antiken Tempel von Segesta, der »nie geweiht wurde«, und beide erstrahlen im Licht: »du warst es / derer dieses steinerne schweigen gewahr wurde. das raffen / des kleides in den schoß sein rascheln bei jedem schritt / der stöckelschuhe«. Auch Hotels sind exklusive Schauplätze, von denen die Geliebte mit anderen Liebhaber telefoniert. Von nie gehörten Märchenorten wie Waigeo, Taxila, Dougga, Youf Ehakit, Tin Haberti, Stratzing wird berichtet, von fernen Meeren, Wüsten und Gebirgen, Paradiesvögeln und den »leeren augen der nacht«, dem »anisgeruch« des Windes. »der himmel ein zu erntendes feld der mond eine sichel«, notiert der zeitgenössische Dichter, des Vorläufers Hafiz gedenkend, auf der Terrasse des ehemaligen Gästehauses des Schahs, und kein politischer Gedanke kommt ihm dabei in die Quere.

»der sommer ein weißbuch voll fragezeichen«

Die Sprache ist ruhig und poetisch, Liebesverse, leichthändig hingetuscht, Zitate, daneben Bilder von starker Leuchtkraft, dicht, oft schwer zu entschlüsseln; seltene Wahrnehmungen neben schwierigen Reflexionen. Mehr noch als im vorhergehenden Band Tropen scheint Schrott um sinnliche Konkretion bemüht, fast wird er zum Landschaftsmaler: »vögel wie striche über der landschaft / das vibrieren der insekten«, und unten im Tal »treibende aprikosenbäume«. Man sieht den Weltreisenden Marco Polo inmitten der »farbenlehre der erde«, folgt einem Geologen in die algerische Wüste, wo »eine welt erstarrt in ihrem quartär«.

Wo Schrott jedoch die Rolle des Beobachters aufgibt und seine Wahrnehmungen selbst übergescheit kommentiert, kommt es zu verqueren Wendungen: »damals hatte ich weniger sprache / doch desto mehr glauben daran daß das uneigentliche / dieses pronomens durch alles vorbehaltlos begehrte / ersetzbar wäre…« Auch Genetivmetaphern wie »die spolien des schicksals« oder »das aphrodisiakum der gestik« schleichen sich ein.

Raoul Schrott neigt dazu, seine phänomenalen Kenntnisse auszustellen, sein Universalwissen zu demonstrieren. Er will nicht der vor den Einzelheiten verharrende »reine« Poet sein. Er ist stets in transzendentaler Bewegung, auf der Suche nach Ursprung und neuer Erkenntnis, virtuos vermittelnd zwischen kühler Abstraktion und Nähe. Die gelehrten Randglossen tragen einiges zum Verständnis der Gedichte bei, die solcher Fingerzeige auch bedürfen. Man kann sie nicht als »Philologenkram« einfach weglassen, wie angeregt wurde. Am ehesten könnte man auf Vor- und Nachwort verzichten.

»der sommer ein weißbuch / voll fragezeichen«. Wie andere, etwa Rilke, vor ihm bleibt der viel gereiste Frauenfreund und Formkünstler einsam und ortlos, weil ihm das Schreiben wichtiger als alles andere ist. Es bedeutet, Spuren legen, Rechenschaft geben über die Jahre. So geht die Liebe fort, »um uns die dinge aufs neue / zurück zu bringen: mit dem wunder des schnees«.

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Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © M.B./Die Zeit

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Weissbuch von Raoul Schrott, 2004, Hanser2.)

Weissbuch.
Gedichte von Raoul Schrott (2004, Hanser - Übertragung Friedhelm Rathjen).
Besprechung von Jan Röhnert in Rheinischer Merkur, 06.01.2005:

Raoul Schrotts „Weissbuch“ versammelt poetische Nahaufnahmen des Fernwehs
Gedichte tragen Jagdröcke

Es gibt kaum einen zweiten deutschsprachigen Dichter unserer Zeit, dem das Reisen derart zur Lebensform geworden wäre wie Raoul Schrott. Der Wahlspruch von Blaise Cendrars, dem großen französischen Globetrotter: „Quand tu Aimes, il faut partir“ (Wenn du liebst, musst du gehen) könnte deshalb genauso das Motto von Raoul Schrotts poetischem Reisefieber sein – was sonst als die Liebe wäre das Movens dauernden unbeständigen Umherstreifens zwischen den Kontinenten? Raoul Schrott defiliert zwischen den Längen- und Breitengraden des Globus wie Baudelaire auf den weiten Boulevards und dunklen Gassen von Paris flanierte.

In La Paz etwa notiert er sich aus einer Pindarschen Ode zur Natur des Dichters: „eine sehr eitle gattung von männern gibt es, die, gewöhnliche dinge verschmähend, ihre augen auf fernste dinge richten, leerer luft mit eitlen hoffnungen nachjagend“, was er im Gedicht daneben – einem Stück aus der Serie unter dem anspielungsreichen Titel „Szenen der Jagd“ – in folgenden Bildern vergegenwärtigt: „ein ventilator an der decke: klack klack · verspiegelte säulen/ bis zur bar ledersessel luster die vorhänge/ halb zu der kellner dabei gedecke wieder abzuräumen/ irgendwann dachte ich ich sähe dich da draußen/ es war dein schritt deine gestalt · aber in dieser blende// der fenster bleibt alles schwarzweiß . . .“

Was Schrott in seinem „Weissbuch“ zusammengetragen hat, sind jedoch mehr als bloße Reisesouvenirs oder Chroniken flüchtiger, anekdotischer Liebschaften des lyrischen Ich. Er präsentiert uns ein geräumiges, dabei streng symmetrisch konstruiertes Maison poétique, dessen Koordinaten sich auf „das Heilige, die Jagd und die Frau“ berufen – ein ehrgeiziges Programm, das er in sieben Hauptstücken mit insgesamt dreizehn „Triumphen“, Petrarcas „Trionfi“ nachempfunden, ausbreitet; die „Triumphe“ lassen sich wiederum auf sieben thematische Grundkonstellationen zurückführen: „Triumph des Todes“, „des Hungers“, „der Ewigkeit“, „der Reinheit“, „der Liebe“, „der Zeit“ und „der Jagd“.

Doch Raoul Schrott wäre nicht jener vitale, in Reise- und Liebesdingen versierte Poet, wüsste er die Erhabenheit der Titelkomplexe nicht mit der Unmittelbarkeit lebendiger Erfahrung aufzufüllen. Das Panorama der Petrarkaschen Zentralperspektive verwandelt sich bei ihm dank Brüchen, Spiegelungen, tele- wie mikroskopischen Verzerrungen zu einem Panorama unserer (post-)modernen Befindlichkeit: „etwas wie seele · ein kondom milchig auf dem boden“.

Obwohl er „das Heilige“ als Kategorie seines Erfahrungsmodus bemüht, geht es ihm um etwas ganz anderes als um Religiosität – eher ist er ausgezogen, eine Art von negativem Gottesbeweis mittels Poesie vorzulegen oder exemplarisch die Genese des „Heiligen“ aus den endlosen Metamorphosen des dichterischen Blicks, der poetischen Imaginationskraft heraus zu beleuchten. Deshalb stehen ihm auch die Antike, ja noch weit vor dem Griechentum angesiedelte Kulte und Religionen, die das Christentum als „heidnisch“ stigmatisiert, der Vielgötterei geziehen hatte, so nahe. Für Schrott entzündet sich in der Anthropomorphisierung angeschauter Welt die poetische Gestaltungskraft, eine Force créatrice, die zwischen profanem und sakralem Kult auf ungesichertem Terrain marodiert, indem sie auf neue Phänomene für ihre „Heilig“-Preisungen fokussiert.

So geschieht es, dass in diesen Gedichten die alltäglichsten Dinge und Regungen ihre Transsubstantiation erleben, ohne dass der Autor sich hinter der Maske des Alltagsmystikers verstecken müsste – Walter Benjamin sprach schon 1929 von der „profanen Erleuchtung“, um das, was „profane“ Autoren, ja Atheisten wie Joyce, Proust und die Surrealisten im Blick hatten, einzukreisen. Deshalb ist es falsch, Schrotts Poetik mit „formaler Strenge“ gleichzusetzen. Seine Gedichte folgen einer eigenen inneren Logik, „mittels deren einzelne Augenblicke rekonstruiert werden“, wie er selbst schreibt. Und genau in diesen Augenblicken wird es ihm möglich, die klassische Konzeption des Erhabenen, wie sie etwa Winckelmann formulierte, trotz der heutigen Omnipräsenz des Chaotischen, Disproportionierten, Hässlichen, von neuem ins Spiel zu bringen, wie hier in einer Aufzeichnung aus Jakarta: „heillos im verkehr an der kreuzung vorne/ eine kirche · ich ging hinein nicht um eine figur/ gottes zu sehen sondern nur seine statur: die eiserne stirne// die er der welt bietet . . . die wundmale aufbrechend zum geschwür// eitrig das herz zwischen zimt mangos einem kakerlak/ im schweiß der hitze das blut abblätternd/ an den wangen · ins obszöne von farben zurück“.

Schrott ist schwerlich vorzuwerfen, dass er exotisiere – das Reisen selbst, als Existenzform, die poetisch aufgeladene Augenblicke evoziert, ist der Katalysator seiner Poesie; und dies praktiziert er ebenso in Strophen, in denen das Ich, wie zuvor schon bei Heine, in der Verkleidung des schelmenhaften Casanovas brandschatzend durch deutsche Lande zieht.

Die unvorhersehbare Vielfalt von Konstellationen, die Fülle in Poesie transformierter Momente, verleiht diesem „Weissbuch“ seinen Reiz, sodass man es immer wieder von neuem aufschlagen und die Hingabe an die Welt, mit der es hier ein Poet ernst meint, auskosten möchte. Während andere über den Schnee philosophierten, ist Raoul Schrott zwischen Äquator, Wendekreis des Krebses und dem Kreuz des Südens umhergereist, und nicht zuletzt machen daher astronomische Konstanten, die Ekliptik von Mond und Sonne, die Brechungen des Lichts, das Geflecht von Schatten, gekoppelt an eine „Liebe . . . die allem Lebendigkeit schenkt“, die unverwechselbaren Konturen seiner Lyrik aus: „ein seidener weg über den ich mit/ meinem stock alles schmuggelte den/ ganzen kokon von worten · all das bunte das/ ich für dich gefunden hatte bis du mich/ endlich auch deinen marco polo nanntest“.

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