Weiß auf
Schwarz.
Buch von Ruben
Gonzales Gallego (2004, SchirmerGrafVerlag - Übertragung Lena Gorelik).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 26.4.2004:
Ein Stück Speck
Über das Gute: "Weiß auf
Schwarz"
"Dies ist ein Buch über meine Kindheit", schreibt der Autor im Nachwort. "Eine grausame, schreckliche Kindheit. Um sich die Liebe zur Welt zu bewahren, um zu wachsen und erwachsen zu werden, braucht ein Kind nur sehr wenig: ein Stück Speck, eine Scheibe Brot, eine Handvoll Datteln, blauen Himmel und die Herzlichkeit eines menschlichen Wortes."
Trotzdem: eine Kindheit voller Schmerzen, körperlicher wie seelischer. Denn Gallego ist seit seiner Geburt 1968 schwerbehindert. Er kam mit einer Zerebralparese auf die Welt: gelähmte Beine, verkrüppelte Arme. Versteckt vor der Außenwelt. Von einem Krankenhaus ins andere, einem Kinderheim zum nächsten. Am Ende, das heißt, am Ende der Schulzeit, Aussicht aufs Altersheim, in das Kinder wie Ruben Gonzalez Gallego gebracht wurden, um sie dort langsam sterben zu lassen. Ein Schulleiter, der die Jungen immer wieder sitzenbleiben ließ, um sie so lange wie möglich vor diesem Schicksal zu bewahren, wurde abberufen.
In dem staatlich verordneten Klima der Lieblosigkeit merkte sich der Autor dankbar jedes Lächeln, jede angebotene Hilfe, jede individuelle Zuwendung. Erinnert er sich an die Güte mancher Pflegerin, genannt Njanja, an die Höflichkeit eines Lehrers, der sich dafür bei dem Jungen entschuldigte, dass er nicht dessen Muttersprache spreche, oder an die Hilfsbereitschaft eines Taxifahrers, der Ruben aus Zorn auf die Obrigkeit umsonst chauffierte. Und so ist das Buch letztlich das, was der Autor auch wollte: ein Buch "über das Gute, über den Sieg, über die Freude und die Liebe".
Die Waisenkind-Lüge
Das Land, in dem sich diese Kindheit abgespielt hat, war die Sowjetunion. Ein Staat, der Menschen nach Maß formte und jene vor der Gesellschaft wegsperrte, die per Geburt sich anmaßten, aus der Norm gefallen zu sein. Das Außergewöhnliche an diesem Bericht ist die Herkunft des Autors. Ein spanisches Kind, dessen Mutter, politisch privilegiert, sich zur Zeit der Geburt in Moskau aufhielt; dessen Großvater Generalsekretär der damals illegalen Kommunistischen Partei Spaniens war.
Zusammenhänge, die dem kleinen Ruben unbekannt
waren. Im Alter von drei Jahren wurde er seiner Mutter weggenommen. Ihr sagte
man, der Sohn sei gestorben. Ihn ließ man im Glauben, ein Waisenkind zu sein.
Dies ist keine klassische Autobiografie, die Gallego geschrieben hat. Er
erzählt vom Alltag in den Heimen. Von der Freudlosigkeit und von Freunden, vom
Hunger und von den geheimen Genüssen, von der totalen Abhängigkeit und der
eigenen Stärke, von der Sehnsucht nach dem Tod und dem Mut zum Leben. Und immer
von der entsetzlichen Armut, die in den Heimen grassierte.
Das sind viele wunderbare kleine Geschichten, in
denen er auch die Erwachsenen schildert: jene, die ihn schikanierten, und jene,
an die er noch heute beglückt denkt. Somit entwickelt er ein Bild der späten
Sowjetunion von einer Warte, aus der sie bislang wohl kaum betrachtet wurde.
Gallego schreibt das relativ unsentimental. Sein Stil ist gekennzeichnet durch
eine erstaunliche Unbefangenheit und die Mischung aus Kindlichkeit und
Genialität. Gerade sie spricht, vielleicht ein bisschen zu kalkuliert, das
Gefühl des Lesers an. "Abends kommt eine Frau im Kleid zu mir . . .
Sie hat keinen Kittel an. Ich habe schon seit
über einem Jahr keinen Menschen ohne Kittel gesehen." Die Lakonie des
Leids ist es, die dieses Buch so lesenswert macht.
Das Lebensabenteuer des an den Rollstuhl gefesselten Gallego ist noch längst
nicht beendet. Seine Flucht, das Finden seiner Mutter, das Erlebnis der Freiheit
wird er wohl auch noch literarisch verarbeiten müssen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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