weiß von Peggy Neidel, 2013, Poetenladenweiß.
Gedichte von Peggy Neidel (2013, Poetenladen, hrsg. von
Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner).
Besprechung von Stefan Heuer für die LYRIKwelt, Januar 2014:

Peggy Neidels Lyrikdebüt "weiß" –
homogene Brutalität auf hohem Niveau

Ich bin ihr noch nicht persönlich begegnet, aber wenn man den Bildern im Internet glauben darf, handelt es sich bei Peggy Neidel um eine attraktive junge Frau, bei der man als Mann an so Einiges denken könnte – seit ich ihr als Band 5 der Reihe Neue Lyrik beim poetenverlag erschienenes Lyrikdebüt gelesen habe, muss ich bei ihrem Namen unweigerlich an meinen ehemaligen Kunstlehrer denken. Nicht, dass sich Peggy Neidel und der Kunstpädagoge in irgend einer Weise ähneln würden; Grund für meine Gedanken ist ausschließlich der Titel des Lyrikbands: "weiß". Ein zunächst mal simples Wort, aus dem sich problemlos ein über Jahre hinziehender Streit ergab, in dessen Verlauf mein Kunstlehrer nicht von seiner Behauptung abweichen wollte, Weiß und Schwarz seien ja keine Farben – wobei jeder, der sich auch nur etwas über Johannes Itten hinaus mit der Farbenlehre beschäftigt hat weiß, dass Schwarz und auch Weiß eigenständige Farben des Unbuntbereiches sind, die ausdrücklich nicht als das Fehlen von bunten Farben zu verstehen oder reduzieren sind (was selbstverständlich ebenso für die zwischen den Extremen liegenden Grautöne gilt). Weiß, das kann man für öde halten, aber ohne die inzwischen widerlegte Legende von den Eskimos und ihren angeblichen 250 verschiedenen Wörtern für Schnee zu bemühen: Wer sich wie ich mit Malerei beschäftigt, der weiß, dass Weiß nicht eben Weiß ist. Alleine im Bereich der Öl- und Acrlymalerei gibt es zahlreiche Weißtöne (unter anderem Zink-, Titan-, Lasur-, Perl-, Mineral-, Struktur- und Deckweiß, um nur einige zu nennen), die sich im Erscheinungsbild, je nach Auftrag und Malgrund, deutlich voneinander unterscheiden.

   Ich assoziiere die Farbe Weiß also keineswegs mit Bedeutungslosigkeit oder Langeweile, sondern zunächst einmal mit einem guten, ungezwungenen Anfang. Weiße Leinwand, weißes Blatt; noch ist alles möglich, alles offen, alles drin. Aber noch ist es eben auch noch weiß und muss mit Leben gefüllt werden. Man muss etwas draus machen – und Peggy Neidel macht was draus.

Bei facebook kursiert eine Besprechung ihres Gedichtbandes auf WDR 5. In ihr bemängelt der Rezensent, dass sich Peggy Neidel noch nicht so ganz entschieden habe, "ob sie ihre empfundene Gegenwart in ganzwegs kryptische Worte fassen will, oder in halbwegs klare". Von Rezensentenseite sei ihr "freundlich geraten", ihre schilderungswerten Empfindungen, so sie die lyrisch verarbeiten will, allesamt in verständliche Verse zu packen.

   Ich möchte an dieser Stelle nicht bewerten, ob es sich bei Neidels Gedichten um kryptische Verse handelt, manch einer versteht sie ja und ein anderer vielleicht auch, nur anders, aber mein persönlicher Eindruck ist ein gänzlich anderer. Da ich einige ihrer Gedichte aus Literaturmagazinen und dem Internet kenne weiß ich, dass Peggy Neidel nun auch schon einige Jahre dabei ist. "weiß" ist ihr Lyrikdebüt, und so hatte ich mich darauf eingestellt, dass das Buch eventuell eine gemischte Tüte sein könnte, gefüllt mit den besten Gedichten der letzten Jahre, ein stilistischer und vielleicht auch thematischer Mix. Aber nix da! Kein Sammelsurium, sondern ein extrem homogener Gedichtband auf hohem Niveau, der einem sehr eigenen Ton folgt und bereits einen Sound hat, den viele erst mit ihrem soundsovielten Buch erreichen.

Ein eindrucksvoller Duktus liegt auf den Wörtern, vielschichtig, mit ausgeprägtem Gefühl für die Tiefen. Wer sich darauf einlässt, ist schnell weg; innen, oft draußen an der frischen Luft. Und muss hartgesotten sein, denn wenn ich den Punkt nennen sollte, der mich an diesen Gedichten am meisten beeindruckt, dann wäre es wohl folgender: Sie offerieren eine unerwartete Brutalität! Bei einem ersten schnellen Lesedurchgang wirken viele der Gedichte, nun ja: harmlos. Ein tiefergehender Blick aber zeigt den inneren Konflikt, zeigt Szenarien der gesellschaftlichen und sozialen Entfremdung, Szenarien der Selbstverleugnung, der Fremdbestimmtheit, der eigenen Auflösung.

eine schicht nach der anderen werfen sie mir über
irgendwann bin ich blind, leerstellenfrei
sie verteilen ohrfeigen
um zu sehen, ob ich noch atme
gleichzeitig türmen sie auf
und pfeifen marschmelodien
spezifizieren sie sich
nichts wäre mir lieber
müde verschwinde ich hinter bergen von material
beginne damit, unwesentlich zu sein

Überschüttet mit Material, das der Entfremdung dient. An anderer Stelle ein- und ausgeschaltet wie eine Maschine; an anderer Stelle wie betäubt und darauf angewiesen, dass die Schuhe den Weg finden. Und: ... // wenn es kein schicksal gibt / wer ruiniert hier eigentlich wen? Harter Tobak.

Gerhard Falkner resümiert in seinem 1993 erschienenen Text- und Porträtband "Über den Unwert des Gedichts": Ein Gedicht zerbricht nicht am Schmerz, wohl aber an der Heuchelei. Wenn dem so sein sollte, so hat Peggy Neidel nichts, aber auch gar nichts zu befürchten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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