Weiskerns Nachlass.
Roman von Christoph Hein (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Herbert Gebert aus den Nürnberger Nachrichten vom 19.10.2011:

Christoph Heins lebendiges Alterswerk
Exotisch, wer noch an den Geist glaubt

Als Dr. phil. Rüdiger Stolzenburg, die zentrale Person in Christoph Heins neuem Roman "Weiskerns Nachlass", am Beginn der Handlung erwacht, ist er gerade 59 Jahre alt geworden. Seine vorübergehende Lebensgefährtin Patricia bestätigt ihm eine für dieses Datum ungewöhnliche körperliche Fitness und erotische Aura...

Doch im Lauf der Erzählung wird er sich von ihr trennen. Als Phänotyp einer extrem individualistischen Epoche hält er sich zwar für „bett-“, aber nicht für „bindungsfähig“. Schon seit Jahrzehnten ist seine Ehe zerbrochen; abgestorben auch der Kontakt zur 30-jährigen Tochter. Weitaus dringlicher als seine Beziehungsprobleme sind aber Stolzenburgs berufliche und finanzielle Sorgen.


Der Spezialist für Theatergeschichte der Frühen Neuzeit arbeitet am Kulturwissenschaftlichen Institut der Uni Leipzig, dem die baldige Abwicklung droht. Dort sitzt er im akademischen Mittelbau auf einer halben Planstelle fest – mit dem Einkommen eines Hilfsarbeiters. Heins Roman öffnet das Portrait eines geistreich-sensiblen Sonderlings zu einem gesellschaftskritischen Panorama. Er erzählt vom zunehmenden Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften in Deutschland und der ihnen anvertrauten Themen und Objekte, von ihrer intellektuellen und moralischen Dekadenz.

Den Gegenpol bildet die ungefährdete Dominanz der wirtschafts- und finanzwissenschaftlichen Fakultäten und ihrer Business-School-Ableger in einer vom Monetarismus geprägten radikalen Marktgesellschaft.

„Haben oder Sein“ – auf Geld und Besitz fixiert sich selbst entfremdet leben, oder eine sinnvolle und sinnliche, an Glück und Denken orientierte Existenz führen? Diese Alternative hat vor mehr als drei Jahrzehnten der damals prominente Sozialphilosoph Erich Fromm vorgestellt.

Christoph Hein zeigt in seinem resignativen Alterswerk, wie das Prinzip des „Habens“ sich radikal durchgesetzt hat und eine soziale Umwelt gestaltet, in der ein Individualist wie Stolzenburg zum Ritter von der traurigen Gestalt mutiert. Eine Nachforderung des Finanzamtes – für Stolzenburg ein völlig unbekannter, bedrohlicher Kontinent – erledigt ihn fast.

In dieser Notsituation kommt ihm der Steuerberater Klemens Gaede zur Hilfe, ein mit allen Mysterien der südostasiatischen Finanzmärkte vertrauter Börsenhai, dessen Arbeitszeit im umgekehrten Verhältnis zu seinem ständig steigenden Einkommen steht.

Stolzenburg ist besessen von einem kaum finanzierbaren wissenschaftlichen Projekt. Als Krönung seines Lebenswerks möchte er die Schriften Friedrich Wilhelm Weiskerns herausgeben, eines vergessenen Theaterautors des 18. Jahrhunderts, der einst für die frühen Opern Mozarts die Libretti schrieb.

Doch der vor Zeiten avantgardistische Frankfurter Verleger Jürgen Richter, einer der wenigen Weiskern-Kenner im deutschen Sprachraum, ist mehr an der Pflege seiner drei englischen Sportwagen interessiert als an einer finanziell verlustreichen kulturpolitischen Investition.

In einer späten Phase der Handlung tritt Stolzenburgs Student Hollert in den Vordergrund – im akademischen Prekariat, das sich lethargisch auf ein Dasein in der Arbeitslosigkeit vorbereitet, eine besonders indolente und desinteressierte Figur. Mit den attraktiven jungen Damen, die sich – wie im

Campus-Roman üblich – durch aggressiven Körpereinsatz um ein Diplom bemühen, hat Hollert eines gemeinsam: Er will sich von Stolzenburg ein Prädikats-Examen erkaufen. Nur so kann er seinen spleenig-reichen Onkel beerben und dessen Vermögen in die väterliche Firma überleiten.

Dieser Onkel besitzt zudem eine der größten Autographen-Sammlungen Europas, darunter auch den Nachlass Friedrich Wilhelm Weiskerns...

Christoph Heins Roman ist leicht und lebendig erzählt. Seine Handlung entfaltet sich in Dialogen und inneren Monologen als Zeitdiagnose. Im ersten und letzten Kapitel schildert der Autor jeweils detailgetreu eine Flugreise von Leipzig nach Basel. Stolzenburg wird dabei zweimal mit psychopathischer Wucht von Absturzängsten überfallen. Was er im Alltag der Epoche verdrängt, holt ihn über den Wolken ein.

 

Die komplette Rezension mit Abb. von Herbert Gebert finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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