Weiskerns
Nachlass.
Roman von Christoph
Hein (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Herbert Gebert aus den Nürnberger
Nachrichten vom 19.10.2011:
Doch im Lauf der Erzählung wird er sich von ihr trennen. Als Phänotyp einer extrem individualistischen Epoche hält er sich zwar für „bett-“, aber nicht für „bindungsfähig“. Schon seit Jahrzehnten ist seine Ehe zerbrochen; abgestorben auch der Kontakt zur 30-jährigen Tochter. Weitaus dringlicher als seine Beziehungsprobleme sind aber Stolzenburgs berufliche und finanzielle Sorgen.
Der Spezialist für Theatergeschichte der
Frühen Neuzeit arbeitet am Kulturwissenschaftlichen Institut der Uni Leipzig,
dem die baldige Abwicklung droht. Dort sitzt er im akademischen Mittelbau auf
einer halben Planstelle fest – mit dem Einkommen eines Hilfsarbeiters. Heins
Roman öffnet das Portrait eines geistreich-sensiblen Sonderlings zu einem
gesellschaftskritischen Panorama. Er erzählt vom zunehmenden Bedeutungsverlust
der Geisteswissenschaften in Deutschland und der ihnen anvertrauten Themen und
Objekte, von ihrer intellektuellen und moralischen Dekadenz.
Den Gegenpol bildet die ungefährdete Dominanz der wirtschafts- und
finanzwissenschaftlichen Fakultäten und ihrer Business-School-Ableger in einer
vom Monetarismus geprägten radikalen Marktgesellschaft.
„Haben oder Sein“ – auf Geld und Besitz fixiert sich selbst entfremdet leben,
oder eine sinnvolle und sinnliche, an Glück und Denken orientierte Existenz
führen? Diese Alternative hat vor mehr als drei Jahrzehnten der damals
prominente Sozialphilosoph Erich Fromm vorgestellt.
Christoph Hein zeigt in seinem resignativen Alterswerk, wie das Prinzip des
„Habens“ sich radikal durchgesetzt hat und eine soziale Umwelt gestaltet, in der
ein Individualist wie Stolzenburg zum Ritter von der traurigen Gestalt mutiert.
Eine Nachforderung des Finanzamtes – für Stolzenburg ein völlig unbekannter,
bedrohlicher Kontinent – erledigt ihn fast.
In dieser Notsituation kommt ihm der Steuerberater Klemens Gaede zur Hilfe, ein
mit allen Mysterien der südostasiatischen Finanzmärkte vertrauter Börsenhai,
dessen Arbeitszeit im umgekehrten Verhältnis zu seinem ständig steigenden
Einkommen steht.
Stolzenburg ist besessen von einem kaum finanzierbaren wissenschaftlichen
Projekt. Als Krönung seines Lebenswerks möchte er die Schriften Friedrich
Wilhelm Weiskerns herausgeben, eines vergessenen Theaterautors des 18.
Jahrhunderts, der einst für die frühen Opern Mozarts die Libretti schrieb.
Doch der vor Zeiten avantgardistische Frankfurter Verleger Jürgen Richter, einer
der wenigen Weiskern-Kenner im deutschen Sprachraum, ist mehr an der Pflege
seiner drei englischen Sportwagen interessiert als an einer finanziell
verlustreichen kulturpolitischen Investition.
In einer späten Phase der Handlung tritt Stolzenburgs Student Hollert in den
Vordergrund – im akademischen Prekariat, das sich lethargisch auf ein Dasein in
der Arbeitslosigkeit vorbereitet, eine besonders indolente und desinteressierte
Figur. Mit den attraktiven jungen Damen, die sich – wie im
Campus-Roman üblich – durch aggressiven Körpereinsatz um ein Diplom bemühen, hat
Hollert eines gemeinsam: Er will sich von Stolzenburg ein Prädikats-Examen
erkaufen. Nur so kann er seinen spleenig-reichen Onkel beerben und dessen
Vermögen in die väterliche Firma überleiten.
Dieser Onkel besitzt zudem eine der größten Autographen-Sammlungen Europas,
darunter auch den Nachlass Friedrich Wilhelm Weiskerns...
Christoph Heins Roman ist leicht und lebendig erzählt. Seine Handlung entfaltet
sich in Dialogen und inneren Monologen als Zeitdiagnose. Im ersten und letzten
Kapitel schildert der Autor jeweils detailgetreu eine Flugreise von Leipzig nach
Basel. Stolzenburg wird dabei zweimal mit psychopathischer Wucht von
Absturzängsten überfallen. Was er im Alltag der Epoche verdrängt, holt ihn über
den Wolken ein.
Die
komplette Rezension mit Abb. von Herbert Gebert finden Sie unter
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