Weihnachtsgedichte von Joseph Brodsky, 2004, HanserWeihnachtsgedichte.
Gedichte, russisch-deutsch von Joseph Brodsky (2004, Hanser - Übertragung Alexander Nitzberg).
Besprechung von Olga Martynova in Neue Zürcher Zeitung vom 21.12.2003:

Die magische Christbaumkugel
Joseph Brodsky erzählt sein Leben in Weihnachtsgedichten

Der ganz junge Joseph Brodsky schrieb viel, unregelmässig und schülerhaft. Aber diese Reimerei war eben die eigentliche Schule für den 1940 in Leningrad geborenen Dichter, der die Pflichtschule nach der siebten Klasse verlassen hatte. Er lernte mit einer schwindelerregenden Intensität, probierte verschiedene Stimmen aus und suchte nach seiner eigenen. Unter seinen frühen Texten, in denen er diesen erstrebten eigenen Ton trifft und die ihm Anfang der sechziger Jahre einen besonderen Platz unter den jungen Autoren sicherten, ist «Eine Weihnachtsromanze» der berühmteste. Man kann behaupten, dass der Dichter Brodsky mit diesem Text in die russische Poesie eintrat. Dieses Gedicht eröffnete auch eine persönliche Tradition «der Geburtstagsgedichte für das Jesuskind», wie es Joseph Brodsky später selbst nannte.

Für die jungen Menschen im Russland des Jahres 1962, in dem «Eine Weihnachtsromanze» entstand, war Weihnachten kein religiöses Fest, sondern in erster Linie etwas «Nicht-Sowjetisches». Die halb verbotene Religion stand in einer Reihe mit Jeans, westlichen Filmen und Büchern für eine andere, nicht reglementierte Lebensweise. Vladimir Nabokov wusste, was er tat, als er 1969, von den amerikanischen Verlegern Carl und Ellendea Proffer über die Schwierigkeiten des jungen Dichters unterrichtet, Brodsky eine Jeanshose schicken liess. Es mag seltsam klingen, aber so, aufs Geratewohl, suchte man seinen Weg in der Sowjetnacht. So gesehen, lag für Brodsky damals kein Widerspruch darin, als Jude regelmässig Weihnachtsgedichte zu schreiben. Das «Judesein» war in der Sowjetunion auch etwas, was Missbehagen erregte.

Man wusste damals noch nicht, dass nicht alles, was der Sowjetmacht nicht in den Kram passte, unbedingt miteinander kompatibel war. Dem späteren Brodsky war dieser Widerspruch wohl bewusst, und er versuchte nicht, ihn zu kaschieren. Er sprach von seiner Liebe zu den Weihnachtsszenen der italienischen Malerei und von der Unzertrennlichkeit des Jüdischen und des Christlichen, vergass aber nie zu betonen, dass er ein Jude war, egal wie wenig er der jüdischen Tradition folgte und wie sehr ihn die christlichen Bilder faszinierten. Er nahm sich die Freiheit, selbst wunderbare Weihnachtsbilder zu schaffen, mit einem ehrlichen Ernst, der von einem ernsten Dichter am Ende des 20. Jahrhunderts kaum zu erwarten wäre.

Von seinen siebzehn Weihnachtsgedichten schrieb Brodsky nur sechs in Russland. Sie berühren kaum den Inhalt des Festes, sondern sprechen von menschlichen Gefühlen zum Jahresende. «Die Magier kommen nicht zu dir» - der Mensch ist einsam und bekommt zum Fest nichts, «der Strumpf ist leer». «Jeder Mensch ist ein Magier» zu Weihnacht - so fängt das letzte in Russland geschriebene Weihnachtsgedicht an, das im Einkaufsbummel eine festliche Stimmung aufspürt und auch den Stern, der hier nur beiläufig genannt wird, in den späteren Gedichten aber über dem Christkind als «Auge des Vaters» leuchtet. Das war 1972, später in jenem Jahr musste Brodsky Russland verlassen. 1973 schreibt er sein Weihnachtsgedicht im winterlichen Venedig, das für ihn zur eigentlichen Weihnachtsstadt wird. Märchenhaft, mit dem San-Marco-Löwen, den Brodsky als einen weitläufigen Verwandten der Sphingen am Newa-Ufer begrüsst, mit einem Hotel, wo «Drei strickende Omas im Foyer» selbstverständlich die drei Moiren sind, die antiken Schicksalsgöttinnen, die den Lebensfaden des Menschen spinnen - der Hotelgast ist um das Gedächtnis, die Heimat und den Sohn gebracht.

Obwohl Brodsky selbst betonte, dass man das Weihnachtsthema nicht missbrauchen, also nicht mit persönlichen Unannehmlichkeiten belasten dürfe, haben seine Weihnachtsgedichte auch einen biografischen Hintergrund. Sein grosses lyrisches Thema war die Liebe zu einer Frau, die ihm einen Sohn geboren und ihn dann verlassen hatte. 1973 beklagt er dies und schreibt bis 1985 kein Weihnachtsgedicht mehr. Dann aber, nach zwölfjähriger Unterbrechung, Jahr um Jahr eines. Das Alter, im Unterschied zur Jugend, braucht anscheinend Rituale, um kreativ zu sein. Die Sehnsucht nach dem Kind, nach der Familie und eine Bewunderung des zerbrechlichen Glücks der Heiligen Familie ist in diesen späten Gedichten hörbar: «Sie waren zusammen. Das wichtigste aber: / Sie waren zu dritt. Und so wird jede Habe / und Gabe und Gabel seitdem (mittlerweile) / gespalten in mindestens drei gleiche Teile.»

Ab 1985 jedes Jahr ein Gedicht. Ein Gedicht gelesen - ein Lebensjahr des Dichters vergangen. Nur elf blieben ihm noch. Je näher sein Leben zum Ende vorrückte, desto glücklicher wurde es. 1987 erhielt er den Literaturnobelpreis (mit seinem freien Verstand sagte er einmal, dass nur Verrückte glauben, diesen Preis verdient zu haben), 1991 heiratete er, 1993 wurde seine Tochter geboren. Im letzten Weihnachtsgedicht vom Dezember 1995 taucht wieder das Bild von drei glücklichen Menschen auf, die es zu dritt warm haben. Im Januar 1996 starb Brodsky in New York. Die nun bei Hanser erschienene Sammlung seiner Weihnachtsgedichte folgt dem chronologischen Prinzip. Es ist ein sehr kompliziertes und sehr einfaches Buch zugleich, in dem bald die Tragik des Lebens, bald die Freude des Festes aufblitzt, wie in einer magischen Christbaumkugel.

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