Was
wollen wir?.
Essays, Reden, Skizzen von Ingo
Schulze (2009, Berlin Verlag).
Besprechung von Andreas Martin Widmann aus dem titel-magazin
vom 23.11.2009:
Osten im Westen
Ingo Schulze ist in den letzten Jahren zu einem Autor
geworden, der sich einmischt. Dass in seinem Werk Schreiben, Lesen und
aufmerksame Zeitgenossenschaft nicht nur nebeneinander stehen, sondern
untrennbar sind, zeigt die nun erschienene Auswahl von Essays, Reden und Skizzen
noch deutlicher als seine Romane und Erzählungen.
Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner
Mauer läuft die deutsche Gedenkmaschinerie auf Hochtouren. Weder unbescheiden
noch übertrieben wirkt es deshalb, wenn Ingo Schulze berichtet, er erhalte fast
täglich Einladungen zu Veranstaltungen, die auf die eine oder andere Weise den
Ereignissen im Herbst 1989 gewidmet sind. Zwar betont Schulze selbst, vielen
Kolleginnen und Kollegen ergehe es ähnlich wie ihm, aber er dürfte dennoch sehr
weit oben auf den Wunschgastlisten stehen – repräsentiert doch
Simple Storys, Schulzes 1998 erschienener
Roman, das Genre des sogenannten Wenderomans wie kaum ein anderes Buch. Und auch
wenn Schulze selbst anmerkt, die Wende sei eigentlich nur das Thema in zweien
seiner Bücher, ist die Wiedervereinigung für ihn nicht erledigt wie <WAS wollen
wir?>erkennen lässt.
Lesen und Schreiben
Zum Berufszeitzeugen, von denen so viele Talkshows in diesen Tagen bevölkert
sind, lässt er sich dennoch nicht machen. Zu vielseitig ist dafür Schulzes
Umgang mit dem Osten, von dem er einmal so träumen möchte wie einst vom Westen,
zu elegant sein Stil, zu natürlich das Miteinander von literarischer Arbeit und
politischer Einmischung. „Über Literatur spreche ich lieber aus der Sicht des
Lesers“, bekennt Schulze in seiner „Vorstellung in der Darmstädter Akademie“.
Abgesehen von Raymond Carver sind es
überwiegend russische und deutsche Autoren, über die Schulze schreibt:
Anton Tschechow,
Vladimir Sorokin und der im
deutschsprachigen Raum kaum bekannte Daniil
Charms sowie unter anderem Wolfgang Hilbig
und Alfred Döblin. Ursprünglich aus
verschiedenen Anlässen entstanden, als Rezensionen, Vor- oder Nachworte oder als
Preisreden, sind diese Texte häufig Protokolle der persönlichen Annäherung an
die Werke anderer Autoren. Besonders hervorzuheben ist darunter eine Laudatio
auf Wolfgang Hilbig, die, als Zwiegespräch
mit dem Minotaurus angelegt und an Adrian Leverkühns Unterredung mit dem Teufel
im Doktor Faustus erinnernd, zu einem eigenständigen, literarischen Prosastück
wird.
Die Stimmen der anderen
Als Schlüsseltext nicht nur dieses Bandes liest sich die Leipziger
Poetikvorlesung, in der Schulze schildert, wie ihn seine Erfahrungen in St.
Petersburg zu Anfang der neunziger Jahre zum Schriftsteller machten. Um über das
Geschehen im postkommunistischen Russland zu schreiben, lieh Schulze sich die
Tonlagen der russischen Dichter, die er in jener Zeit las. Er fand in dieser
Methode nicht seine eigene Stimme, die er aber auch gar nicht gesucht hatte,
sondern sein poetisches Verfahren, da sich, wie er schreibt, das Besondere jener
Zeit nicht durch einen einzigen Stil, „sondern nur durch ein Bündel
unterschiedlichster Stile und Geschichten“ ausdrücken ließ.
Bei seiner Rückkehr nach Deutschland fand Schulze eine veränderte Situation vor.
„Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 waren wir praktisch über Nacht in eine
letztlich amerikanisch geprägte Kultur eingetreten“, heißt es und so erklärt
sich, warum Schulze sich entschied, in seinem zweiten Buch „ausgerechnet im Stil
der traditionellen amerikanischen Short Story von Ostdeutschland zu erzählen“.
Die gesellschaftliche Wirkung der Wörter
Wie die Amerikanisierung der deutschen Kultur sich nicht allein sprachlich
manifestieren, sondern zugleich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse
zurückwirken kann, beschreibt Schulze in „Das Wort für die Sache halten. Über
den Begriff >Verlierer<“. Etymologisch, so zeigt er, ist der Gebrauch dieses
Substantivs außerhalb von Spiel und sportlichem Wettkampf im Deutschen eine
junge Erscheinung. Daran, dass es nun auch die Bedeutung des englischen loser
angenommen hat, erweist sich für Schulze die Wechselwirkung und außersprachliche
Wirklichkeit. Es scheine ihm „naheliegend zu behaupten, dass die Veränderungen
von 1989/90 das Denken in Gewinner-Verlierer-Relationen befördert haben. In den
Neunzigern vollzieht sich eine Verschiebung, die aus einem Verhältnis eine
Eigenschaft macht“. Hier schließt sich der Appell an, einer
gesellschaftspolitischen Entwicklung gegenzusteuern, die sich auf gewissen
Berliner Schulhöfen abzuzeichnen scheint, auf denen das Wort Opfer zum
Schimpfwort umgewertet wird.
So wird zum Ende des Bandes hin der Ton energischer und direkter, durchaus auch
weniger literarisch, da in Texten wie „Mein Westen“ oder „Was wollen wir“, der
Dankesrede zur Entgegennahme des Thüringer Literaturpreises, in der Schulze sich
gegen eine Delegierung der staatlichen Fürsorgepflicht für Künstler an
Wirtschaftsunternehmen aussprach, die Aussagen auch stärker an harten Fakten
messen lassen müssen. Doch spricht es letztlich für Schulzes Seriosität und auch
für das Buch, wenn so bürokratische Ausdrücke wie „Hartz-IV“,
„Pro-Kopf-Verschuldung“ oder „Gesundheitssystem“ nicht um der poetischen Wirkung
wegen vermieden, sondern beim Namen genannt werden. Diese Dinge, so könnte das
Fazit lauten, das Schulze den Leser selbst ziehen lässt, sollten eben nicht
schöngeredet werden.
[...diese und weitere
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