Was wird von A.L.Kennedy, 2009, WagenbachWas wird.
Erzählungen von A. L. Kennedy (2009, Wagenbach - Übertragung Ingo Herzke).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 19.9.2009:

Autorin A. L. Kennedy sucht nach Glück
A. L. Kennedy schildert das Leben, wie es ist: banal, komisch und unausweichlich. Auch in ihrem neuen Erzählungsband stehen Elend, Geldnot, Depression und Enttäuschung im Mittelpunkt

Es ist nicht leicht, A. L. Kennedy zu mögen, aber wenn sie einen erst hat, entsteht eine Faszination, der man immer wieder verfällt, mit jedem neuen Buch.

Diesmal also Erzählungen. Keiner von diesen wüsten Romanen, in denen Menschen fallen und aufstehen und nicht weinen. Nichts über Trinkerinnen oder traumatisierte Soldaten, keine Liebe zu einem toten Dichter oder einem Porno-Süchtigen. Sondern kleine runde Geschichten, in denen Angst, Unsicherheit, Trostlosigkeit und die Suche nach einem bisschen Glück wie Kohlensäure im stillen Glas des Lebens aufsteigen.

Leicht aggressiver Gleichmut

Dabei sind es auch schreckliche Geschichten, die A. L. Kennedy erzählt, in ruhigem Ton, als ließe sich noch das Schlimmste ertragen, wenn man nur die richtige Haltung dazu findet: einen leicht aggressiven Gleichmut. Kennedy erzählt von Beziehungen: beginnenden, scheiternden. Sie erzählt freundlich von Katastrophen, schildert Hinterhältigkeit, Dummheit und Verzweiflung so unbeeindruckt, dass der Leser nicht umhin kann, dies souverän zu finden. Aber wenn er gerade beschlossen hat, künftig auch so kühl durchs Leben zu gehen, dann wirft sie einen Satz hin, der alles aufdeckt, die ganze Brüchigkeit. Und die Identifikation ist umso stärker. In dieser Verletztheit finden wir uns alle, und wenn die Geschichten noch so schrill sind. Ihr Kern ist es nicht.

Ein sinnloser Schock

„Was wird”, die Erzählung, die dem Buch den Titel gibt, muss man zweimal lesen. Ein Paar, in dessen ruhige Normalität ein Zufall einbricht und einen sinnlosen Schock auslöst. Aber hinter der Geschichte vom Mann, der sich beim Kochen in den Finger schneidet und sein Blut in der Wohnung verteilt, erscheint eine andere, als läge sie hinter Pergament. Die Geschichte einer alten Verzweiflung; nur leise lässt sich die Tragödie ahnen.

Merkwürdig banal beginnt die Erzählung „Wespen”, später wird sie konsequent böse. Mit kalkulierter Unschärfe erzählt Kennedy von einer Frau, deren Mann immer wieder wegfährt, um mit irgendwelchen Frauen irgendwas zu machen; und kaum merklich wandelt sich die bieder Leidende in eine Medea, von der man sich vorstellen kann, dass sie ihre Kinder umbringt; vielleicht tut sie es aber auch nicht.

Boshaft, klug, genau, absurd

„Edinburgh” ist ganz Kennedy – boshaft, klug, genau, absurd. Tastend zarte Liebe, und böser Sturz; langes Annähern, die erste Nacht – aber am Abend zuvor ist die Frau ihrem früheren Freund begegnet.

Oder die furchtbare Geschichte mit dem furchtbaren Titel „Mit Gefühl” – eine Frau nimmt einen Fremden mit in ihr Hotelbett, sie lassen nichts aus, sie sind wild und vulgär, aber auch verletzlich und tröstend, und am Morgen, als die Frau denkt, dass aus dieser verrückten Nacht vielleicht doch eine schöne Liebe oder jedenfalls eine erfreuliche Beziehung werden könnte: Da springt der Mann in die Kleider und lässt keinen Zweifel daran, dass die weichen Worte nichts als ein Mittel waren.

Das Elend hat viele Facetten bei A. L. Kennedy, manchmal ist es so schlimm, dass man den Wunsch spürt nach wenigstens einer glücklichen Geschichte. Aber es kommt nur Leid, Streit und Depression. Erschüttert bleibt man zurück.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0909 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine