Was rauchte ich
Schwaden zum Mond.
Gedichte von Jan
Koneffke (2001, DuMont).
Besprechung von Jan
Wagner in der Frankfurter Rundschau, 7.3.2002:
Der
gelbe Magnet
Jan Koneffke stillt mit Gedichten seine
Mondsehnsucht
In Theodor Storms Kindergeschichte "Der kleine Häwelmann" saust ein Junge mit seinem Rollenbett auf einem Mondstrahl durchs Schlüsselloch hinaus und durch die schlafende Welt und den Sternenhimmel, sein Nachthemd am großen Zeh zum Segel gespannt und stets begleitet vom bass erstaunten, guten alten Mond. Früher bekam man die Geschichte vom unermüdlich rollenden Häwelmann vor dem Einschlafen von den Eltern vorgelesen, und Jan Koneffke scheint sich ihrer in einem Gedicht, das "Mondreise" betitelt ist, zu erinnern: "Im Gasometer gelandeter Mond rollte sein riesiges Auge / hob mein Bett einen Meter vom Boden es schwebte zum Haus raus herum / um Laternen Plakatsäulen Bäume ich konnte / Unmengen wandelnder Nachthemden sehn". Während Häwelmanns Ausflug bei Storm von der aufgehenden Sonne unterbrochen wird, die den Wickeltischphaeton unerbittlich ins Meer wirft, endet Koneffkes Bettenflug weniger archaisch - "erst als Nachtwächter riefen: Bewußtsein / soll wieder Bürostunde haben! / schlingerte es sackte unsanft zur Erde kein Zureden half / barfuß mußte ich umkehren".
Was sich im Titel des zweiten Gedichtbandes von Jan Koneffke andeutet, Was rauchte ich Schwaden zum Mond, wird bei der weiteren Lektüre zur Gewissheit: Der Mond ist hier allgegenwärtig. Ungetrübt ist die Freude am "gelben Magneten" gleichwohl selten, und schnell wird klar, dass es seit Eichendorffs Tagen keineswegs einfacher geworden ist, seine Mondsucht zu stillen: "Dem Mond befiehlt man sich erst auszuweisen / und Stempel stampfen blau in sein Papier / Erlaubnis wird erteilt bis viertelvier / befristet einzureisen", reimt Koneffke in einem "alten Nachtlied" - der Romantiker ist in die Mühlen der Bürokratie geraten, der Schlafwandler läuft Gefahr, über Paragraphen zu stolpern. Koneffkes Gedichte begehren auf gegen den regulierten Alltag, sie scheren sich nicht um die Bürostunden des Bewusstseins und bewahren sich ihre kindliche Lust am Spielerischen mit kunstvoller Naivität: "Wir aßen sechs Eier / und saugten am Bier / mit erhabenen Augen / ließen Sonne und Mond / rollen und wollten / bis Wolkenkuckucksheim reisen" ("Siebter Stock"). Nicht umsonst rekurrieren viele seiner Texte auf die Kindheit und räumen "Kaspar Hampelmann / Steiffelefant" den ihnen gebührenden Platz ein, und nicht zufällig verweisen sie so oft auf Kinder- und Märchenwelten, auf Hotzenplotz, Schlaraffenland und zappendustere Wälder: "Herr / Grimm blieb mir treu". Dass dies alles aber stets vor der Folie klar erkennbarer bundesdeutscher Wirklichkeit geschieht, verleiht den Gedichten und ihren Szenarien die Realität von Träumen - die ähnlich oft wie der Mond beschworen werden, sei es als Fiebertraum oder als Traum im Schlachthaus.
Die Beschaulichkeit von Titeln wie "Meiner Mutter Hausputz" täuscht, denn Koneffke trägt die Schlafwandelei direkt hinein in den bürgerlichen Haushalt, lässt seinen spielerischen Surrealismus in den gepolsterten Sitzecken Platz nehmen: "Ein blaues Nashorn / war unsere Hauswirtschaftshilfe / es kochte und wischte / an seinem Horn steckten Wassermelonen und Brot" ("Blaues Nashorn"). Nicht selten kippen dabei vermeintlich harmlose Zeilen in ein Szenario voller Bedrohung um und führen den Leser in ein Reich zwischen Sandmännchen und Hieronymus Bosch, in dem die feine Ironie einem grotesken und makabren Humor weicht, dem enthauptete Zwerge auf dem Sportplatz ebenso wenig fremd sind wie alliterierende Grusel-Passagen wie diese: "Mit einer Axt tritt er ei n / spaltet mein Hirn / und zerhackt meine Heizung // wird repariert heult Herr Hauswart / eine Handvoll verfrorener Haut / der Vierkant und Schrauben aushustet" ("Studentenwinter"). Seltsam deplatziert wirken in dieser konsequenten Verbindung von Schauerromantik und Moderne einige neuzeitliche, meist technische Beigaben; so gelungen Koneffke romantisches Sentiment aufs Computerzeitalter überträgt, so überflüssig und sogar störend wirken manche seiner Rückgriffe auf den dazugehörigen Jargon - "es melden mir Speicherverwalter / die meine Mattscheibe steuern / memory good und mouse driver installed".
Das spielerische Element in Koneffkes Lyrik, ihr poetischer Übermut, zeigen sich nicht nur thematisch, sondern auch in der Lust an der Form, an Reimen und gewagten Halbreimen, am furiosen Galopp durch Rhythmus und Klang, am freudigen Einbringen von Wörtern wie Schwuppdiwupp und Papperlapapp, oder, wie Koneffke in "Happy End" fragt: "was nutzt das sein Pensum abpesen / hopp foppt uns ein Mop und macht Mobbing / und putzt einen putzmunter weg". Den Eindruck, Koneffke treibe es in manchen Passagen nicht nur auf die Spitze, sondern weit darüber hinaus, wiegt die pure Freude an seinen sprachlichen Kapriolen auf.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0302 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau