Was ist ein Klassiker? von J.M.Coetzee, 2006, S.Fischer

Was ist ein Klassiker?
Essays von J. M. Coetzee (2006, S. Fischer - Übertragung Reinhild Böhnke)
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 3.1.2007:

Dichtung um jeden Preis
Coetzees Essays über Klassiker

Im Oktober 2006 stellte Waleri Panjuschkin, ein beliebter und kritischer russischer Zeitungsschreiber, seine Mitarbeit als Kolumnist bei der bis dahin noch regierungskritischen Tageszeitung Kommersant ein. In der vom Kreml beherrschten politischen Kultur sei für unabhängige Journalisten kein Platz mehr. Der Rückzug ins Schweigen hat Tradition in einem Land, in dem die Suche nach der Wahrheit den Tod zur Folge haben kann, wie die kürzlich ermordete Journalistin Anna Politkowskaja erfahren musste.

Als Isaak Babel 1934 auf dem sowjetischen Schriftstellerkongress aufgefordert wurde, im Stil des Sozialistischen Realismus zu schreiben, zog er sich nach seinen eigenen Worten ins "Genre des Schweigens" zurück. Mit dieser Feststellung beginnt einer von dreizehn für ein deutsches Lesepublikum von ihm selbst zusammengestellten Essays des 1940 in Kapstadt geborenen, 2003 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Literaturwissenschaftlers, Romanciers und Essayisten John Maxwell Coetzee. Es geht in diesem Text um Zensur und um Möglichkeiten, sie zu umgehen.

Am Beispiel Zbigniew Herberts zeigt Coetzee, wie sich ein Lyriker dem Druck, sich als "Ingenieur der menschlichen Seele" zu betätigen, zunächst durch Rückzug ins Schweigen entzog, dann aber eine Lyrik schuf, die sich jeder Interpretation, "die das Gedicht zu unterjochen" versuchte, widersetzte. Anhand einiger später Gedichte demonstriert er nicht nur, wie Herbert die Autonomie der Kunst gegen Versuche verteidigte, ihr eine bestimmte gesellschaftliche Rolle zu oktroyieren. Er zeigt auch, wie sich der Dichter dem Verlangen des stets misstrauischen Zensors, die eigentliche Bedeutung eines Gedichts, "seine Wahrheit" zu ergründen, entzieht, indem er versucht, "die Kraft der Kunst zur Selbstbestätigung poetisch darzustellen". Das Gedicht "Die Fünf" beispielsweise argumentiere nicht, "sondern ist ein Argument". Wenn es von irgend etwas handele - so Coetzee - dann von der eigenen Kraft, der Kraft, "den Stürmen der Zeit zu trotzen".

Auch in dem zweiten von insgesamt vier Essays über Zensur geht es dem Autor um das Herausarbeiten jener Mittel, zu denen ein Dichter in seiner Verzweiflung greift, um im "Schachspiel der Macht" nicht seine Ehre zu verlieren. Konkret geht es um Ossip Mandelstams Stalin-Ode. Im Zentrum des Gedichts - so zeigt Coetzee in seiner so subtilen wie pointierten Deutung - steht nicht Stalin. Vielmehr handelt die Ode als Ganzes "von der Verzagtheit gegenüber dem Vorhaben der Ode", beziehungsweise davon, "wie man das Kastrations-Werkzeug nicht benutzt". Mit solcher Darstellung des Darstellungsvorhabens versuchte Mandelstam die Zensur zu umschiffen und gleichzeitig der "heimtückischen Vergiftung" seines Schreibens zu entgehen.

Von dem Versuch der Zensur, den Diktator oder die herrschende Klasse vor einer als Beleidigung empfundenen Wahrheit zu schützen, handeln auch die beiden anderen der Zensur-Essay-Sammlung Giving Offence entnommenen Aufsätze. "Anstoßnehmen" stellt ein breites Spektrum aktueller Formen der Zensur und ihrer Auswirkungen dar. In der Abhandlung über Erasmus geht es um die Torheit des Narren, der den Herrschenden die Wahrheit sagen darf, ohne um seinen Kopf fürchten zu müssen. Denn - so Erasmus in seinem Lob der Torheit von 1509 - "es wirkt ein ursprünglicher Zauber in der Wahrheit, sobald sie nicht verletzt".

Im Unterschied zu den Zensur-Essays wirken die zunächst in der New York Review of Books erschienenen Essays über Robert Walser, Walter Benjamin und Robert Musil angesichts der reichhaltigen Forschungs- und Sekundärliteratur über sie im deutschsprachigen Raum wie ein Eulen-nach-Athen-Tragen. Coetzees Blick beispielsweise auf Benjamin ist dabei eher be- als verfremdend. Er bescheinigt ihm: kein Talent als Erzähler und dauerhafte Feindseligkeit gegenüber der erzählenden Geschichte. Doch es zeugt von Verständnislosigkeit, wenn dergleichen behauptet wird, ohne auch Benjamins Überlegungen zur Krise von Erfahrung und Erzählung angesichts historischer Katastrophen zumindest zu erwähnen.

Sucht man nach dem, was die Essays dieses Bandes miteinander verbindet, so ist es das Interesse an Kunst, die ihre Überlebensfähigkeit unter Beweis stellen musste. "Was die schlimmste Barbarei übersteht, deshalb übersteht, weil Generationen von Menschen es sich einfach nicht leisten können, es aufzugeben und daher um jeden Preis an ihm festhalten" - das ist Coetzees überzeugende Antwort auf die schwierige Frage des Titel-Essays und des Buch-Titels: Was ist ein Klassiker?

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