Was
im Leben zählt.
Roman von Frode
Grytten (2001, Nagel & Kimche - Übertragung Ina Kronenberger).
Besprechung von Aldo Keel in Neue
Züricher Zeitung vom 12.12.2001:
Frode Grytten gehört wie Jon Fosse oder Kjartan Fløgstad zur westnorwegischen Dichterschule. Held seines ersten Romans ist nicht eine Person, sondern ein Ort: Schroffe Felsschründe und ein Gletscher umschliessen den Fjord, an dessen Ende der Industrieort Odda mit seinen achttausend Einwohnern und einem respektablen Hafen liegt. Einst war Odda ein Reiseziel für Kreuzfahrttouristen. Die Naturkulisse ist imposant. Vor hundert Jahren schon etablierte sich das Schmelzwerk. «Ich liege in meinem Zimmer und kann nicht schlafen, höre das Summen der Fabrik, den Herzschlag dieses Ortes», heisst es in dem Roman. In Odda ist Frode Grytten aufgewachsen, hier kennt er sich aus. Sein Buch ist eine, freilich kuriose, Liebeserklärung an Odda und die Oddaer.
Wer Odda sagt, denkt auch an den benachbarten Industrieort Sauda. Und wer Sauda sagt, denkt an den Roman «Dalen Protland» (1977), in dem Kjartan Fløgstad mit gesellschaftskritisch und historisch geschultem Blick erzählt, wie die Menschen am einstmals verschlafenen Fjord von der Fabrik geprägt werden. Ganz anders geht Grytten zu Werke. Er reiht kleine Geschichten aneinander, «faits divers» mit ständig wechselndem Personal. Eine übergreifende Handlung gibt es nicht. Die Personen erscheinen fragmentiert, werden von einem Streiflicht erfasst, dann verschwinden sie. Die Geschichte des Ortes leuchtet auf als Reminiszenz, etwa im Bericht vom tapferen Heilsarmisten, der gegen die Sittenlosigkeit kämpft, die er zugleich als diplomierter Filmvorführer im Kino verbreitet. Odda hatte früher einen üblen Ruf, die Industrialisierung lockte viel wilde Kerle an den Fjord. Freilich erscheint Odda in Gryttens Buch als in sich geschlossener und abgeschotteter Kosmos, obwohl die Existenz der Oddaer von internationalen Konzernen abhängt. Grytten serviert Absonderliches und Ausgefallenes, er präsentiert Käuze und schlägt surrealistische Kapriolen. Störend wirkt sein Hang zur Geschwätzigkeit, zumal die holprige Übersetzung den Lesegenuss mitunter beeinträchtigt....Fortsetzung
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