1.) - 2.)
Was ich
liebte.
Roman eines Jahres von Siri
Hustvedt (2002, Rowohlt).
Besprechung von Silke
Scheuermann aus Der Standard, Wien vom
18.1.2003:
Wenn das Schicksal eingreift
Siri Hustvedts New Yorker Familienroman "Was ich liebte"
Alle Leser, die in Siri Hustvedt und Paul Auster das literarisch so produktive, attraktive, sich auch gar nicht ungeschickt selbst inszenierende Paar der zeitgenössischen amerikanischen Literatur sehen, können jetzt ihren dritten Roman, den in New York angesiedelten Familienroman "Was ich liebte", nach Spuren durchsuchen. "Einige Eigenschaften meiner Figuren habe ich auch von meinem Mann Paul Auster gestohlen", sagt Siri Hustvedt.
Sie können es aber auch bleiben lassen, denn auch ohne dieses biografische Wissen über die Autorin ist "Was ich liebte", dieser knapp fünfhundert Seiten lange, sieben Jahre nach Siri Hustvedts zweitem Roman, Die Verzauberung der Lilly Dahl, erschienene Band, ein fesselndes und lebenskluges Buch. Erzählt wird die Geschichte zweier Künstlerpaare, die miteinander eine Art große Wahlfamilie bilden. Sie besteht einerseits aus dem Maler Bill, dessen Ehefrau Lucille, einer Lyrikerin - die später abgelöst wird durch die Doktorandin Violet - sowie dem Kunstgeschichteprofessor Leo und seiner Frau Erica, ebenfalls Wissenschafterin.
Der sachliche, ruhige Leo schildert rückblickend, wie er Bill kennen lernte und sogleich bewunderte, wie dieser Karriere zu machen begann. Er erzählt von seiner Frau Erica, wie sie sich kennen lernten - beide stammen sie aus jüdischen Emigrantenfamilien - von den Söhnen, die beide Paare fast zeitgleich bekommen. Es ist dabei geschickt gewählt, dass Leo Kunsthistoriker ist. Auf diese Weise gibt er einen glaubhaften Interpreten von Bills Bildern und Installationen ab, die einen großen Raum in dem Buch einnehmen. Sie dienen als Spiegelbild und Kristallisationspunkt von Bills jeweiligem Gemütszustand und zeigen, wer und was ihn gerade beeinflusst. Da ist beispielsweise die Reihe "Hänsel und Gretel", zu der ihn Violet inspirierte, weil sie begonnen hat, an einer Dissertation über Frauen mit Essstörungen zu arbeiten.
Während das Thema der Kunst und Bildbeschreibung in Hustvedts letztem Roman bereits thematisiert wurde, kennt man Letzteres - Körperlichkeit, Körperbilder, Androgynität - aus ihrem Debüt Die unsichtbare Frau. Hier ist es wesentlich komplexer, zum Teil geradezu wissenschaftlich aufbereitet, das Buch bietet auch eine Bibliografie der verwendeten Quellen. Man könnte auch sagen, dass Siri Hustvedts Glaube an die fließenden Übergänge zwischen den Geschlechtern formal seinen Niederschlag in der Tatsache gefunden hat, dass sie als Icherzähler einen Mann ausgewählt hat.
Im Gegensatz zu anderen hierzulande populären amerikanischen Familienromanen, etwa Jonathan Franzens Korrekturen, spart Hustvedt im Plot nicht mit Schockeffekten. Wie ein großer Herzmuskel spaltet sich das Buch in zwei Teile, inhaltlich markiert durch den Unfalltod des Sohnes von Leo und Erica, der die schleichende Entfremdung des Paares zur Folge hat, die schließlich in der Trennung mündet: Erika nimmt den Ruf einer anderen Universität an und zieht weg. Leo dagegen schließt sich noch enger Bill und Violet an und beobachtet mit Argusaugen die Entwicklung ihres Sohnes Marc, seine Geburtstage, sein aufkeimendes Interesse an der Kunst. Die Mischung aus Wut, Verdrängung und tiefer, ernster Trauerarbeit, die im Blick dieses Mannes auf das fremde Kind liegt, ist sehr anrührend. Das Aufwachsen des Jungen konterkarieren die Passagen, in denen Bill sein eigenes Älterwerden, seinen Verfall diagnostiziert.
Eine kriminalistische Spannung entwickelt "Was ich liebte", wenn der Generationenkonflikt zwischen Marc und seinen Eltern in den Vordergrund rückt. Durch den Einfluss eines merkwürdigen Gurus aus einer reale und fiktive Aktionen verwechselnden Kunstgruppe entwickelt sich Marc, der inzwischen Mädchenkleider trägt, zu einer fremden, geradezu dämonische Gestalt. Er nimmt an merkwürdigen, zum Teil gefährlichen Kunstprojekten teil. Die Abgründe im Leben und in der Kunst, wie die Figuren sie erleben, kulminieren hier, und sie überfordern sowohl den jungen Mann als auch die Erzieher. Siri Hustvedt hat zu ihrem Buch gesagt, es sei eine ziemlich aufrichtige Fantasie darüber, was Kindern alles zustoßen kann, und keiner kann behaupten, ihr sei zu dem Thema wenig eingefallen, so anschaulich beschreibt sie die Ohnmacht der Eltern, die zwar ihr jeweiliges Werk unter Kontrolle haben, nicht aber ihre Kinder.
Am Ende ist "Was ich liebte" das gelungene Porträt einer amerikanischen Künstler- und Intellektuellengeneration, die aufgeklärt, diskussionsfreudig und ehrgeizig doch auf ihre spezielle Weise erkennen muss, wo der Wille aufhört und das Schicksal eingreift.
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Leseprobe I Buchbestellung 0103 LYRIKwelt © Der Standard
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2.)
Was ich
liebte.
Roman eines Jahres von Siri
Hustvedt (2002, Rowohlt).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter
Rundschau, Wien vom
1.2.2003:
Und die Form trügt
Siri Hustvedts Roman "Was ich liebte" begibt sich ins
unauflösbare Geflecht der New Yorker Intellektuellen-Bourgeoisie
Ein Roman, der mit der Beschreibung eines Kunstwerks
beginnt, spricht - das ahnt man - von sich selbst. Im Fall von Siri Hustvedts
Roman Was ich liebte handelt es sich um die Beschreibung eines Gemäldes.
Leo Hertzberg, ein junger amerikanischer Kunsthistoriker, betrachtet und kauft
es im Jahre 1975 in einer Galerie im New Yorker Stadtteil SoHo. Es ist ein großformatiges
Bild, ein liegender Frauenakt, das mehrere Geheimnisse birgt. Erst bei genauerem
Hinsehen entdeckt Leo Hertzberg zwei weitere Figuren auf dem Bild, die aber
nicht zu identifizieren sind, eine Frau, von der nicht mehr als der Schuh am
Bildrand zu erkennen ist und der auf den Akt fallende Schatten einer Person, die
außerhalb des Bildes stehen muss. Handelt es sich um den Maler selbst oder um
eine Vorwegnahme des Betrachters? Besonders rätselhaft aber ist der Titel des
Bildes "Selbstporträt". Denn bei dem Maler handelt es sich um einen
Mann, um Bill Wechsler, der sich entweder als Frau darstellt oder als abwesenden
Schöpfer.
Eine ganze Reihe der Motive des Gemäldes werden in Siri Hustvedts Roman
wiederkehren: Die Rolle des Künstlers im eigenen Kunstwerk, das Dunkel der
Vieldeutigkeit, der Sog des Enigmatischen, das Irrlichtern, Shiften und
Verlaufen der Identität. Vor allem aber wird die Atmosphäre des Bildes, die
sich aus den Motiven ergibt, jene leicht trancehafte Unheimlichkeit, für die
die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt berühmt ist, in ihrem neuen
Roman wiederkehren. Sein Umfang spielt eine ausschlaggebende Rolle. Denn die
atmosphärische Wirkung verdankt sich einer extremen Verlangsamung des Erzählens,
über Seiten und viele Lebensjahre der Protagonisten hinweg scheint die Zeit
aufgehoben und stillzustehen, als gäbe es keine Handlung, sondern nur geringfügige
Verschiebungen, als wäre der Roman selbst ein Bild, ein bewegungsloses
Gruppenbild. Aber die Form trügt. Der Stillstand, den sie suggeriert, ist
nichts anderes als die Ruhe vor dem Sturm. Die Trance, an deren subtilem Aufbau
Siri Hustvedt in der ersten Hälfte des Romans arbeitet, zerschellt in der
zweiten Hälfte an der Tragödie.
Gestört wird der Friede zunächst nur durch eine Ehescheidung. Das allerdings
ist in den 70er, 80er Jahren etwas recht Normales. Bill Wechsler, der Maler,
verlässt seine Ehefrau Lucille, Mutter seines Sohnes Mark und heiratet Violet,
die auf dem eingangs beschriebenen Gemälde abgebildete Frau. Das Ehepaar
bewohnt ein Loft in Down-Town. Unter ihnen wohnen Leo Hertzberg, der Käufer des
programmatischen Gemäldes und, was nur logisch ist, der Erzähler des Romans,
sowie seine Frau Erica. Auch sie haben einen Sohn. Er ist genauso alt wie Mark
und er hat ebenfalls einen Vornamen, der mit dem Buchstaben M beginnt, er heißt
Matthew. Die Familien sind eng befreundet. Die Jungen wachsen miteinander auf,
die Ehefrauen sind die besten Freundinnen, die Männer ergänzen einander ideal;
hier der Kraft- und Geniemensch, der Maler Bill Wechsler, dort der
Intellektuelle Leo Hertzberg. Sie alle leben mitten in New York, in den letzten
Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Sie arbeiten und gestalten, sie sind
kreativ, sie denken ungeheuer viel und sprechen ungeheuer viel, sie bewegen sich
in der Stadt und reagieren auf die Kultur ihrer Zeit. Ihre Lebensweise ähnelt
auffällig dem von Siri Hustvedt und ihrem Ehemann Paul Auster, dem
attraktivsten Schriftstellerpaar New Yorks. Die autobiographischen Bezüge des
Romans verdichten sich im Laufe der Geschichte. Und doch wirken diese
Romanfiguren durch die verträumte Erzählhaltung und die verlangsamende Erzählweise
bisweilen so realitätslos, als wären sie mehr Schlafwandler denn Zeitgenossen.
Leo, Bill, Erica, Violet, Lucille, diese emanzipierten, situierten Künstler und
Kunstliebhaber gehören zu einem ganz bestimmten Menschenschlag, dem Bürgertum
des letzten fin de siècle. Violet beschäftigt sich, zunächst
allerdings nur historisch, mit diesem Menschenschlag, mit den Pathologien des
ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie erforscht die legendären Krankengeschichten
französischer Hysterikerinnen, die durch den Psychiater Charcot textlich und
fotographisch überliefert sind. Die Darstellung dieses Themas beansprucht
ziemlich viel Raum in der Romankonstruktion und es beansprucht - da Violet eine
temperamentvolle, extrovertierte Person ist - die beiden Familien intellektuell.
Bill Wechsler wird durch die Arbeit seiner Frau
dazu angeregt, große Glaskästen, gleichsam dreidimensionale Bilder
herzustellen, in die er Szenen und Figurenensembles hinein arrangiert, die sich
zur Handlung des Romans wie prophetische Parallelkunstwerke verhalten. In der
Serie dieser Glaskästen steckt das Unbewusste der erzählten Geschichte. Im
Lauf der Zeit geht Violet dazu über, die Pathologien der Gegenwart zu
erforschen, Essstörungen und eine der Hauptkrankheiten des Spätkapitalismus,
Identitätsstörungen. Wer ist wer, und wer lebt wessen Leben? Das sind die
Fragen, die sich wie eine unsichtbare Geheimschrift im Hintergrund des Romans
abzeichnen und die seine Figuren noch um den Verstand bringen werden. Wer gehört
im Parallelsystem der zwei Familien unbewusst zu wem? Matt, der Sohn von Leo und
Erica, erweist sich schon im Kindesalter als begabter Maler. Bill Wechsler nimmt
ihn unter seine Fittiche und als Freizeitschüler in sein Atelier auf. Der
eigene Sohn dagegen, Mark, wirkt im Leben seines Vaters und seiner Stiefmutter
bisweilen wie ein Gast, der zwischen der leiblichen Mutter Lucille und dem New
Yorker Loft hin- und herpendelt.
Das Interesse des Erzählers, Leo Hertzberg, am Liebesleben von Bill und Violet,
besitzt es nicht einen übertrieben identifikatorischen, voyeuristischen Zug,
der eine heimliche Leidenschaft Leos für Violet verbirgt? Warum betrügt Leo
seine Frau in einer Nacht ausgerechnet mit Lucille? Ist sie die Stellvertreterin
für Violet? Sind nicht alle Figuren nur Stellvertreter für eine andere Figur,
dadurch instabil und folglich gefährdet? Zwei Hauptthemen in Bill Wechslers
szenischen Glaskästen sind die Figur des Wechselbalgs und das Motiv des Doppelgängers.
Siri Hustvedt streut Zeichen und Vorzeichen so diskret, so indirekt, dass der
Leser sie glatt überlesen und übersehen kann. Einen strahlend blauen Himmel zu
zeigen und zugleich die Ankündigung eines Orkans spürbar zu machen, darin
liegt eine der erzählerischen Leistungen des Romans. Die andere: Die
Darstellung seelischer Demontage durch einen Schicksalsschlag. Bei einer
Jugendfreizeit, wo Matt und Mark gemeinsam ihre Ferien verbringen, kommt Matt
ums Leben. Die anschließenden Romanpassagen und -kapitel, in denen sich Siri
Hustvedt dem Äußersten menschlicher Trauer nähert, der Trauer von Eltern um
ein Kind, sind große Literatur.
Hustvedt nähert sich den Figuren der Eltern Erica und Leo vorsichtig, von außen,
als stellten sie eine einzige Wunde dar, die keine Berührung zulässt, nicht
einmal die von Worten. Zu sehen sind zwei Menschen, die sich in ihrem Leben
weiter formal fortbewegen, ihre Arbeit wieder aufnehmen, ihre Doktoranden an der
Universität betreuen, aber all dies in weiter Entfernung zur Wirklichkeit und
zueinander. Leo Hertzberg und Erica verlieren sich in der Trauer um ihren Sohn.
Erica verlässt New York und nimmt eine Stelle an der Universität Berkeley an.
Später verlässt sie auch den Kontinent und geht nach Paris. Damit endet in
gewisser Weise der Roman, die Geschichte einer großen menschlichen Tragödie.
Aber was der Schriftstellerin wirklich am Herzen liegt, ist die Verbindung
dieser Tragödie mit aktueller Kulturgeschichte und mit Kulturkritik.
In dieser Verbindung liegt das Problem des Romans. Denn seine zweite Hälfte
entwickelt sich als New-York-Thriller, der von Matt, dem überlebenden Sohn,
ausgeht und zum Ende hin von seiner Geschichte vollkommen beansprucht wird. Aus
Matt wird ein Monster, ein Phantom, das aus vielen Gesichtern, vielen Egos und
Egofiktionen besteht, das mit verschiedenen Stimmen spricht, mit beiden
Geschlechtern spielt, ein kostümiertes Nichts in der Gestalt eines
pubertierenden Jungen. Matt ist ein zwanghafter Lügner, er verwickelt sich in
die New Yorker Drogen- und Transvestitenszene, er taucht unter, taucht wieder
auf, stiehlt, verwahrlost, er bringt Bill, Violet und Leo um den Verstand.
Matt wird zum Instrument dieses Giles, eines diabolischen Szenekünstlers, der
in Galerien nachgeahmte Leichenteile und inszenierte Gewaltorgien ausstellt und
dessen Ruhm sich vor allem dem Gerücht verdankt, Gewalt nicht nur künstlerisch
zu verarbeiten, sondern auch zu predigen und anzuwenden. Am Ende wird ihm tatsächlich
der Mord an einem Jungen nachgewiesen. Es bleibt offen, ob Mark in das
Verbrechen involviert ist oder nicht. In dem Milieu um den verruchten zynischen
Künstler trägt Mark den Spitznamen M&M.
Schon dies ist ein Indiz dafür, dass Siri Hustvedt in der Romanfigur des
sinistren Künstlers Giles den amerikanischen Untergrundmusiker Marilyn Manson
darstellen wollte, dessen Markenzeichen Androgynität, Destruktivität und
satanistische Gewaltverherrlichung sind.
In Deutschland bekannt wurde Manson vor allem als Idol des Erfurter Amokläufers.
Im Roman ist sein Interesse an Mark nur ein taktischer Schritt auf dem Weg einer
ödipalen Abrechnung mit dem Maler Bill Wechsler. Giles erwirbt ein Gemälde
Bills, das den zweijährigen Mark in Windeln zeigt, zerstört es und stellt das
zerstörte Kunstwerk des kunstgeschichtlichen Vorgängers zur Schau. Eine Art
Mord-Anschlag der destruktiven Postmoderne an der Generation der klassischen
Moderne. Auf der symbolischen Ebene gelingt der Anschlag: Bill Wechsler überlebt
die Dauersorge um den verkommenden Sohn nicht und stirbt in seinem Atelier an
einem Herzinfarkt.
Das alles ist im Einzelnen nicht unplausibel, aber in der Summe überdeterminiert.
Ein Übermaß an Bezügen, Bedeutungen, Metaphern und Symbolen, dessen Eifer womöglich
mit dem Versuch der Autorin zu erklären ist, den unmittelbaren
autobiographischen Hintergrund des Kriminalfalls zu kompensieren: Paul Austers
Sohn sitzt, wegen Totschlags in einem ganz ähnlichen Fall verurteilt, im Gefängnis.
Doch trotz einiger Schwächen ist Was ich liebte Siri Hustvedts bisher
eindrucksvollster und ambitioniertester Roman.
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Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau