Was gestern
morgen war.
Gedichte von Peter
Horst Neumann (2006, Rimbaud).
Besprechung von Reinhard
Knodt aus den Nürnberger
Nachrichten vom 3.08.2006:
Varianten des Abschieds
Ein neuer Gedichtband von Peter Horst Neumann
„Der Vernünftige/ hört die Stimme der Vernunft, der Gottergebene/ die
Stimme seines Gottes, der Taube hört / die Schläge seines Herzens“.
Wenn man ein Kind fragt, was es werden will, antwortet es niemals,
„Kritiker“, was beweist, dass dies ein Beruf für Versager ist, heißt es
bei Francois Truffaut, der natürlich selbst auch Kritiker war. Gedichte zu
kritisieren ist nicht leicht, besonders wenn man weiß, dass der Verfasser,
bevor er sie schrieb, ein brillianter Essayist und Literaturkritiker und
eigentlich mehr Philosoph als Germanist war.
„Was gestern morgen war“, heißt der neue Band von Peter Horst Neumann. Vom
Gehen und vom Kommen ist darin die Rede, von langer Dauer, dem Kosmos, Gott und
Zeus, den Dichtern und dem Garten Eden. Wer denkt, dass solche Gegenstände nun
auch einen seraphischen Tonfall provozieren würden, täuscht sich. Neumanns
Gedichte sind einfach und liebevoll. Sie modulieren kleine Erfahrungen zu großen
Einblicken und gestalten diese oft überraschend.
Andere Antworten
Ein immer wiederkehrendes Muster: Die ewig gleichen Fragen endlich anders zu
beantworten. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? „Vom Freien ins Freie“. Was
ist Heimat? Ein Land, dessen Asche noch wärmt. Was ist Alter? „Hinter der
Badezimmertür holt dich die Wahrheit ein!“. . .
Es ist die Unausweichlichkeit, mit der man zustimmt und die zum Weiterlesen
veranlasst. Die Texte beginnen oft mit einem schnellen Bild: „Vor vollen Krügen.“. . .,
„Von einer Schaukel war die Rede“. . . Schon in der zweiten Zeile
merkt man aber, dass das Bild zugleich Denkbild ist, eine Situation, die
weitergetrieben wird, zur Begebenheit, zur rührenden oder furchtbaren
Begebenheit - und beides, das Rührende wie das Furchtbare, hat zugleich
erstaunliche Beiläufigkeit, die Beiläufigkeit des Dahinerzählens, denn
Neumann „erzählt“, wie ein lebensvoller Mensch erzählt, einer der den
Abschied in vielen Varianten moduliert.
Es ist eine Art beiläufiger Lebensunterricht, etwas, das von der letzten
Vergeblichkeit allen Strebens erzählt und dieses in geradezu groteske Bilder
bringt. „Der Dichter als Fisch“ ist einer, der noch „mit dem Haken im Maul
singt“. Und „Im Picknick mit toten Dichtern“ trinkt er schließlich „aus
leerem Glas“ und „vom Katzentisch der Minderbrüder“ den Großen zu -
Petrarca, Puschkin und
Lorca, Trakl.
Peter Horst Neumann erhielt verschiedene Literaturpreise, ist Mitglied der
bayerischen Akademie der schönen Künste und lebt — was man leider zu wenig
bemerkt - hier in Nürnberg.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.Nürnberger Nachrichten.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten