Was Dunkelheit war von Inka Parei, 2005, SchöfflingWas Dunkelheit war.
Roman von Inka Parei (2005, Schöffling&Co.).
Besprechung von Ursula März aus der Frankfurter Rundschau, 7.12. 2005:

Schauplatz: Hirnwindungen
Inka Parei überzeugt mit der Geschichte eines sterbenden Mannes

Jenseits der Frage, ob Bücher gut oder schlecht, gelungen oder eher misslungen, interessant oder belanglos sind, ist die Frage relevant, ob sie poetische Überzeugungskraft besitzen. Bei Inka Parei, der in Berlin lebenden, 1967 in Frankfurt geborenen Schriftstellerin, die vor zwei Jahren für einen Auszug ihres nun erschienenen Romans mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, stellt sich der Eindruck der Überzeugungskraft unmittelbar ein. So seltsam es klingen und so seltsam es als Kriterium der Kritik überhaupt erscheinen mag: Es ist unvorstellbar, dass Inka Parei andere Romane schriebe, als die, die sie schreibt. Darin findet sich kein beliebiger, kein einziger von der poetologischen Phantasie der Autorin abweichender Satz. Und diese Phantasie ist die unverwechselbare Handschrift der Literatur Inka Pareis.

Sie hat bislang nur zwei Romane veröffentlicht, 1999 erschien Die Schattenboxerin, jetzt, nach sechs Jahren, erscheint der neue Roman mit dem Titel Wo Dunkelheit war. Inka Parei schreibt und arbeitet offensichtlich langsam und bedächtig. Aber diese beiden Romane genügen, um vom Parei'schen Stil, vor allem von einer typischen Motivik sprechen zu können. Ihr Stil, das sind glasklare, reduziert benennende, einfache Sätze von bezwingender Sachlichkeit. Es sind, jeder für sich genommen, ausgesprochen geheimnislose, realistische Sätze. Erst in der Summe ergeben sie ein Geheimnis, ergeben sie die Umgestaltung der realen, greifbaren Welt in eine surreale, geträumte, nur gedachte Welt. So verfügt die gesamte Textur der Romane über eine helle und eine dunkle Seite.

Die Opposition zwischen Dunkelheit und Helligkeit aber ist zugleich das Zentrum von Erzählstoff und Erzählmotivik. "Hell" und "Dunkel" hießen die beiden Protagonistinnen im Roman Die Schattenboxerin. Zwei weibliche Personen, die in einem alten heruntergekommenen Berliner Mietshaus auf einem Stockwerk gegenüber wohnen, die eine vielleicht nur die Einbildung, der Schatten eben der jeweils anderen. Zwei Chiffren für die Spannung zwischen Realität und Projektion, aus der Literatur ursprünglich entsteht. Ein sinnbildliches Figurenduo für Inka Pareis Poetik des Wachtraums. Man liest eine Geschichte und ob sie von einer etwas bizarren jungen Großstädterin erzählt oder, wie im neuen Roman, von einem alten sterbenden Mann: Man liest immer auch die Symbolgeschichte poetischer Phantasie.

Wachträumend liegt der alte Mann auf dem Bett, im Zimmer eines Hauses, in das er erst vor kurzem eingezogen ist. Er hat es geerbt, ein Haus am Stadtrand Frankfurts, ein labyrinthisches Gebäude, halb Wohnhaus, halb Pensionsbetrieb, im Erdgschoss ist eine Metzgerei, deren Geräusche zu dem Alten heraufdringen, es gibt Treppen, von denen er nicht weiß, wohin sie führen, Feuertüren, die sich nicht öffnen lassen. Er weiß - oder erinnert - noch nicht einmal, von wem er das Haus geerbt hat. Oder hat er dieses Wissen als Materialstück einer umfassenderen Verdrängung in den Bereich des Gedächtnisses geschoben, in dem sich Dinge befinden, von denen er Jahrzehnte lang nichts wissen wollte, Dinge, die sich auf ein Erlebnis im Zweiten Weltkrieg beziehen, in dem er zum schuldhaften Täter wurde. In seinem Wachtraum gehen Realität und Halluzination ineinander über, und Inka Parei ist eine Meisterin dieses Übergangs. Der Fremde zum Beispiel, der dem alten Mann plötzlich auf einer Treppe gegenüber steht, er kann Einbrecher oder Traumgestalt sein, ein Erinnerungsphantom oder sogar der Alte selbst, der sich im Fieber seiner letzten Lebensstunden als anderer sieht.

Die ganze Topographie des Hauses ist nichts anderes als eine Metapher des biographischen Geländes, das der Alte ein letztes Mal durchstreift, auf der Suche nach der Wahrheit jener verdrängten Kriegsszene. Je näher er ihr kommt, je mehr von diesem vereisten Kern seines Lebens wegschmilzt, desto schwächer wird die Kraft, die ihn noch am Leben hält und daran hindert, loszulassen.

Einziger Schauplatz des Romans: die Hirnwindungen eines alten Mannes, der Soldat war, zweimal verheiratet, Skatspieler und an "tausenden von Tagen" Beamter hinter einem Postschalter, und der nun am Ende dieser Tage von Berlin nach Frankfurt gezogen ist, um ein Erbe anzutreten. Aber alles, und eben auch das Motiv der Erbschaft, hat eine reale und eine zweite, symbolische, transzendierende Dimension. Das Erbe, das hier angetreten wird, lässt sich ebenso als politisch-historischer Vorgang im Kontext der Geschichte der Bundesrepublik verstehen. Der Roman spielt im September 1977, im deutschen Herbst der Terroristen also, ihrer Morde und der Terroristenjagd. Ohne jede Penetranz, ja sogar leicht überlesbar zieht Inka Parei diese Bedeutungsspur in den Romanstoff. Eine Folge literarischer Überzeugungskraft ist der Eindruck der Selbstverständlichkeit. Was alles andere als selbstverständlich ist, dass eine 38-jährige Autorin mit den Augen eines alten Mannes sieht, seine Gedanken denkt und sich in seinen hinfälligen Körper versetzt - man vergisst bei der Lektüre, sich darüber zu wundern. Und fast vergisst man sogar, sich darüber zu wundern, dass Inka Parei sich eine der schwierigsten Aufgaben zumutet, den Vorgang und Moment des Sterbens aus der Perspektive des Sterbenden literarisch darzustellen.

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