Was davor geschah von Martin Mosebach, 2010, Hanser1.) - 2.)

Was davor geschah.
Roman von Martin Mosebach (2010, Hanser).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 15.8.2010:

"Was davor geschah"
Beim Tranchieren des Barschs

Martin Mosebach erzählt mit mehr Wohlwollen als Ironie vom Leben in besseren Frankfurter Kreisen. Seine Sprache ist Genuss pur.

Der neue Roman von Martin Mosebach spielt in den besseren Frankfurter Kreisen. Wäre er nicht von Martin Mosebach, dann wäre er womöglich ein Groschenroman geworden.

Die reizende Familie Hopsten empfängt wochenends in ihrer Taunus-Villa. Zu den Gästen gehören ein bedeutender Mann und seine Familie. Der mickrige Sohn hat eine somnambul auftretende Südamerikanerin geheiratet, die er nicht verdient hat und, da verrät man nicht zu viel, auch nicht behalten wird. Schon hat der stille Hausherr ein Auge auf sie geworfen. Seit neuestem tummelt sich auch ein robuster und zugleich windiger Geschäftsmann mit Migrationshintergrund am Pool der Villa. Allerdings spürt die charmante, aber urteilsfreudige Dame des Hauses doch deutlich seine Nichtzugehörigkeit.

Später fällt der robuste und zugleich windige Geschäftsmann in einer Anwandlung über eine walküreförmige Blondine her. Weil er inzwischen außerdem eine Affäre mit der dann doch nicht so pingeligen Dame des Hauses hat, sieht diese jetzt Grund zur kolportagehaften Rache. Ihr Plan sieht vor, dass der eingangs erwähnte Mickermann den Geschäftsmann für einen Erpresser halten soll. Sie kann nicht einkalkulieren, dass der Mickermann sich über den Erpresserbrief freut. Aber Martin Mosebach kann das. Er erlaubt sich an dieser Stelle die Sentenz „Das Missverständnis gehört zu den Kernkapiteln in der Geschichte der Korrespondenz“. Und schildert, dass der „Erpresser“ dem Mickermann vorkommt wie „der erste Mensch, der sich um Hans-Jörg wirklich kümmerte, ihn zu unterhalten suchte, seine Launen zu enträtseln oder wenigstens aufzulösen trachtete…“. Das ist trefflich beobachtet und das Zeug, aus dem Groschenromane nie, aber Mosebach-Romane zumeist sind.

So verschlingen sich die Beziehungen zwischen Poolnachmittagen, Schlittenpartien vom Großen Feldberg hinab und sizilianischer Sommerfrische. Das geschieht mit Eleganz und einer possierlichen Lust am Gemein-, aber auch Dabeisein. Man hält sich an schönen Orten auf, an denen es früher freilich noch schöner war. Man hat einen Widerwillen gegen alles Hässliche und gibt ihm Ausdruck. Man ist klug wie Mosebach, wobei der Erzähler (wie der Familien-Kakadu) vor allem eine Übung im Beobachten und Zuhören absolviert. Dialoge haben Rondo-Charakter und Frauen Maillol-Figuren, und vor dem Leser entstehen Stillleben mit Rotweinglas und Zitrone.

Denn das Buch geht nicht aufs Ganze, auch wenn man immer darauf wartet

Natürlich spürt der Leser den Zug ins Grundsätzliche: was wir vom Leben wollen; wie das und das passieren kann; was das alles soll. Der Erzähler, ein unauffälliger Mittdreißiger, der in einer Bank arbeitet und gerade erst zu seiner Freude bei den Hopsten-Nachmittagen eingeführt worden ist, freut sich an einem alten Baum vor seinem Haus. Eine Seite später ist er gefällt und innen „gänzlich verfault. Wäre der Baum umgestürzt, er hätte vermutlich meinen Balkon in die Tiefe gerissen“. Den Balkon, wie ärgerlich. Denn es geht nicht aufs Ganze, auch wenn man immer darauf wartet, sondern höchstens um das Memento mori im künstlerisch Verfeinerten. Die Orange, die die schöne Südamerikanerin schält, ist ja ganz strohig. Das gehört aber alles eher auf die Gefühlsebene eines „Huch“ als eines „Ach“.

Das gilt auch für die hübsche Schlussvolte. Sie erst erklärt manche Formulierung in der Rahmenerzählung. Dort unterhält sich ein Liebespärchen im titelgebenden Sinne: Sie will wissen, was geschah, bevor sich die beiden kennenlernten. Sie kommentiert auch, was er teils allwissend berichtet. Den Geschäftsmann findet sie „vulgär“, hinter Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichten ahnt sie „Läufigkeit“.

Die Ironie, dass es sich in „Was davor geschah“ um just eine solche handeln könnte, tritt zurück hinter der Verächtlichkeit einer solchen Vokabel. Auch der Erzähler hat klare Ansichten oder lässt die der anderen unbefangen passieren. Im „Vorortzug“ (es mag wohl eine S-Bahn sein) beobachtet er eine „schreckliche Frau“, Obdachlose werden wieder zu „Landstreichern“, und der Geschäftsmann mag noch so Wienerisch sprechen, er passt doch besser nach Istanbul. Indes: „Kein Familienmief hing über der Villa Hopsten, die Generationen lebten diskret miteinander.“

Denn Martin Mosebach ist bei allem Spott nicht so satirisch gestimmt, wie der altmodische Leser vielleicht hofft. Der Erzähler zeigt mit Blick auf die Welt der Hopstens weit mehr Sehnsucht als Befremden. Und er merkt nicht, dass das bloß der kulleräugige Blick des Neuankömmlings (um jetzt nicht zu schreiben: des Kleinbürgers) ist, der Stil und Etepetete nicht auseinanderhalten kann. Der Autor hat nichts dagegen einzuwenden.

Und dann schildert Mosebach den Beginn von Frau Hopstens Affäre mit dem Geschäftsmann. „Vor drei Wochen hatte sie gesehen, wie Joseph Salam einen großen Wolfsbarsch, der in ganzer Pracht auf den Tisch gekommen war, zerlegte, in dem offensichtlichen Eifer, sich nützlich zu machen, vielleicht gar mit solchen Maître-d’Hôtel-Künsten ein wenig Eindruck zu schinden. Und nun fühlte sie sich, als sei sie selbst solch ein praller, glatter Fisch, der von seinen erfahrenen Händen tranchiert wurde, nach allen Regeln der Kunst, und zwar um verspeist zu werden.“ Für solche Passagen liest man dieses Buch, sie folgen einander auch Schlag auf Schlag in dieser unwichtigen Geschichte über unwichtige Leute. Wie der Erzähler sich ihnen nicht entziehen kann, kommt man selbst nicht weg von dieser Sprache. Das ist fast schon ein Ärgernis, aber auch kein wichtiges.

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Was davor geschah von Martin Mosebach, 2010, Hanser2.)

Was davor geschah.
Roman von Martin Mosebach (2010, Hanser).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 6.09.2010:

Das bröckelnde Glück der besseren Kreise
Martin Mosebachs neuer Roman „Was davor geschah“: Lesenswertes Meisterwerk der Beobachtung

„Was davor geschah“, der neue Roman von Martin Mosebach, der gerade erschienen ist und sogleich auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis landete, ist ein groteskes und großartiges Stück Gesellschaftssatire.

Es kommt nicht gerade oft vor, dass einen nach 300 Seiten Lektüre ein trauriges Gefühl beschleicht: nur noch ein paarmal umblättern, dann ist dieses Buch endgültig aus; nur noch absehbar wenige Absätze, dann wird man wieder hinausgeworfen aus dieser Geschichte, die doch nie enden sollte; nur noch eine kleine Weile, dann gehören diese Lesestunden, die man wie schon lange keine mehr genießen und auskosten durfte, der Vergangenheit an.

Man hat in diesen Stunden oft den Kopf geschüttelt und sich gefragt, wie das denn heute überhaupt noch möglich ist: Ein Roman, der mit geistvoller Leichtigkeit so elegant durchkomponiert ist bis in den letzten Winkel der Handlung, in der letztendlich doch nur die pure Ereignislosigkeit für Irritation und Abwechslung sorgt; der bis zum nebensächlichsten Wort im Satz sein garstiges Spiel treibt mit einer grotesken, doch real existierenden Gesellschaft, die da auf die hinterhältigste Art und Weise empörend geschmackvoll und seriös entblößt und der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Man hat an Doderer denken müssen, auch an Thomas Mann, und fand, dass die Kunst des Martin Mosebach doch solche Vergleiche gar nicht braucht, da sie jetzt wie ein Solitär dasteht: „Was davor geschah“ ist ein Meisterwerk!

Nach einer gewissen Zeit hat man aufgehört Stellen anzuzeichnen, die einem als besonders zitierfähig erschienen waren – weil sie sich häufen, weil da wieder einer dieser verschroben eitlen, dumm-selbstgerechten Charaktere so wunderbar gnadenlos zerstückelt, eine alltägliche Situation so genussvoll auf die Spitze der Absurdität getrieben wurde. Man hätte den Bleistift nehmen und um jede einzelne Seite einen großen Kreis zeichnen müssen...

Mosebachs Tiefblicke in die Abgründe der unerträglichen Überheblichkeit der (hier: Frankfurter) Upper-class, der Neureichen-Zirkel und Adabei-Cliquen, in denen nur der einen Fuß auf den Perser bekommt, der Kontaktpflege noch nach den guten alten Regeln des Arschkriechens betreibt, sind unbarmherzig und kommen doch mit solch einer einfühlsamen Leichtigkeit daher, dass einem die hoffnungslosen Protagonisten fast schon wieder leid tun können. Das Milieu, in dem man sich aufgebrezelt-leger zum Sonntagsvertreib trifft, ist in seinem Glanz stumpf, seiner Etiketten-Hörigkeit muffig, seiner Egozentrik lächerlich: Man trifft sich, um Lebenslügen fortzuspinnen, Eitelkeit zu frisieren, geschäftliche Interessen aufzudrängen und erotische Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Jeder redet schlecht über jeden, aber wenn man jemandem seinen Gegner nimmt, der unter den Decknamen Freund, Ehepartner oder Geschäftskollege seine Rolle spielt, klappt das auf Selbsttäuschung und Lügen basierende kleine Glück zusammen wie das Haus aus gezinkten Karten.

Mosebach, der Grandseigneur und unbeirrbare Ästhet der Literaturszene, Büchner-Preisträger von 2007, der, wie die Zeit gerade dokumentierte, sogar mit Aldi-Tüte noch Staat macht, kennt sich aus in der Klasse, der er in seinem Buch ein bröckelndes Denkmal setzt. Aber es ist nun einmal seiner unnachahmlichen sprachlichen und intellektuellen Geschicklichkeit zu verdanken, dass er in keinem Moment seine Opfer zu denunzieren braucht, um sie nackt wie in Kaisers neuen Kleidern zu zeigen.

Kakadu als Zeuge

Sie leiden an der Langeweile ihres geschmacklos möblierten Wohlstands und es ist bezeichnend, dass ausgerechnet ein knopfaugen-zwinkernder Kakadu, so ein unbezahlbarer und für Dekorationszwecke missbrauchter Tier-Geck, in dem Roman als Geheimnisträger herhalten muss, dem keine der Vorteilsnahmen, Seitensprünge und Ausrutscher auf dem glitschigen Parkett entgeht, auf dem das ganze Gesellschaftstheater spielt. Aber hält der auch dicht? Kann der nicht sprechen?

Wer sich einmal ohne Häme, dafür mit ungetrübter Freude an souveräner Ironie zurücklehnen und amüsiert etwas erfahren will über die grelle Tagesöde und die trüben Nachtseiten von Glanz und Gloria, wer einmal die große Welt als billige Vorstellung vorgeführt bekommen möchte – wer einmal wieder nach Literatur giert, fein gesponnen und köstlich ziseliert, komisch und böse, kultiviert und rücksichtslos zugleich wie lange nicht mehr, der lese diesen Roman. Es ist derzeit – und auf lange Sicht hinaus – einer der besten!

Die vollständige Besprechung mit Abb. von Bernd Noack finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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