1.) - 2.)
Warum
schriftlos leben.
Essays von Durs
Grünbein (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Michael Braun in Neue
Zürcher Zeitung vom 26.6.2003:
Die Verteidigung der
Poesie
Durs Grünbeins Essays
zelebrieren die Schönheit der Sprache
Seit den Essays des frühen Enzensberger hat es wohl keinen Schriftsteller gegeben, der in diesem proteischen Genre eine solche Kunstfertigkeit, Belesenheit, ja geradezu enzyklopädische Neugier bewiesen hat wie Durs Grünbein. Schon in der 1996 erschienenen Aufsatzsammlung «Galilei vermisst Dantes Hölle und bleibt an den Massen hängen» hat Grünbein virtuos auf der Klaviatur der Gattung gespielt und eine Poetik entwickelt, die den Mut hat, die Dichtung im Kontext von Tradition und modernen Naturwissenschaften, jenseits der «Paradoxa von Autonomie und Engagement», zu verorten. Grünbeins neue Aufsätze, zu verschiedenen Anlässen entstanden, ergänzen dieses Bild und fügen der intellektuellen Biographie aufschlussreiche Facetten hinzu.
Eine Schlüsselstellung kommt dem Essay «Zwischen Antike und X» zu, in dem Grünbein seine produktive Antikenrezeption reflektiert, ohne den Bezug zur Gegenwart preiszugeben. Der Dichter ist in der römischen Literatur, der er seine «wichtigste Schreiblektion» verdankt, ebenso zu Hause wie im «Transitraum» der globalisierten Moderne, für die gilt: «Weniges leuchtet noch ein, heilt oder versöhnt.» Was dem Dichter in dieser Situation bleibt, ist der nüchtern-desillusionierende «Taucherblick, Schwarzfahrerblick, Misstrauensblick» eines Skeptikers und Satirikers, der gleichwohl die Begeisterung für die Schönheit der Sprache, für den Vergänglichkeitstrotz der Poesie nicht verlernt hat und der die «Freuden des Herstellungsprozesses» so gut zu beschreiben weiss, weil sie ihm Aufklärung bieten über sein ureigenes Metier, das Dichten: die «widerspruchsreichste, wahrhaft komplexeste Form der Anschauung».
So beschreibt Grünbein auch die klassischen Probleme der Lyrik, die Fragen nach Anfang, Sinn und Zweck des Schreibens. Der titelgebende Beitrag «Warum schriftlos leben» lässt sich als ironischer Selbstzweifel lesen, aber mehr noch als Bekenntnis der Zugehörigkeit zu jenen «Ureinwohnern der Sprache», zu deren Aufgaben nicht nur weiterhin «Jenseitserkundung und Minnedienst» gehören, sondern auch die Beschreibung dessen, «was den Spezialisten entgeht». Mit dem Kunstwort «Neuro-Romantik» hat Grünbein bereits früher seine Vermittlerrolle zwischen den Spezialdiskursen der Naturwissenschaften und der Künste unterstrichen. Jetzt erneuert er diesen Anspruch auf originelle Weise, etwa wenn er Licht in die Beziehung zwischen Architektur und Roman oder in den Urzwist zwischen Philosophie und Dichtung zu bringen versucht. Ossip Mandelstam ist der immer wieder zitierte Vater dieses nachgerade programmatischen Anspruchs, keine Trennung der Kulturen und Wissensgebiete zu respektieren.
Der vielleicht persönlichste, zumindest aber sehr autobiographisch geprägte Beitrag ist der «Kurze Bericht an eine Akademie», mit dem sich Grünbein im Jahr der Büchner-Preis-Verleihung der Darmstädter Akademie vorstellte. Hier erfährt man in nuce, was die Dresdner Kindheit, was der Untergang der DDR und was die literarischen Vorbilder, was Hölderlin, Novalis und Pound, dem Dichter bedeuten.
Doch fällt es schwer, Grünbein auf eine Ahnenreihe, etwa die von Brecht so genannte pontifikale Linie, festzulegen. Dies zeigt der nicht zufällig als Beitrag zum Goethe-Jahr ausgegebene Essay über die Weltliteratur. Grünbein macht unmissverständlich klar, dass er nicht bereit ist, ein Panorama der literarischen Gipfel, vom «Monte Cervantes» über den «Peak Dante» bis zum «Mount Shakespeare», zu bestaunen. Stattdessen greift er den von Goethe geprägten Begriff auf, um ihn als kolonialismusverdächtiges Unternehmen zu enttarnen, das zwar mit guter Absicht, «im Namen der Völkerverständigung», angetreten sei, aber etwas von «semantischem Raubbau» an sich habe, weil es die Stimmen und Stile fremder Völker usurpiere. Doch die Pose des Mahners und Warners ist Grünbein fremd. Er ist nicht angetreten, die Ablösung des Begriffs durch eine neue «Internationale der Konfektionsliteratur» zu beklagen. Vielmehr vertraut er auf die Selbstregulierungskräfte des Weltmarktes und beschränkt sich auf die gelassene Prognose: «Irgendwann würde die Frustration über die auflagenstarken Surrogate so mächtig werden, dass wieder wirkliche Weltliteratur gefragt sein würde.»....Fortsetzung
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2.)
Warum
schriftlos leben.
Essays von Durs
Grünbein (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in
der Frankfurter
Rundschau vom 13.9.2003:
Für ein Nachdenken gab es in den letzten Jahren
für Durs Grünbein viele Anlässe: die Zuwahl in die Deutsche Akademie für
Sprache und Dichtung, die Entgegennahme des Premio Nonino in Salzburg, das Tokyo
Summer Festival oder auch ganz einfach nur das Goethe-Jahr.
In den Reden und Essays des neuen Bandes Warum schriftlos leben? geht es
bei unterschiedlichsten Themen unter der Hand stets um die Dichtung und ihren
Platz. Und spricht man über Dichtung, muss man von ihrem Urheber und seiner
mehr oder weniger fragilen, zu verteidigenden Position sprechen. Nach Lesungen
werde er oft von Zuhörern mit den drei typischen Fragen konfrontiert: ob das
Dichten einträglich sei und seit wann, aber vor allem, warum er schreibe.
Die Verskunst, antwortet er, sei der Versuch, ein Fensterchen in die eigene
schwindende Zeit einzusetzen. Nur "eigensinnigster Ausdruck bietet die
minimale Chance, eines Tages anders als nur in sterblicher Hülle wahrgenommen
zu werden". Die Voraussetzungen für diese antibiologische Unsterblichkeit
sind denkbar einfach und jedem gegeben, der einem Mindestmaß an
Alphabetisierung ausgesetzt war. Grünbein beruft sich auf den Willen, für die
klassische griechische Philosophie das von der Vernunft bestimmte
handlungsleitende Streben. Erst der Wille zum Geist und zur Schrift mache den
Menschen zum Menschen.
Doch der Autor bezieht sich nicht nur hier auf die griechischen und lateinischen
Klassiker. Dieser Fernverkehr ist seiner Meinung nach noch immer ein Muss für
die moderne Literatur und ihre Schöpfer. Die antike Literatur stehe für das
Nichttriviale, "im Lateinischen steckt der Befehl zum aufrechten Gang, das
Alphabet zur Charakterbildung". Zur Verwandlung in den Dichter habe ihm die
Begegnung mit den Ausgrabungsstätten von Herculaneum und Pompeji verholfen. In
der antiken Tradition entdeckte er eine neue Heimat, die ihm im Gegensatz zu den
Erfahrungen in der DDR eine tatsächliche zu werden versprach.
Was das sozialistische Ideal nicht schaffte, vermochte das römisch-griechische:
Es grundierte dem Dichter die Schrift- und Denkzüge, verlockte ihn zur Adaption
von Gedanken größeren Formates. Letztendlich gibt es aber noch einen weiteren
und übergreifenderen Grund, zur Schrift zu kommen. Der unendliche Zufluchtsraum
Gehirn, schreibt Grünbein, könne nur schriftlich bereist werden. Hierin ist
die Dichtung allen anderen Kunstformen überlegen, denn diese sind, "sobald
es um die inneren, traumhaften Zusammenhänge geht, auf das Wort angewiesen. Der
Traum, und das stellt sich erst schreibend heraus, ist das Wirkliche am
Ich".
Gegenüber der Musik besitze die Dichtung den Vorteil, dass sie zu intimeren
Kontakten fähig sei, ihre Wege von Körper zu Körper zögen weniger
raumgreifend. Die Musik sei selbstherrlich und grandios, neige eher zu Höhenflügen,
da sie überdeterminiert und ungleich mehr hochgerüstet mit ihren Effekten sei.
Einzig die Literatur träte der Zeit nackt gegenüber, durch ihre Armut ist
allein sie prädestiniert zu einer besonderen Vertrautheit mit Chronos. Einem
Dichter fehlten ganz einfach die Mittel zu jener totalitären Ästhetik, wie sie
der "herrschsüchtige Wagner" vertrete. Auch mit der Architektur
verglichen kommt die Kunst der Schrift besser weg. Noch in der kleinesten Gefängniszelle,
so Grünbein, verschaffe eine Buchseite das Gefühl imaginärer Freiheit. Die
Architektur, ja selbst schon eine beliebige Hauswand könne "einen dagegen
zur Geisel, wenn nicht zum Gefangenen des Raumes" machen.
Es gibt im Grunde, so das dezente Fazit dieses Bandes, keine andere Disziplin
oder Äußerungsform des Menschen, der nicht die Dichtung, "im Grunde so
alt wie kaum ein anderes Handwerk", überlegen wäre. Sogar die Philosophie
verdanke der Dichtung mehr als sie zugebe. Das vorsokratische Denken wäre
nicht, was es ist, ohne den "Vorlauf poetischen Sprechens". Deshalb
seien die wesentlichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts erneut der Kunst
verfallen, erläutert Grünbein am Beispiel Adornos.
Natürlich ahne ein Leser, wenn er den Autor mit obigen drei Fragen zu Leibe rückt,
von all der Komplexität wenig: "Wie alle Konsumenten sieht er den Vorgang
naturgemäß einseitig, entweder allzusehr vom Aufwand bestimmt, der ihm
gewaltig erscheint, oder vom Ergebnis her, das ihm strenggenommen recht dürftig
vorkommt."
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