Warum du mich verlasen hast von Paul Ingendaay, 2006, SchirmerGraf1.) - 4.)
Warum du mich verlassen hast.
Roman von Paul Ingendaay (2006, SchirmerGraf).
Besprechung von Hans Christian Kosler aus der Neue Zürcher Zeitung vom 29.4.2006:

Oh, Mann – ach, Leute! 
«Warum du mich verlassen hast» – Paul Ingendaays Romandébut 

Egotrip oder Selbsthistorisierung? Die Generation der Nach-68er, auch Generation Golf genannt, pflegt den autobiografischen Rückblick. Früh gereift und zart und traurig, umkreisen sie die Jahre ihrer Kindheit, die zu den wirtschaftlich fettesten der alten Bundesrepublik gehörten und ihre Chronisten offenbar ausgesprochen milde stimmen. Einer von ihnen: Paul Ingendaay, Jahrgang 1961, aus Madrid berichtender Kulturkorrespondent der «FAZ», der nun einen stark autobiografisch geprägten Internatsroman vorlegt. Was lässt sich einem Genre wie diesem an neuen Facetten noch abgewinnen? Drill, sadistische Schikanen, pubertäre Heimlichkeiten – Robert Musil hat vor genau hundert Jahren mit den «Verwirrungen des Zöglings Törless» das Terrain an Peinigungen ebenso eindringlich wie erschöpfend abgesteckt. Sind nicht seitdem alle Internatsromane nur noch Variationen eines überschaubaren Bereichs von Verhaltensmustern?

Fraternisierender Erzähler 

Ingendaay lässt sich mit der Beantwortung dieser Frage reichlich Zeit und schlüpft in eine fast schon provokante Erzählgemütlichkeit. Sein Alter Ego Marko Theunissen, Spross aus gutem Hause, teilt sich mit zwei Mitschülern ein Zimmer in dem altsprachlichen «Collegium aureum», einem im Niederrheinischen unweit der holländischen Grenze gelegenen katholischen Internat. «Insel der Verzweiflung» nennt der etwa 15-Jährige den unheimlichen Gebäudekomplex, in dem er sich mit der «grauen Wolke des Nihilismus» einhüllt. Minuziös schildert Ingendaay das strenge Reglement, das tückische «Ins-Gebet-Nehmen» der einzelnen Schüler und die rigiden Strafen des Internats: Wer zu spät kommt, muss vier Stunden lang einen Graben von Schlamm ausheben, samstags – zur Zeit der «Sportschau» – ist Gottesdienst anberaumt, das Tragen von Jeans, sogenannten Nietenhosen, ist verboten, und der lüsterne Präses befragt Marko nach dessen «fleischlichen Versuchungen». Peinigend, perfide gewiss, aber ist das so aussergewöhnlich? Der mit seinen Lesern in Form von «Oh, Mann» oder «Ach, Leute» fraternisierende Ich-Erzähler plaudert aus der Mitte der siebziger Jahre, als derlei Umgang mit Internatsschülern wenn nicht mehr die Regel, so durchaus noch üblich war.

Daten, politische Ereignisse und den zeitgeschichtlichen Kontext zu den Vorgängen im Internat muss sich der Leser im Übrigen zusammenreimen. Waren das nicht die Jahre des RAF- Terrorismus und damit grösster Politisierung des öffentlichen Diskurses? Doch Ingendaay bevorzugt die Enklave des damals so beargwöhnten «luftleeren Raums». Das Leben brodelt draussen, drinnen im Internat kann man – ein spanisches Sprichwort – der Zeit Zeit geben. Marko, vom Präses als Lieblingsschaf in seiner Herde gelobt, tritt die Flucht nach innen an und rettet sich in die Lektüre kanonischer Werke der Weltliteratur. «Der grosse Gatsby», das Kultbuch der «lost generation», hat es ihm ebenso angetan wie Henri Alain-Fourniers Jugendroman «Der grosse Meaulnes», ein frühes Kultbuch nicht weniger, dessen Aura Ingendaay in seinen gelungensten Passagen spürbar nachhängt. Markos Religionslehrer Bruder Gregor macht ihn mit Hebbels Tagebüchern und mit einem Brief Senecas an Lucilius vertraut, der die Frage stellt: Warum, wenn eine Vorsehung die Welt lenkt, widerfährt guten Menschen so viel Unglück? Der Ordensbruder weiss darauf so wenig eine Antwort wie Marko. Bruder Gregor, der einzige Aufrichtige unter den Geistlichen, der – indem er auf die Folterungen von Priestern in Brasilien hinweist – eine Art alternativen Unterricht gibt, zerbricht an seiner Einsamkeit und begeht Selbstmord. Marko kann der «Wolke Nihilismus» entfliehen, indem er sich (endlich!) ausführlicher der «Mädchenfrage» widmet.

Ehrgeiziges Début 

Nach dem ersten Kuss seines Helden schreibt Ingendaay deutlich befreiter. «Hatte ich eine Angst!» Endlich wirkt der angestrengt kumpelhafte Tonfall so, wie er beabsichtigt ist: natürlich, ungeschminkt. Das Leben, ein «buntscheckiges Ding», wie es Gewährsmann Robinson Crusoe nennt – auf einmal wird es wenigstens erahnbar. Sogar mit Spannung kann Ingendaay am Schluss noch aufwarten, indem er Marko detektivisch nach Bruder Gregors Büchern fahnden lässt. Und ein wahrer Held wird der so zögerliche Marko auch noch, indem er die wahre Todesursache Bruder Gregors preisgibt, der die Klosterbrüder die Version «Herzversagen» vorgezogen haben.

So liefert der Internats- und Bildungsroman quasi pflichtschuldigst die postmodernen Unterhaltungselemente nach, an denen es ihm in der ersten Hälfte so mangelt. Am hohen sprachlichen Vermögen gibt es keinen Zweifel, doch vielleicht wollte Ingendaay mit diesem ehrgeizigen Einstieg in die Belletristik zu viel auf einmal: bleiben und Abschied nehmen und bleiben, preisgeben und verbergen, sich die eigene Jugend vom Leibe schreiben und dabei zugleich die gebotene Diskretion wahren. Aber so ist das nun einmal, wenn die Generation Golf zurückblickt: Nicht alte Sünder melden sich zu Wort, sondern stille Dulder.

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Warum du mich verlasen hast von Paul Ingendaay, 2006, SchirmerGraf2.)

Warum du mich verlassen hast.
Roman von Paul Ingendaay (2006, SchirmerGraf).
Besprechung von Teresa Grenzmann im Münchner Merkur, 3.5.2006:

Das Versprechen eines Knalleffekts
Paul Ingendaays Roman einer Jugend

Er ist zu brav für einen Törleß, zu verhalten für einen Gatsby, zu empfindsam für einen Harry Potter, zu integriert für einen Robinson. Wie viele seiner literarischen Gemütsgenossen will sich der fünfzehnjährige Marko seinem Leben nicht tatenlos ergeben. Aber wie soll er ihnen gegenüber treten - der Familie, dem Internat, den Mädchen, den eigenen Überzeugungen -, wenn doch in allem und jedem ein ganz und gar unromanheldenhafter (Selbst-)Zweifel steckt?

Paul Ingendaay, Literaturkritiker und Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat sich die zerbrechlichen Lasten und Laster einer (ein Stück weit wohl auch: seiner) Pubertät zum Thema für sein Debüt in der großen Form gewählt. Dies ist ihm gleich 500 Seiten groß geraten und wirkt ein bisschen, als stecke es selbst noch in der Pubertät: Der Roman wächst frühreif zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur; der ins Abenteuer gedehnte Inhalt kann es mit den sprachlich reifen Ambitionen und weltliterarischen Vergleichen (Marko als altkluger Erzähler nährt seine Sätze gerne aus Zitaten und reflektiert sich etwa als neuer Robinson Crusoe auf der "Insel der Verzweiflung") kaum aufnehmen.

"Warum du mich verlassen hast" - die biblische Anspielung im Titel verspricht mehr, als im Buch gelöst wird. Dies scheint die lange Erzählung denn auch stets zu begleiten: das Versprechen eines Knalleffekts. Dass es die längste Zeit nicht dazu kommt, mag den Leser mit ambivalenten Gefühlen versehen: Ingendaays sorgfältige mal witzige, mal düstere Beschreibungen strahlen eine schier unstörbare Seelenruhe aus. Darauf antwortet man als Lesender zunächst mit wachsender Ungeduld - die irgendwann in Bewunderung umschlägt für die psychologische Ausdauer, mit welcher der Autor den aufrichtigen Charakter seines Protagonisten färbt. Er begleitet Marko Schritt für Schritt in dessen zwei problematischen Unwelten: In seinem Familienleben muss er lernen, mit Abschieden und Brüchen umzugehen; in seinem Internatsleben findet er sich zwischen den üblichen mittelschweren Streichen und einer spannenden, intensiven intellektuellen Beziehung zu einem der Mönche.

Kriminalfall hinter katholischen Mauern

Dann der Wandel: Die persönlichen Schwierigkeiten Markos lässt Ingendaay in einen Kriminalfall à la Eco hinter den so katholischen Mauern des Jungeninternats am Niederrhein münden - als fühle sich der Autor doch noch verpflichtet, seinem unausgesprochenen Versprechen nachzukommen. Nun allerdings erscheint einem der Knalleffekt allzu gefällig, dienten die ersten paar hundert Seiten ja wohl nicht nur als Anlauf zur Enthüllung eines Skandals, mit Hilfe dessen Marko seinen Roman doch noch als Held verlassen kann.
Aber: Selbst Robinson Crusoe bedurfte schließlich eines krassen Eingriffs von außen, um von seiner Insel gerettet zu werden.

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Warum du mich verlasen hast von Paul Ingendaay, 2006, SchirmerGraf3.)

Warum du mich verlassen hast.
Roman von Paul Ingendaay (2006, SchirmerGraf).
Besprechung von Sebastian Fasthuber aus Der Standard, Wien vom 6.5.2006:

Späte Rückkehr ins Internat
Paul Ingendaays misslungener Adoleszenzroman "Warum du mich verlassen hast"

Dass etwas mit mir nicht stimmte, merkte ich daran, dass ich wieder diese Träume hatte. Ich werde sie euch nicht erzählen." Und ob er das wird, ist der Leser nach vielen Stunden an der Seite von Marko Theunissen schlauer, wenn er das Buch dann noch einmal aufschlägt und den ersten Satz des Romans zum zweiten Mal liest. Er wird uns alles erzählen.

Nicht immer wird die Wahrheit gesagt in Paul Ingendaays Warum du mich verlassen hast, mit dem einer der vertrauenswürdigeren Literaturkritiker unserer Tage sich selbst erstmals als Autor exponiert - ausgerechnet mit einem Internatsroman, der in einem Kollegium irgendwo im niederrheinischen Niemandsland nahe der holländischen Grenze spielt und zu allem Überdruss noch ein deutlich autobiografisch gefärbter Roman ist.

Die Lüge und die Schande, damit wären schon die beiden Begriffe genannt, die das Collegium ausmachen, in dem Marko seine Teenagerjahre fristet. Die Erziehung, die den Kindern und Jugendlichen hier zugefügt wird, ist eine humanistische, katholische und sehr verlogene. Hinter diesen Mauern wird die Schande so lang wie der Teufel an die Wand gemalt, bis es für einen wachen, jungen Menschen nichts Reizvolleres gibt, als von ihr zu kosten.

Die Einhaltung der Internatsregeln aber wird streng überwacht. Die Mönche werden als Heuchler gezeichnet, sind im Prinzip jedoch auch nur arme Schweine, die nichts vom Leben haben und ihre Lust im Schikanieren der Zöglinge ausleben. Ein mysteriöser Bruder vertreibt sich die Zeit damit, im Buch der Ordnungen jene Begebenheiten aus der Kollegiumsgeschichte niederzuschreiben, die grobe Abweichungen von der Ordnung darstellen. Am Ende wird sich auch Marko in dieses Buch eintragen.

Warum du mich verlassen hast schildert die Ereignisse im für den Jugendlichen stürmischen Schuljahr 1976/77. Der intelligent, aber auch sehr naiv wirkende Marko nimmt in diesem Jahr Abschied von der Kindheit und wird zum Erwachsenen - auf die harte Tour. Seine Familie zerbröckelt; der Vertrauensmann Bruder Gregor, mit dem er sich ausgiebig über Bücher austauscht, verlässt das Kollegium; den ersten Kuss bezahlt er mit einem Messerstich; mit dem Glauben an Gott ist es bei dem in einer nihilistischen Phase steckenden Burschen sowieso nicht weit her. Und überall um ihn: Lüge.

Ingendaays junger Held, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, fühlt sich wie Robinson auf der Insel. Seinen Defoe hat er so genau studiert, dass sich Passagen aus dem Roman fast wortwörtlich in seinem Text wiederfinden. Aber auch sonst wird viel gelesen und zitiert. Hier sucht jemand offenkundig noch nach seiner eigenen Stimme.

Ingendaays Roman ruft ständig Erinnerungen an andere Adoleszenzromane wach, an Salingers Fänger im Roggen, an Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß. Im Vergleich dazu erweist er sich jedoch als blasse Fortschreibung einer literarischen Tradition, als eine etwas behäbige Variante aus der deutschen Provinz in den Siebzigerjahren.

Anders, als man es von Ingendaay, der das Werk des großen US-Romanciers William Gaddis für den deutschen Sprachraum entdeckt hat, erwartet hätte, stellt dieser Text keine Fallen. Er ist zwar sprachlich durchaus gelungen, aber er plätschert zu lang ohne besondere Einfälle monoperspektivisch dahin.

Die wahre ästhetische Leistung Ingendaays besteht darin, sich während des Schreibens derart lückenlos in ein 15-jähriges Ich eingefühlt zu haben, dass der Leser irgendwann vergisst, einen Text aus der Feder eines literarisch mit allen Wassern gewaschenen Mittvierzigers zu lesen. Ja, wer bemüht hier überhaupt das erinnernde Präteritum - der Jugendliche, der kürzlich erst aus dem Internat geflogen ist, oder einer, dem vor beinahe dreißig Jahren einmal Ähnliches widerfahren sein könnte?

Bald hat man einen Verdacht. Nach 500 - teils durchaus kurzweiligen, teils durchlittenen - Seiten hat er sich ausreichend erhärtet: Weite Strecken dieses Buches hätte auch ein hoch begabter Teenager zu Papier bringen können. Ob ihm Ingendaay nur die Hand führen wollte, erscheint mehr als fraglich.

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Warum du mich verlasen hast von Paul Ingendaay, 2006, SchirmerGraf4.)
Warum du mich verlassen hast.
Roman von Paul Ingendaay (2006, SchirmerGraf).
Besprechung von Werner Jung in freitag vom 1.6.2007:

Insel der Verzweiflung
Paul Ingendaays Debüt-Roman "Warum du mich verlassen hast" führt ins Internat

Ganz weit draußen tief im Westen der Republik, da, wo auch die Erzählungen und Romane von Autoren wie Silvia Szymanski, Dietmar Sous und Norbert Scheuer angesiedelt sind, spielt auch der Romanerstling von Paul Ingendaay: in einem niederrheinischen Kaff an der holländischen Grenze, ganz in der Nähe von Kevelaer, Geldern und Weeze, wo´s seinerzeit allerdings weder den Flugplatz noch die später legendären "Bizarre Festivals" des WDR gegeben hat. Ingendaay schaut zurück in die frühen siebziger Jahre mit dem Höhepunkt 1977. Falsch! Nicht um die RAF-Geschichten und eine überwachte Gesellschaft geht es dabei, sondern vielmehr um dasjenige, was sich auf jener "Insel der Verzweiflung im niederrheinischen Nichts" abgespielt hat. Hier ist alles um einige Takte langsamer, und die Wolken hängen tief, wie es einmal lakonisch heißt.

Marko Theunissen nennt Ingendaay seinen Protagonisten, der als Zehnjähriger ins Internat gekommen ist und als Ich-Erzähler schließlich seiner Leserschaft, die komplizenhaft häufig in der zweiten Person Plural angesprochen wird, vom letzten Jahr im "Collegium Aureum" berichtet. Denn da überstürzen sich plötzlich die Ereignisse und beschleunigt sich die Zeit, die vorher im Gleichmaß zu ersticken gedroht hat. Marko ist inzwischen 16 und hockt mit Motte, Tilo, Onni und den anderen auf einer Bude, erzogen von den frommen Brüdern Gregor und Hermann sowie dem Präses. Im Hintergrund wuselt ständig noch das Faktotum Jan Spaans, der bereits länger als 50 Jahre im Internat weilt. Und man tut, was man hier so zu tun gezwungen ist: vor allem sich langweilen, zumal wenn auch die Lektüre Robin Crusoes, der Hebbelschen Tagebücher und Senecas einen nicht mehr über die langen Tage retten kann.

Dann ist da selbstverständlich auch die Mädchenfrage, die sich mit Macht ins Gemächte und die Köpfe drängt - nicht zuletzt gerade immer dann, wenn eigentlich die fromme Gottesfrage zur Erörterung stünde. Natürlich wissen die klugen wie heiligen Brüder um die argen Gefährdungen und Anfechtungen, weshalb der Präses auch die schlaue Formel ausgegeben hat: "Lieber sterben als verderben!" Und, weiter noch, sogar die Gründung eines DKP (=der katholische Pfad) vorschlägt, der es der wirklichen DKP und allen anderen Kommunisten so richtig zeigen soll.

Doch die schönen Träume zerplatzen nächtens beim Wichsen geradeso wie tagsüber bei den ersten schüchtern-zärtlichen Annäherung ans andere Geschlecht, an Monika aus der Schuhfabrik etwa, die´s Onni angetan hat, oder die 14jährige Margret, die Marko das Küssen beizubringen versucht: "Sie war eine gute, ausdauernde Küsserin, und sie wollte, daß ich ihre Hassumer Techniken übernehme. Sie hatte ziemlich genaue Vorstellungen. Also arbeiteten wir daran. Mich störte ein bißchen, daß ich an große Schnecken denken mußte. Schnecken, die sich vermehren. Na ja." Dabei sind es genau jene zarten Pflanzen der Versuchung, die Marko über die als bittere Enttäuschung erlebte Trennung und Scheidung seiner Eltern hinweghilft. Hinzu kommen Gespräche, insbesondere über Literatur, mit dem aufgeschlossenen Bruder Gregor, der jedoch die rigiden Zwänge und Ordnungsvorstellungen des Internats selbst nicht länger aushält und sich erhängt.

Aber was nichts sein darf, ist eben nicht, und so will der Präses den Selbstmord auf einen Herzinfarkt hinauslaufen lassen. Nur Marko, der es wie auch die Freunde besser weiß, weil sie die Leiche gefunden haben, macht das Spiel der geistlichen Führung nicht mit und verkündet lauthals am denkbar (un-) geeignetsten Ort, bei der Trauerzeremonie nämlich, was es mit dem Tod des Bruders auf sich hat. Daraufhin wird er unter dem fadenscheinigen Grund, Bücher entwendet zu haben, der Schule und des Internats verwiesen. Auf der letzten Seite des Textes lässt Ingendaay seinen Protagonisten von der Mutter abholen, und er schenkt ihm ein neues Leben, die Wiedergeburt in der Großstadt: "Dann fuhren wir weiter, und es war, als rauschten wir schnurstracks in meine Zukunft hinein. Von Geldern nach Nieukerk, von Nieukerk nach Aldekerk und weiter nach Kempen, ihr kennt die Route ja."

Der 1961 in Köln geborene FAZ-Korrespondent für Spanien und Literaturkritiker Paul Ingendaay hat einen auf berückend faszinierende Weise naiv geschriebenen Roman vorgelegt. Darin hält er das wunderbare Gleichgewicht zwischen der Darstellung erstickender Langeweile und grauenvoll-peinlicher Ordnungssysteme auf der einen und Auf- und Ausbrüchen samt initiatorischer Riten und sexuellen Erwachens auf der anderen Seite: zwischen Lust und Frust, Trauer und Melancholie. Ingendaays reiht sich, gewiss ohne dass er es darauf abgesehen hätte, in eine illustre Tradition von Adoleszenzromanen von Hesse über Robert Walser bis zu Friedrich Torberg und braucht die Angst vor Vergleichen überhaupt nicht zu scheuen. Der einzige Vorwurf (vielleicht), den man Ingendaay machen könnte, ist der des Unökonomischen, denn die Familiengeschichte des ersten Teils des Romans verliert sich ein wenig im zweiten, in dem das Internatsleben im Vordergrund steht.

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