Warten auf Puschkin.
Roman von
Sergej Gandlewski (2006, Aufbau Verlag - Übertragung Andreas Tretner).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in Neue Züricher Zeitung vom 13.01.2007:

Literatur und Leben
Sergei Gandlewskis Roman über die russische Dissidentenszene

Die Literatur ist am meisten Literatur, wenn sie sich mit sich selbst beschäftigt. In diesem Fall kommt nämlich ein weitverbreitetes Missverständnis gar nicht erst auf: Zahlreiche Leser glauben, dass Texte auf Wirklichkeit beruhen. Die Welt wird allerdings in der Literatur nicht abgebildet, sondern erst erschaffen. Man kann noch einen Schritt weiter gehen: Es sind gerade die literarischen Muster, die menschliches Verhalten prägen und steuern. Besonders deutlich lässt sich die Literarisierung des Lebens in der russischen Kultur beobachten.

Der russische Dichter Sergei Gandlewski (geb. 1952) bringt dieses Merkmal in seinem Roman «Warten auf Puschkin» auf eine kühne Pointe: Dem gemeinsamen Lektürehintergrund kommt für das dissidente Schriftstellermilieu eine höhere Realität zu als den zahlreichen Einschränkungen durch den Machtapparat. Die Unterhaltungen der Künstler, ihre Wertvorstellungen, ihr Verhalten – alles ist imprägniert von einem literarischen Fluidum, das immer wieder auf den Prototyp Puschkin verweist. Dazu gehören das Sprechen in Sentenzen, das Einweben von Zitaten in die direkte Rede und sogar das Inszenieren eines Duells, wenn man sich wegen der Rivalität um eine Frau in die Haare gerät.

Mit fein dosierter Ironie zeichnet Gandlewski ein Porträt seiner Generation, die keineswegs für literarische Anarchie eintritt, sondern einen festen Kanon von Namen und Texten errichtet. Auf dem Gipfel der Prestigepyramide steht in Gandlewskis Roman der Märtyrerpoet Viktor Tschigraschow – diese fiktive Figur stellt eine Art Kreuzung aus den realen Kultautoren Joseph Brodsky und Wenedikt Jerofejew dar.

Erzählt werden Tschigraschows vita, morte und miracoli aus der Perspektive eines zweitrangigen Schriftstellers, der gerne mit seinen eigenen Gedichten Furore gemacht hätte, heute aber nur als literaturwissenschaftliche Autorität über Tschigraschows Werk einige Bekanntheit geniesst. An sein Vorbild reicht der Erzähler schon deshalb nicht heran, weil er sich in seiner Jugend von einem KGB-Mitarbeiter als Informant hatte anwerben lassen. Literatur ist auch hier das verbindende Element: Der Offizier outet sich als feinsinniger Doktor der Philologie, der den verdächtigen Tschigraschow nicht mit politischen, sondern mit ästhetischen Argumenten entthront.

In seinem Roman gelingt es Gandlewski, die geheime Hierarchie des Untergrund-Literaturbetriebs offenzulegen. «Warten auf Puschkin» ist eine witzige Allegorie auf die Mythen, Stilisierungen und Selbstbespiegelungen der russischen Autoren, die ihre eigene Existenz kunstvoll in Szene setzen und dabei konstant Literatur und Leben miteinander vermischen.

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