Warten auf die Barbaren von J.M.Coetzee, 2001, S.FischerWarten auf die Barbaren.
Roman von J. M. Coetzee (2001, S. Fischer).
Besprechung von Katharina Rutschky aus der Frankfurter Rundschau, 3.5.2001:

Ein Beamter auf Abwegen
J. M. Coetzees wartet auf die Barbaren am Rande der Welt

Als Youngster und Neuentdeckung kann Coetzee, der Schriftsteller und Literaturprofessor, nun wirklich nicht mehr gefeiert werden. 1940 in Südafrika geboren, hat er dort 1974 sein erstes Buch mit Erzählungen veröffentlicht. Für sein viertes, Leben und Sterben des Michael K., bekam er 1983 den begehrten Booker-Preis zugesprochen. Coetzee ist bisher auch der Erste in der Geschichte dieses Preises, dem er zum zweiten Mal zuerkannt worden ist, und zwar 1999 für Schande, die Geschichte eines aus dem Geleise geratenden Professors, der nach dem Ende der Apartheid mit privat und öffentlich aufgehäufter Schuld leben lernen muss. Nicht, dass er etwas wirklich Böses verbrochen oder als Weißer am ganz gewöhnlichen Rassismus gehangen hätte. Teil hat er vielmehr an einem Schuldzusammenhang, dem er als endliche Einzelperson einen Sinn und eine Moral abgewinnen muss, ganz genauso, wie Michael K. es in dem älteren Buch musste, als ein schwarzer Hiob ohne prüfenden Gott.

Woran liegt es, dass Coetzees Status als Autor sich in den vergangenen vier, fünf Jahren so grundlegend verändert hat? Erst jetzt, nach einem langen Vorlauf, ist er beim Publikum und bei der internationalen Kritik so angekommen, wie man es vom Nobelpreisträger für Literatur 2010 (meine konservative Prognose) eigentlich schon länger hätte erwarten sollen. Im deutschsprachigen Raum betreut inzwischen der S. Fischer Verlag Coetzees Werk. In einer anderen, keineswegs schlechteren Übersetzung hat Warten auf die Barbaren das Licht der deutschen Öffentlichkeit bereits 1983 erblickt, im Berliner Karl Henssel Verlag. . . Literaturpolitisch könnte man sich daraus den Vers machen: Gut Ding will Weile haben, und Dank an die engagierten Kleinverleger.

Das ist alles richtig, vermag aber Coetzees Aufstieg zum Star nicht zu erklären. Coetzee gehört zum Typus des gelehrten, ja gewieften Schriftstellers, dessen intellektuelle und ästhetische Raffinesse in einem ganz eigentümlichen Konnex mit seinen moralischen und philosophischen Interessen steht. Das hat ihn schon zu Zeiten der Apartheid in Südafrika zu einem Außenseiter gemacht; das macht ihn heute aber auch zum literarischen Pionier in einer Welt, in der die Moral als preiswertes Konsumgut der Globalisierung unterliegt, die anderswo so beklagt wird. McDonald's nein, Menschenrechte ja, heißt es, obwohl der "Hamburger" weltweit ebenso favorisiert wird wie die Rechte des Kindes. (Nicht unbedingt von denselben Leuten.)

Coetzee gibt nie, auch nicht in diesem frühen Roman von 1980, klare Antworten auf eindeutige Fragen. Simpel geht es in der Welt nicht zu, auf die Coetzee hinschreibt. Nachdrücklich insistierte er zu Zeiten der Apartheid in Südafrika, wo die Fronten zwischen Gut und Böse doch nicht klarer hätten sein können, auf der Unabhängigkeit der Literatur von den Diktaten der Geschichte und der Politik. Ist er ein unpolitischer Autor, und verweigerte er die von anderen südafrikanischen Autoren wie André Brink oder Nadine Gordimer geforderte eindeutige Geste nur aus ästhetischer Weitsicht? Es geriet Coetzee früher zum Vorwurf, dass seine Bücher im Unterschied zu denen vieler anderer Autoren es immer schafften, die Zensur zu passieren. Spricht diese Tatsache gegen die politische Klarsicht von Coetzee, seine moralische Integrität oder sein allegorisch anmutendes, letztlich aber sehr konkretistisches ästhetisches Verfahren?

Wie in allen Büchern von Coetzee liest der Leser auch im vorliegenden die Welt durch eine Person. Hier hat sie nicht einmal einen Namen; diffus bleibt auch das Wissen über das Reich, an dessen Grenze der Magistratsbeamte seinen Dienst tut. Keine Personennamen - von zwei Oberbösen abgesehen -, kein Ort, keine Zeit, die sich eindeutig identifizieren ließen. Der Leser sucht sich zu orientieren, schafft es nicht wirklich, dem Konkretismus im Detail zum Trotz, und beginnt hilflos zu rudern und zu grübeln. Die Geschichte des Beamten, der am Rande des Reiches Dienst tut und zuerst Zeuge, dann auch Opfer einer Macht wird, die die Zivilisation ohne Zögern mit barbarischen Methoden verteidigt und ihr damit das Urteil spricht, erinnert an Kafkas Prozess. Der Jurist und Versicherungsfachmann Kafka wusste eine moderne Grundbefindlichkeit, das Schuldgefühl, in viele Szenarien zu übersetzen. Immer nach der Devise: Was man tut, macht man falsch. Coetzee nimmt den Faden auf. Bei ihm heißt es aber bieder bürgerlich: "Ich wollte nie mehr als ein ruhiges Leben in ruhigen Zeiten."

Was dann in sechs präzise konstruierten Kapiteln mit einer exakten Peripetie in der Mitte des Textes passiert, ist die Widerlegung dieses nur scheinbar bescheidenen Wunsches nach einem einfachen Leben. Der Beamte, aus dessen Sicht der Leser die Welt auf der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis erfährt - wer will, kann sich an Südafrika erinnern, aber diese Grenze gibt es auch in unserer multikulturellen Gesellschaft überall -, dieser Beamte jedenfalls geriert sich in der ersten Hälfte des Buchs als Liberaler, ein netter Schluri eher denn ein Überzeugungstäter. Der Nutzen einer rigorosen Politik gegen die Wilden jenseits der Grenze leuchtet ihm nicht ein - geschweige denn ihre Durchführung. Ist die Folter eine Methode der Wahrheitsfindung? Und: Ist das Reich respektive die Zivilisation wirklich von Barbaren bedroht, die aus dem Nichts heranstürmen? Der Beamte in der Grenzstation kennt die verbindende Kraft von Handel und Wandel auf den Märkten. Andererseits profitiert er ohne weiteres Nachdenken von seiner Überlegenheit als Chef, Geldgeber und Mann gegenüber seiner mitmenschlichen Umgebung. Schöne junge Frauen sind leicht für ihn zu haben und mildern lange die Probleme, welche der alternde Mann mit seiner Sexualität hat.

In einem willkürlichen Akt der Humanität rettet er schließlich eine schwer gefolterte, halbblinde Barbarenfrau, indem er sie bei sich aufnimmt und am Ende, wiederhergestellt, von neuem in der Wildnis aussetzt. Ihre Beziehung gipfelt in einem sonderbaren Ritual der Fuß- und Körperwaschung, das von Seiten des Mannes Elemente der Unterwerfung, der Bitte um Vergebung und der Werbung enthält. Es ist die Spezialität Coetzees, Metaphern und Allegorien zu erfinden, ohne die dingliche und psychologische Konkretion beim Erzählen aufzugeben.

Unter den Notstandsgesetzen wird die private, unpolitische Rettungstat als Hochverrat verdächtigt. Hat Coetzee in der ersten Hälfte das Potenzial des Liberalismus in einem Unrechtsstaat getestet, so dekonstruiert er in der zweiten den Gesinnungstäter, den Helden und Märtyrer, Rollen, die der Beamte nur in kurzen Momenten ausfüllen kann. Er schrumpft auf das Niveau, das ihm sein Körper und seine Seele unter den Bedingungen von Hunger, Durst, Dunkelheit und Einsamkeit, Schmutz und Folter übrig lassen. Nach einer Scheinhinrichtung lässt man ihn laufen.

Coetzee ist furchtbar sachkundig, vermeidet es aber peinlichst, den Leser mit moralisierten Affekten anzuschleimen. Auch darin hat er mich an Kafka erinnert. Das Schuldgefühl am Grunde unserer Existenz ist durch den Entschluss zum Positiven nicht zu beruhigen. Er kommt immer zu spät. Eigenartig, dass einen die Düsternis der Geschichten von Coetzee nicht nur in diesem Roman kein bisschen deprimieren. Vielleicht liegt es an der ganz besonderen Zusammensetzung dieses Schriftstellertemperaments, das zu je einem Viertel schlau, gelehrt, moralisch und imaginativ auf die Apartheid, die Zensurbehörde und die Dezentrierung der Postmoderne reagiert hat.

Abgesehen davon, dass Coetzee mein Favorit für den Nobelpreis wäre, wünsche ich mir, dass sein deutscher Verlag neben dem erzählerischen auch das essayistische Werk unter die Leute bringt.

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