War
meine Zeit meine Zeit.
Roman von Hugo Loetscher
(2009, Diogenes).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue
Zürcher Zeitung vom 29.8.2009:
In seinem grossen autobiografischen Roman «Der Immune» von 1975 hatte Hugo Loetscher ein grimmiges Porträt seines Vaters gezeichnet. Die literarische Stilisierung und die sarkastische Tonlage konnten damals gleichwohl nicht verbergen, dass Trauer und Schmerz stärker waren als der Zorn auf den Choleriker und die Abscheu vor dem Trinker. Nun tritt der Vater in Hugo Loetschers letztem, nur wenige Tage nach seinem Tod erschienenem Buch «War meine Zeit meine Zeit» noch einmal, ein letztes Mal auf. Die Wut ist seither nicht vollends verflogen, aber das Bild des Vaters ist sanfter geworden.
Es gibt in dem Buch eine Schlüsselstelle, die vieles zu deuten vermag, nicht nur das Verhältnis zum Vater. Hugo Loetscher erzählt darin, wie er einmal aus Brettern ein Bücherregal zu zimmern versucht habe. Das mochte in einem Haushalt, wo man lediglich drei Bücher kannte, ohnehin ein seltsamer Anblick und Grund für einen Aufruhr gewesen sein. Zudem weidete sich der Vater ganz offenkundig an der Ungeschicklichkeit des Sohnes, ehe er dem verbissen Arbeitenden Säge und Hammer aus der Hand nahm und das Werk vollendete. Als der Sohn seine Bücher ins Regal stellte, kommentierte der Vater trocken, da könnte er seine Werkzeuge unterbringen. «Wir spürten, wie fremd wir einander waren, und waren uns nie so nah gewesen.»
Erst der Augenblick unvermittelter Nähe lässt Vater und Sohn bestürzt das Mass ihrer Fremdheit spüren. In solchen Denkfiguren verbindet Hugo Loetscher unverkrampftes Pathos mit nüchterner Analyse. Die seltsame Legierung aus Sentiment und Reflexion macht aus dieser Lebensbilanz das Zeugnis einer rückhaltlosen und dennoch nie indiskreten Konfession im augustinischen Sinne. Und hat man auch die gallig-giftigen Sätze über den Vater aus dem «Immunen» noch in Erinnerung, so verwundert die nun deutlich wärmere Tonlage keineswegs, werden doch die Abgründe darin gleichwohl und erschreckend deutlich offenbar: «Er war ein Mann, den ich gerne gern gehabt hätte.»
Gäbe es für dieses Leben eine übergreifende Signatur, man fände sie in diesem Satz. Hugo Loetschers literarisches Vermächtnis ist mehr als nur Rückblick und Bilanz; es versammelt zwar auch in grosser Fülle Anekdoten und Erinnerungen; es gibt sowohl Intimes preis, wie es noch einmal das sprunghafte Temperament des Causeurs vor unseren Augen in Erscheinung treten lässt. Vor allem aber ist dieses Buch eine grosse und letzte Liebeserklärung: an den Fluss des proletarischen Viertels seiner Vaterstadt, an die Mutter und die Grossmutter, an die früh verstorbene Schwester, an die Bücher, die in dem Arbeitersohn die Sehnsucht nach Welt geweckt hatten, und an die Menschen, denen er später auf seinen Reisen begegnet ist. Es sind Liebeserklärungen aus Leidenschaft und solche wider besseres Wissen; manchem erklärt Loetscher die Liebe, wie er sie seinem Vater nachgetragen hat, ahnend, dass alles Werben und alle Hoffnung vergeblich ist.
Die Schlusssätze dieser ergreifenden Hommage an eine Welt voller Widersprüche, die gerade darum der Zuneigung und der tätigen Sorge ihrer Bewohner bedarf, formulieren ein Bekenntnis, das in der Lebenspraxis, auch davon erzählt Hugo Loetscher ohne Furcht, immer wieder auf die Probe gestellt wurde. Er wolle, so schreibt er, dass es die Welt gibt, allein schon darum, «dass es die gibt, die ich liebe. Auch wenn mir die Argumente zugunsten dieser Welt schwer fallen. Eines bleibt, sie zu lieben, da ich für die Liebe keiner Begründung bedarf [. . .].»
Dieser gleichsam die Welt umarmenden Geste eines intellektuellen Ethos steht der Eros gegenüber, die Liebe zwischen denen, die das Schicksal zusammenführt. Hugo Loetscher bleibt auch hier diskret und offen in einem Mass, wie wir es zuvor nicht gekannt haben. Er nennt nicht, wen er geliebt hatte, aber wie er geliebt und was die Liebe mit ihm gemacht hatte. Mit seiner Homosexualität geht er ebenso salopp wie anrührend um. Bald streicht er sie fast ein wenig kokett hervor, bald gelingen ihm in stillen Momenten der Einkehr wunderbare Miniaturen. Ein Requiem widmet er dem unbekannten Schwulen im Konzentrationslager, und vor den bis zum Wahnsinn oder den vergeblich Liebenden der Weltgeschichte verneigt er sich in Ehrfurcht. Im portugiesischen Hinterland, hinter Pinien zwischen einem Hühnerstall und einem Geräteschuppen, aber hat er einen Sarkophag entdeckt, den er sich in Gedanken zu einem Mahnmal gestaltet. «Dem unbekannten Freundespaar» würde er in die Stirnseite meisseln lassen. «Auf der Rückseite oben zwei Männer, die sich umarmen, darunter zwei Skelette, ohne das Fleisch, das sie liebkosten.»
«Ich will, dass es dich gibt», dies heisse für ihn Liebe, schreibt Loetscher. «Du machst aus mir und ich mache aus dir eine unerlässliche Existenz.» Die innigste Forderung verknüpft sich hier mit der äussersten Hingabe. Doch die kategorisch formulierte Bedingungslosigkeit, die vielleicht mehr Sehnsucht als gelebte Realität war, muss auch vor dem Hintergrund der Beziehung zum Vater gesehen werden. Ein Satz wie «Ich will, dass es dich gibt» wäre vielleicht nie möglich gewesen. Sowohl im Wunsch nach solcher Zweisamkeit wie in der Erinnerung an die väterliche Zurückweisung spiegelt sich darum die Existenz des Aussenseiters, der Hugo Loetscher ungeachtet der Anerkennung, die ihm zuteil wurde, war.
Es mochte eine bewusste Entscheidung gewesen sein, dass er immer wieder aufbrach und aus Bindungen ausbrach. Aber nicht umsonst spricht Loetscher in dieser Lebensbilanz – wie er es zuvor bei vielen Gelegenheiten gemacht hat – von seiner proletarischen Herkunft, von seinen Vorfahren im katholischen Entlebuch, von seiner Homosexualität, die ihn an den Rand drängte, oder von seiner metaphysischen Obdachlosigkeit, die verhinderte, dass er Zuflucht suchte bei einfachen Antworten auf die Fragen der Existenz.
Zwei Leitmotive halten dieses in vielen Feuern lodernde Buch freilich nur notdürftig zusammen: Als Kind habe er einmal ein Holzstück aus der Sihl gefischt; er habe daraus ein Schiffchen geschnitzt und es ins Wasser gegeben: «Ein Bote, der annoncierte: Einer kommt nach.» Regelmässig begegnet der Leser auf seinen Reisen durch die Lebenswelten Hugo Loetschers diesem Schiffchen. Und wie ein Wiedergänger geistert auch jener Kontrolleur durch das Buch, der den jungen Loetscher einmal in der Strassenbahn ohne Fahrschein erwischt hatte. Anstelle einer Bestrafung erzählte er dem Schwarzfahrer aus seinem Leben. Er komme aus armen Verhältnissen und finanziere sich mit dieser Arbeit seine Ausbildung. Um von den Mitschülern akzeptiert zu werden, müsse er immer ein Buch mehr gelesen haben. Leicht erkennen wir in ihm eine Alter-Ego-Figur von Hugo Loetscher. Auch ihn zwangen die Umstände dazu, den anderen immer ein Buch, eine Reise oder einen Gedanken voraus zu sein. Doch dies hebt ironischerweise das Aussenseitertum nicht auf, sondern zementiert es.
Aber auch ein solcher Basso continuo kann nicht darüber hinwegsehen lassen, dass dieses Buch brüchiger ist als alle früheren Bücher von Hugo Loetscher. Er wolle, so hatte der Schriftsteller schon vor ein paar Jahren angekündigt, in diesem Lebensrückblick zeigen, wie ein globales Bewusstsein entstehe. Es wäre dies ein Bewusstsein, bei dem «alles mit allem zusammenhängt». Das Nebeneinander des Ungleichzeitigen und weit Entfernten jedoch entzieht sich einer geschlossenen Erzählung. Nur ein disparater Pointillismus vermag diese Simultaneität anschaulich zu machen. Das erfordert indes einen ästhetischen wie gedanklichen Hochseilakt, der hier nicht immer glückt, so dass dann manches unverbindlich und beliebig beieinander steht. Freilich wo die Magie der willkürlichen Zusammenhänge die Sihl in den Amazonas fliessen lässt oder Shakespeare mit der Bibel kurzschliesst, da schärft die Poesie dieser tänzerischen Biografie den Blick für das filigrane Netz des durch Welten und Zeiten Reisenden.
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