Wanderjahre von Jürgen von der Wense, 2006, Matthes&SeitzWanderjahre.
Roman von Jürgen von der Wense (2006, Matthes&Seitz, Hrsg. von Dieter Heim).
Besprechung von Tina Manske aus dem titel-magazin:

Ekstatische Seele
Oder: Die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen der Triangulation einer Kathedrale und altgriechischen Matratzen: „Es scheint barock, aber es ist im Grunde alles Eine Idee und zurückfallend ins unendliche Über-Eine, ins Feuer, aus dem wir stammen.“

Er war einer der Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts, Komponist, Schriftsteller, Musiker, Enthusiast; einer, dessen Sturm-und-Drang-Stil sich leicht mit dem Genie eines Jakob Michael Reinhold Lenz messen lässt. „Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg“, schreibt Georg Büchner in seiner Lenz-Novelle, und so tat es Jürgen von der Wense auch: zeit seines Lebens wanderte er, der in atonaler Musik experimentierte und Teil verschiedener Künstlerkollektive war, durch die deutschen Mittelgebirge, in Hessen und Ostfalen, durch Harz, Odenwald, Knüll und Hunsrück, und immer als äußerst genauer, in großen Bildern denkender Beobachter. Anders als Lenz allerdings verliert Wense nie den Verstand, sondern versichert sich ihm in der Anschauung der Schöpfung Gottes, an dem er bis zuletzt festhält. Davon erzählt er in Aufsätzen, in Tagebucheintragungen, in Tausenden von Briefen an wenige Freunde, in ekstatischen Ausbrüchen seiner empathischen Seele: „O könnte dies mein Stil sein: jeden Monat in einer anderen Stadt in dem unbekanntesten Deutschland und von da aus schwärmen und forschen.“ Wenses Hang zum schwärmerischen Hymnenton wird bereits in den frühen Tagebucheintragungen deutlich: „Opfer – das Wort, das alles in sich faßt, was uns von dem Bürger, dem Deutschen trennt: sie wollen haben. Wir aber wollen Sein. Nichts besitzen. Nur dies Leben, an dem wir zerschellen“, heißt es 1932. (Ebenso viel Pathos widmet er übrigens den Männern, an die und über die er schreibt. Denn von der Wense kann so hochgradig affektiert schwul sein, dass es eine rechte Art hat.)

Mehr als sein Leben besaß von der Wense tatsächlich nicht: bis zu seinem Lebensende hat er kein eigenes Einkommen, bis 1945 ist er von den Zuwendungen seiner Freundin Hedwig Jänichen-Woermann abhängig, in einer Zeit, die schon von Haus aus die Stimmung trübt: „Mein Glaube an Deutschlands Sendung ist so groß wie mein Glaube an Gott. Aber nur durch Geist werden wir die Erde verwandeln, nicht durch Blut und Tränen“, schreibt er 1938. Das klingt in unseren heutigen Ohren verdächtig, aber tatsächlich hat von der Wense niemals mit dem NS-Regime paktiert. Man muss annehmen, dass sie ihm einfach zu dumm waren, diese Nazis. 1945 ist er „stolz auf seine in 12 Jahren undurchbrochene grade Haltung“.

Von der Wense war ein unermüdlich Schaffender. Noch 1965, ein Jahr vor seinem Tod, steht auf seinem Arbeitsplan – zu erledigen innerhalb einer Woche – die mathematische Triangulation der Kathedrale von Mecheln, die Analyse der fünften Symphonie von Sibelius, eine Charakterstudie von Kaiser Joseph dem Zweiten, eine Darstellung des untergegangenen Berufs der Mollenhauer, eine Abhandlung über das Papierformat der Formel auf V2 sowie eine Erörterung über altgriechische Matratzen und Sofakissen. Und wer da den Kopf schüttelt, dem entgegnet er: „Es scheint barock, aber es ist im Grunde alles Eine Idee und zurückfallend ins unendliche Über-Eine, ins Feuer, aus dem wir stammen.“

Wochenlang Kanarienvogelfutter genommen

Es entsteht eine nicht unbeträchtliche Fallhöhe in diesen Aufzeichnungen, die hin und wieder tatsächlich unfreiwillig in Richtung Boden durchquert wird: „Dies alles begriff ich in einem elektrischen Schlag, einem Blitz, der meine Herz zerschnitt, in Westfalen.“ Wer die Komik dieses nachgeschobenen „in Westfalen“ nicht spürt, diesen unüberbrückbaren Spalt zwischen Wollen und Sein, ist wohl für den Humor verloren. Und dabei handelte von der Wense da gerade ganz unironisch von den romanischen Domen! Ähnliches geschieht ein paar Seiten später bei der Beschreibung seiner Entdeckung eines Blumenbilds von van Huysum. Aber er kann auch ganz von selbst komisch sein: „Anekdote: ich nehme Leinsamen, einen Thee gegen meine Blase. Wie ich neulich ihn erneuere, kommt an den Tag, daß ich wochenlang Kanarienvogelfutter genommen habe. Trotzdem: es half bestens.“ Oder: „Am Harz ist das einzig Merkwürdige, daß es ihn gibt.“
Wanderjahre ist nach Geschichte einer Jugend zugleich der zweite Band einer Biografie von Jürgen von der Wense und umfasst den Zeitraum von 1932 bis zu seinem Tod 1966. Herausgegeben wurden die Bücher von Dieter Heim, der schon eine Menge Geduld gehabt haben muss mit dieser Edition: die Handschrift von der Wenses ist tatsächlich – dies wird bildlich belegt – kaum leserlich. Man wird Wanderjahre sicher nicht in einem Zug lesen, dafür ist von der Wenses Stil auf Dauer zu enervierend; aber man nimmt den Band gern hin und wieder heraus, um über einen großen Dichter bewundernd und verwundert den Kopf zu schütteln.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung 0207 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin