Martin Walser.
Eine Biographie über Martin Walser (2005, Rowohlt, hrsg. von Jörg Magenau).
Besprechung von Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau, 23.3.2005:

So zart, so keusch
Der sympathetische Blick: Jörg Magenau porträtiert Martin Walser aus der Nahperspektive

Wer sich einen streitbaren Intellektuellen als Forschungsgegenstand wählt, der gerät schnell in die lästige Verlegenheit, sich für seine Wahl rechtfertigen zu müssen. Seit seinen Bekenntnissen zur deutschen Einheit in den achtziger Jahren, seinen Bedenken im nationalen Erinnerungsdiskurs der neunziger Jahre und seiner Medienkritik im Schlüsselroman über Marcel Reich-Ranicki wird Martin Walser geradezu reflexhaft mit den kräftigsten Kampfbegriffen belegt, die das deutsche Debattenvokabular zur Verfügung hat. Jörg Magenau, der sich dazu bekennt, seit seiner Schulzeit ein passionierter Leser und Sympathisant Walsers zu sein, hat sich davon nicht abschrecken, sondern eher herausfordern lassen.

Zunächst einmal muss man dem Biographen dankbar sein für eine Vielzahl einleuchtender Charakterisierungen, die das Profil Walsers als Dichter wie als Intellektueller schärfen. So ist es aufschlussreich, wenn Walsers Reden mit dem Gestus des Beichtens in Verbindung gebracht werden: Er schreibe ja nichts vor, sondern ergründe öffentlich das eigene Empfinden. Wunderbar auch der Hinweis, Walsers Geschichtsauffassung gerate dort an ihre Grenzen, wo sie "aufgeklärtes Wissen als Rahmen des Verstehens" voraussetze. Als weitere Grundkonstante in Walsers Vita wird die enorme Leistung sichtbar, "in jeder Phase der Bundesrepublik das jeweils schädlichste Etikett" angeheftet bekommen zu haben, vom Kommunisten bis zum Nationalisten und Antisemiten. Seine Gabe des unabhängigen, moderesistenten Handelns wird in der schönen Anekdote illustriert, wie Walser ausgerechnet im Jahr 1968 den biederen Kauf eines Eigenheims am Bodensee tätigte - und damit auch nicht dem Trend seiner Kollegen nach Berlin folgte.

Magenau nennt Walser einen "Stimmungs-Avantgardisten" und dürfte damit den Kern seiner jugendlichen Ausstrahlung gut getroffen haben. In den fünfziger Jahren hat der bekennende Kleinbürger den Ehrgeiz entwickelt, den kulturellen Alleinvertretungsanspruch des von Thomas Mann personifizierten Typus des Großbürgers zu brechen, ja abzulösen. Die Tätigkeit als Rundfunkredakteur und das Forum der (in jeder Literaturgeschichte und nun auch bei Magenau wieder grauenhaft hölzern wirkenden) Gruppe 47 boten sich dazu an. Gerne hätte man über die "intensive Autorenfreundschaft" zu Hans Magnus Enzensberger mehr erfahren, wo doch Walser selbst einmal im Zusammenhang mit seinem Kursbuch-Essay zur "neuesten Stimmung im Westen" von 1970 seinem Kollegen für ideologische Hilfestellungen im Kampf gegen die aufbrechende Postmoderne gedankt hat.

Minutiös wird dagegen von der Beziehung zu Uwe Johnson berichtet. Zwei "Rechthaber" seien sich da begegnet, meint Magenau, der die gegenseitigen, häufig ins Groteske driftenden Verdächtigungen, Verletzungen (besonders von Eitelkeiten) und Wiederversöhnungen rekonstruiert hat - nicht ohne Interesse für deren Auswirkungen auf die schriftstellerische Produktion. Magenau mutmaßt, dass Walsers Neupositionierung in der Deutschlandfrage 1978 auch aus einem schlechten Gewissen Johnson gegenüber geschehen sein könnte, der immer wieder eine andere Wahrnehmung der Teilung eingeklagt hatte.

Enzensberger und Johnson verkörperten zusammen mit Walser die Schriftsteller-Troika der bald schon sprichwörtlich gewordenen Suhrkamp-Kultur. Die wäre freilich nicht zu denken ohne Siegfried Unseld als "Übervater", mit dem Walser seit gemeinsamen Tübinger Studienzeiten eine enge Freundschaft verband und vor dem sich mancher Streit zwischen Johnson und Walser auch als Streit um den Platz als Lieblingszögling erkennen lässt. Dass Walser nach Unselds Tod zum Rowohlt-Verlag gewechselt ist, ist bekannt. Dass sich dieser aufsehenerregende Wechsel aber bereits in jahrelangen Verschleißerscheinungen im beiderseitigen Verhältnis abgezeichnet habe, legt erst Magenaus Biographie nahe.

Von nachlassender Zuwendung seitens Unselds ist die Rede, von Hinhaltetaktiken und Indiskretionen, die dann insbesondere eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Unselds zweiter Frau und Nachfolgerin Ulla Berkéwicz unmöglich gemacht habe. Allein, Magenau befindet sich in der ungeschickten Lage, dass seine Biographie in Walsers neuem Zuhause, bei Rowohlt eben, erscheint und damit jede diesbezügliche Auskunft als "pro domo"-Sicht ausgelegt werden kann.

Wichtig werden wollen

Die durchaus spannenden und verbürgten Sachverhalte der Trennung verlieren durch die unvermeidliche Parteilichkeit ihren Reiz. Zumal nicht ohne Pathos gearbeitet wird. So berichtet Magenau, wie der junge Walser, als Peter Suhrkamp noch Chef des Hauses war, sich für die vorzügliche Betreuung in hingebungsvollen, durchaus selbstbewussten und visionären Tönen bedankte: "Es gehört nicht zu meinen geringsten Zielen, dem Suhrkamp Verlag einmal fast so wichtig zu sein, wie es Ihr Haus seit zwei Jahren für mich ist."

Mit dieser Vorlage muss nun jede künftige Irritation als Zeichen vom Untergang einer Verlagskultur gelesen werden. Als Walser beispielsweise, Jahrzehnte später, darum gebeten habe, seinen Roman Jenseits der Liebe doch bei Rowohlt als Taschenbuch herausbringen zu dürfen, um schneller auf eine gewinnbringende Auflage zu kommen, sei diese Bitte abgelehnt worden und der Roman habe noch eine "lange Zeit" bis zur 100 000er-Schwelle gebraucht. "Hätte Walser den Verlag schon 1974 verlassen sollen? Merkt man nicht rechtzeitig, wann etwas zu Ende geht?" Magenaus bizarre Frage, die in erlebter Rede Walsers Überlegungen aus den letzten Krisenjahren kolportiert, belästigt den Leser, der mit offenen Rechnungen aus der Betriebskantine doch gar nichts zu tun haben will.

Der insinuante Stil des Buchs berührt immer wieder unangenehm. Oft weiß man nicht, ob der Autor die innere Stimme Walsers nachahmen oder einfach nur etwas Stimmung machen will. Manch eine erhellende Beobachtung wird dadurch korrumpiert, dass sie pamphletartig formuliert und direkt an potentielle Walser-Kritiker gerichtet ist. Vor lauter Engagement erweist der Biograph seinem Helden einen Bärendienst, insbesondere bei der Aufarbeitung der Debatte um Walsers Verhältnis zur deutschen Vergangenheit. Wie richtig und wichtig ist der Hinweis, dass sich Elemente der Friedenspreisrede zurückführen lassen auf frühe Texte, die nie in den Verdacht rechter Randständigkeit gekommen waren - und wie wird diese philologische Sensibilisierungsarbeit vermasselt, wenn es sogleich ex cathedra dröhnt: "Wer gar nichts begreifen will, kann Walser hier schon eine Tendenz zum ‚Wegschauen' unterstellen." Statt aus der Fülle des gesichteten Materials gelassen argumentatives Kapital zu schlagen und damit eine eigene diskursive Macht aufzubauen, führt Magenau nur fort, was er als (reizvolles) Walser'sches Markenzeichen benannt hat: eine auf Emotionalität basierende Rechthaber-Rhetorik. Das wirkt dann nicht kongenial, allenfalls konfessionell.

Walsers Biographie als Beitrag zur Geschichte der Bundesrepublik gerät dabei zu monologisch. Symptomatisch ist Magenaus Vermutung, Walser könnte, indem er mit seiner Friedenspreisrede eine so vehemente Gedenk-Debatte ausgelöst habe, den Bau des von ihm scharf kritisierten Holocaust-Mahnmals in Berlin vorangetrieben haben. In einer Phase der Unentschiedenheit habe plötzlich ein "Zwang zur politischen Klärung" geherrscht. So wie manches, was Magenau entfaltet, ebenfalls nur so gewesen sein könnte, weil es an klärenden Stimmen von außerhalb fehlt, bleibt diese Überlegung im leeren Raum zurück. Letzte Bestimmtheit holt sich Magenau allzu oft nur aus der Erfahrung von Walser selbst.

Am kuriosesten schlägt sich das in der völlig ohne Zusammenhang einmontierten Nachricht nieder, Walser habe gegen die Novellierung des baden-württembergischen Schulgesetzes protestiert aus Sorge, sie könnte den Waldorfschulen schaden: "Eine seiner Töchter hatte die Waldorfschule besucht. Er kannte also den Unterschied und wusste, dass es sich lohnt, dieses Schulsystem zu verteidigen." - Als der junge Martin Walser aufgrund seiner Reportertätigkeit beim Süddeutschen Rundfunk einmal mit dem Intendanten Fritz Eberhard auf Reisen war, soll er unterwegs vor Müdigkeit seinen Kopf in den Schoß der Intendantengattin gelegt haben. Einfühlsam kommentiert der Biograph: "So zart, so keusch war dieses Verhältnis". Die Emphase verrät eine sinnbildliche, programmatische Dimension der Anekdote.

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