Wakefield -
Ethan Brand.
Erzählungen und Notizen von Nathaniel
Hawthorne (2003, Friedenauer Presse - Übertragung
Joachim Kalka).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 5.8.2003:
Wenn die Vernunft nicht mehr ein noch aus weiß,
schlägt die Stunde von Nathaniel Hawthorne. Wenn das Unwägbare das Leben von
Menschen aus dem Tritt bringt, ist er zur Stelle, er horcht auf, wenn sich das Rätselhafte,
Unerklärbare seinen Weg in die nach klaren Prinzipien wohlgeordnete
Gesellschaft schlägt. Dann formt er eine Geschichte daraus, die - ganz in der
Tradition der Romantik - ihren unordentlichen Gang geht.
Der 1804 geborene und 1864 gestorbene Amerikaner Hawthorne arbeitet dabei mit
Effekten. Er braucht markige Bilder und starke Szenen, er schreibt plakativ, um
aufzufallen. In der amerikanischen Literatur hat er deutliche Spuren
hinterlassen. Sein bekanntester Roman Der scharlachrote Buchstabe ist ein
Werk, das auch heute noch ein dankbares Publikum findet. Autoren wie Herman
Melville und Henry James haben sich auf ihn berufen, Hawthorne ist ein
Gigant der amerikanischen Literatur.
Jetzt sind zwei entlegene Texte aus seinem reichen Werk auf Deutsch erschienen,
eine Erzählung und ein Kapitel aus einem aufgegebenen Roman. Alles, was an
Hawthorne gepriesen wird, ist hier zu finden, der wunderbare Stilist (Joachim Kalka ist zu danken, dass die Übersetzung geschmeidig zu lesen ist), der
raffinierte Psychologe, der durchtriebene Erzähler, der uns bei unserer
Fassungslosigkeit packt und uns unter der Hand subtile Botschaften wie Kassiber
zukommen lässt.
Und doch, bei Lichte besehen, liegt hier der Fall eines Trivialautors mit dem
Hang zum Höheren vor. Er weiß, womit er die Leser locken kann, und er liefert
ihnen, was sie haben wollen. Er schreibt Lesefutter für jedermann, zum Ergötzen
und Erstaunen ausgebreitet vor einem Publikum, das niveauvoll unterhalten werden
will. Die Romantik neigte gelegentlich dazu, sich billig zu verkaufen. Sie
liebte das Blendwerk.
Aber diesem Autor sitzt das puritanische Erbe tief in den Knochen, deshalb
braucht er eine Legitimation seines Schreibens, und die findet er in der Moral
der Geschichte oder in ihrem Verweisungscharakter auf etwas Höheres, Allgemeingültiges
gar. Liest man die beiden Geschichten Wakefield und Ethan Brand,
bekommt man den Eindruck eines Mannes, der nichts so sehr wollte, wie die
unheimlichen Seiten menschlicher Existenz sorgsam auszumalen, aber dabei stets
vom schlechten Gewissen heimgesucht wurde, seine Zeit mit Unnützem zu vertändeln.
So legt er seiner Prosa Momente der Belehrung unter, und er gibt sich bedächtig
und überlegt, so dass immer spürbar bleibt, dass todernste Angelegenheiten
verhandelt werden. Das wird noch unterstrichen dadurch, dass die Erzählung
allein nicht genügt, sondern dass der Erzähler die Handlung räsonierend
begleitet: "Stellen wir uns vor, wie Wakefield sich von seiner Frau
verabschiedet." Oder: "Er wird die Angelegenheit als bloßes
Intermezzo im Hauptgeschäftsgang seines Lebens betrachtet haben." Ein
Firnis der Ernsthaftigkeit überzieht das Geschehen.
Es macht keinen Unterschied, ob sich seine Gestalten durch die Großstadt
bewegen oder fern von Menschen am Hang eines Berges aufhalten, es tut nichts zur
Sache, ob sie ihren Bewegungsradius über die ganze Welt ausdehnen oder nie
richtig vom Fleck kommen - Hawthorne geht es um die Wildnis in uns. Zivilisation
ist ihm eine äußere Erscheinung, Etikette zur Übertünchung der Laster und
Leidenschaften, die eigentlichen Dramen spielen sich dort ab, wo sie keinen
Zugang bekommt. Das Seelenleben, die Biographien der Heimlichkeit lassen ihn
nicht los. Was geht vor in Menschen, dass sie der Bequemlichkeit entsagen und
sich auf das Experiment eines ungeschützten Lebens einlassen?
Nein, erklären kann das dieser Autor auch nicht, aber er kommt diesen Figuren
nahe, so nahe, dass er mit ihren Augen sieht, mit ihrem Kopf denkt, mit ihrem
Herzen fühlt. Wer sagt, dass die Zivilisation die Rettung der Menschen aus der
Hölle des Trieblebens ist? Vielleicht ist gerade sie der Nährboden für jenes
Gegenreich, in dem die Dämonen der Finsternis und des Schreckens über die
Menschen kommen.
Hawthorne ist suchend bemüht, dem Lauf der Dinge einen Sinn abzugewinnen, dem
Geschehen Symbolwert abzuringen, ganz so, wie es ein kleiner, seltsamer Einfall
aus seinen Notizbüchern verrät: "Wenn jemand Glühwürmchen finge und
versuchte, sein Herdfeuer damit anzuzünden. Es wäre symbolisch für
etwas."
Der gute, alte Hawthorne, er schreibt spannende, haarsträubende Geschichten,
aber das genügt ihm nicht, er schiebt ihnen einen Nutzwert unter. Die
Geschichte muss für etwas anderes stehen, für etwas, was den Leser unmittelbar
betrifft, erst dann schafft es das Glühwürmchen tatsächlich, ein großes
Feuer zu entzünden, an dem sich die Menschheit wärmen könnte. Das ist die
Crux des Nathaniel Hawthorne: er gestattet sich die Literatur, um im Schatten
einer höheren moralischen Instanz seinen Dienst zu versehen. Und gleichzeitig
zweifelt er, der große Entertainer, an der Wirkkraft seiner Erzählungen. So
ist seine Literatur immer beides, Weckruf an die Leser, ein integeres Leben zu führen
und tollkühner Phantasiezirkus, in dem sich die Ereignisse überschlagen und
das Überraschungsmoment die ganze Aufmerksamkeit fordert.
Müssen wir Nathaniel Hawthorne in dieser Ausgabe unbedingt kennen lernen? Sie hat etwas vom Charme einer Kunst- und Wunderkammer, etwas altmodisch, behutsam belehrend, eigensinnig die Wahrheit suchend. Nicht der große Nathaniel Hawthorne ist zu entdecken, dennoch hat man seine Lektürezeit gut verwendet.
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