Wäldernacht von Ralf Rothmann, 2007, Mediathek1.) - 2.)

Wäldernacht.
Roman von Ralf Rothmann (2007, Mediathek).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 7.07.2007:

Und am Ende reicht es wieder nur für Margarine
Ralf Rothmanns Ruhrgebiets-Roman "Wäldernacht" - ein Blick zurück auf den Zorn.

Ein Tag im Leben des Jan Marrée, ein Tag im Leben eines Malers, der nicht malt. Marrée kehrt zurück in seine Heimatstadt Irrlich, die all jenen bekannt vorkommen könnte, die Oberhausen ein bisschen besser kennen. Jenes Oberhausen, in dem der 1953 in Schleswig geborene Ralf Rothmann aufgewachsen ist und aus dem er sich hinauskämpfte, auch in seiner Wahlheimat Berlin noch, in der schreibenden Erinnerung: Gedichten, Erzählungen, Romane, für die es 1996 den Literaturpreis Ruhrgebiet gab, dem eine stattliche Reihe weiterer Ehrungen folgte.

In Jan Marrées Irrlich aber hat sich so gut wie nichts verändert. Und plötzlich ist alles wieder da: das Elternhaus, die Kirche, die Schule, eben alles, was ihm einst die Luft abschnürte. Marrée, der weggeht, um Künstler werden zu können, ist ein verlorener Sohn. Ein stiller Nachdenker, der sich damals in Irrlich zu den Vorlauten geflüchtet hat, als die anderen um ihn herum nach all den jugendlichen Kurven einbogen auf die Gerade des Erwachsenwerdens, des Durchschnittsverdieners mit Küche, Kind und Katze, so wie "Tiger Lilly", die dann doch wieder Sarah Hiller hieß. 

Jan dagegen zieht es zu der Gang um Racko, den Antibürger, der dem Kleinbürgermief mit nackter Egozentrik, mit Gewalt und Drogen und Musik von den "Stones" was hustet. Es wird eine Weile dauern, bis Marrée aufgeht, dass auch dies nur ein seitenverkehrtes Spiegelbild der väterlichen, der staatlichen, der schulischen Gewalt ist. 

"Wäldernacht", ein Wort aus Hölderlins "Hyperion", steht für das Schwarz um die Bäume, die im Moor versanken, bevor sie als Kohle wieder ans Tageslicht geholt wurden. Wäldernacht, das bedeutet aber auch zu wissen: "Du steigst im Schacht durch Jahrmillionen, legst dich krumm und rackerst dich ab, und am Ende reicht es wieder nur für Margarine".

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Wäldernacht von Ralf Rothmann, 2007, Mediathek2.)

Wäldernacht.
Roman von Ralf Rothmann (2007, Mediathek).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 7.07.2007:

Wie sich alles verändert hat, oder nicht

Die Bücher von Ralf Rothmann gehören für mich zu den schönsten der Gegenwartsliteratur. Nicht aus Lokalpatriotismus; den finde ich weder bei ihm noch bei mir, obwohl Rothmann sehr schön und, ja, lebendig vom Ruhrgebiet erzählt. Aber eben nicht nur davon, und auch, wenn er über Berlin spricht (und das tut er genauso oft, oder öfter, denn da lebt er seit langem) - dann findet sich darin immer viel Allgemeingültiges über Menschen und Menschenleben.

"Wäldernacht" fängt dreifach schön an. Erstens mit dem Motto, das von Van Morrison stammt: "You're the keeper of the flame, and you burn so bright." Zweitens mit dem ersten Satz: "Es ist niemals die Zeit, die vergeht." Und drittens mit dem Titel, den Ralf Rothmann bei "Hyperion" geborgt hat: "Lieber! es war eine Zeit, da auch meine Brust an großen Hoffnungen sich sonnte, da auch mir die Freude der Unsterblichkeit in allen Pulsen schlug, da ich wandelt unter herrlichen Entwürfen, wie in weiter Wäldernacht . . ."

Was hat das mit Jan Marreé zu tun, dem Mann, der vierzigjährig ins Ruhrgebiet, nach Oberhausen zurückkehrt; ein halbseidener Maler mit zweifelhaftem Erfolg, desillusioniert, todtraurig in gelassener Resignation?

Marreé ist kein Hyperion, Oberhausen nicht Griechenland, aber große Hoffnungen hat auch Marreé einmal gehabt. Und jetzt erinnert er sich, notgedrungen, trifft seine Eltern wieder, die Clique von damals, und sieht, wie sich alles verändert hat; oder nicht.

"Wäldernacht" erzählt von Träumen von einem anderen Leben, von Angst, Liebe, Alkohol, Glück und Unglück. Beruhigend ist es wirklich nicht.

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