Vorstellung meiner Hände von Rolf Dieter Brinkmann, 2010, RowohltVorstellung meiner Hände.
Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann (2010, Rowohlt, hrsg. von Maleen Brinkmann)
Besprechung von Crauss aus dem titel-magazin, 26.09.2011:

das sperma der frühen jahre
neue alte Brinkmann-gedichte auf dachboden entdeckt.

ich habe einen freund gefragt, dem der name Rolf Dieter Brinkmann nichts sagte und der jetzt in jenem alter ist, in dem Brinkmann die hier vorliegenden gedichte schrieb. nach intensivem blick in die sammlung hieß sein verdikt: »bisschen unausgegoren.«

fest steht, die frühe, teils noch in essen während einer buchhändlerlehre entstandene lyrik Brinkmanns trägt bereits vieles von dem in sich, was man aus späteren texten kennt: das schlichte, aber auch die kraft, etwa in repetitiven oder auf einen refrain angelegten gedichten, die sich hernach als wut und unzufriedenheit über die darstellung von erlebtem legt, hier aber mindestens zum teil noch aus jugendlicher potenz und der frage nach dem wohin-mit-ihr resultiert. das macht den band vorstellung meiner hände ein bisschen schwierig: einerseits gute gedichte, die man gleich jemandem vorlesen möchte, andererseits immer wieder nachpubertäre welthaltigkeit.

mädchen, märchen und vögel ziehen als motive durch den ersten teil des bands: Don Quichotte auf dem lande sieht eingedenk der märchenzeit die »leichte[n], schnelle[n] flügel der luft« »aufsteigen aus meinen schläfen«: »traumtopographie im wald der augen«. das klingt - besonders auch bei kalauern wie »die fische in den partituren/ Johann Sebastian Bachs« - bemüht und schwülstig und war eventuell 1960 schon nicht mehr geeignet, einer angeschwärmten Roxane das herz zu erwärmen, geschweige denn einen redakteur zu begeistern, obgleich etwa das genannte gedicht sehr wohl im neuen rheinland gedruckt wurde. »fast kindlich tastende beschreibungspassagen wechseln mit stücken, in denen die ganze radikalität seiner […] poetischen möglichkeiten« aufleuchtet, merkte Georg Klein an.

wie unterschiedlich die einer innertextuellen formstrenge oft gleichgültig gegenüberstehenden poeme »aus der inkubationszeit« des dichters aufgenommen wurden, erhellt das nachwort von Maleen Brinkmann als auch der sehr sympathische, weil einmal nicht überhöhende essay pläne: schreiben von Michael Töteberg. postuliert Brinkmann 1960 noch, in seinen gedichten »jenseits einer manieristischen artistik und automatischem schreiben wahrnehmungen sichtbar« machen zu wollen mithilfe einer »metapher für die stille (die ja durchaus nicht ›harmonisch‹ im überlieferten sinne zu sein braucht)«, muss er im folgenden und darauffolgenden jahr feststellen, dass er seinem anspruch nur durch zahlreiche umarbeitungen und liquidationen (also einfach: streichungen ganzer gedichte) näher kommt: »zuviel Krolowsche schönheit und zuviel an lyrischem sperma.« - »der poetische aufputz wurde eliminiert«, schreibt Töteberg. der märchenton wird ersetzt durch bilder von zerstörung, verwesung, tod und lehnt sich jetzt eher an Villonsche vagantendichtung an. 1963 hat Brinkmann dann bereits einen sehr sicheren, beinahe standardisierten stil, frühere motive fallen nun ganz drastisch aus: »es sind wieder vögel/ in der luft, die stürzen als worte/ in brücken/ und uhren.«

das ist großartig und veranlasst mich, den band, der auf im jahr 2005 auf einem dachboden wiedergefundenen und bis 2009 unbekannt gebliebenen manuskripten beruht, nochmals zu überblättern. erstaunt stelle ich fest, dass ich mir im register mehr gedichte markiert habe als anfangs vermutet.

lesern, die bereits wissen, dass sie Brinkmann und seinen spezifischen gestus mögen, muss man dieses buch nicht extra empfehlen oder vermiesen. meinem freund, der den dichter noch überhaupt nicht kennt, werde ich zwar poeme wie gegen nachmittag regen und frühjahrsgärten mit Didi vorlesen, ihn ansonsten aber ins antiquariat schicken, sich standphotos anzusehen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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