Vor
mir den Tag und hinter mir die Nacht.
Roman von Jakob Hein (2008,
Piper).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der
NRZ vom
17.11.2008:
Pixelbrain" ist gar kein schlechter Name für eine Computerfirma. Er würde auch für diesen Roman passen, für das Leben in einer Großstadt, die man sich wie Berlin vorstellen muss, für alles und nichts. Das Leben als zufälliges Netz von Momentaufnahmen. Die Kunst besteht in der Strukturierung des Zufalls. Stets gilt nur das Jetzt, die Vergangenheit ist mehr als vergangen. Alles ist und alle haben es eilig. Nicht der Weg, sondern das Ziel ist das Ziel.
Jakob Hein nimmt auch mit seinem neuen Roman, dessen Titel dem "Faust" entstammt, einen Anlauf in diese Richtung und schlüpft in die gute alte Haltung des registrierenden Flaneurs. Poetry Slam-gestählt, weiß er dabei zwischen Komik und Tragik zu changieren. Mit Charme und Chuzpe schlurft er durchs Getümmel. Singles. Passanten. Und wenn man nur genau hinzusehen vermag, hat fast alles eine Tendenz, ins Absurde zu kippen.
Kurz und bündig unterläuft Jakob Hein mit seinen schrägen Allerweltsgeschichten die traurigen Gestalten der Überflussgesellschaft. "Pixelbrain" passt auch als Firmierung zur Geschäftsidee des Boris Moser. Deswegen lässt er das Firmenschild des Vormieters gleich hängen. Nur passt sein Vorhaben nicht ins Gegenwartsgetriebe des stylishen Dampfgeplauders der Anzug- und Laptopträger, die im Café sitzen, als wäre das ihr Job. Gewonnen hat, wer zuletzt nach Hause geht. Boris ist eher ein Verlierer in dieser Geschäftswelt: Seine Agentur sammelt verworfene Ideen, um die Gedankensplitter irgendwie, irgendwann zu vernetzen. In so einer Ich-AG bleibt massig Zeit für Tagträume, denn sie selbst ist eine Idee, die zu verwerfen wäre. Rebecca Horn, die sich als erste Kundin in seinen Laden verirrt, sieht dann tatsächlich aus wie ein Tagtraum. Damit sie nicht geht, erzählt Boris einen ganzen Roman. Der funktioniert wie eine Schachtel in der Schachtel in der Schachtel und beginnt mit einer zweiten Schönheit. Sophia Roganski fällt auf dem Trottoir einfach bewusstlos um, was die Männer ihr Wissen über Mund-zu-Mund-Beatmung reaktivieren lässt. Sie ist ein Engel, wie nicht von dieser Welt und als solcher der Katalysator für die nun folgenden Geschichten.
Ganz konkret gibt Sophia den Mittelpunkt der verschachtelten Handlung und ganz abstrakt die Projektionsfläche für die faustische Geschichte eines grantelnden, Tiraden häufenden Schriftstellers gegen die Auflösung unserer Welt. Sein Rezept heißt Rückversicherung bei den klügsten Köpfen und erlesene Wanderung mit ihnen durch die Epochen, weil eben doch der Weg das Ziel ist. Rebecca jedenfalls ist so lange bei Boris geblieben, um ihn schlussendlich einzuladen und mitzunehmen. Genauso, wie es dieser kleine, detailsatte, schelmische Roman mit seinem Leser tut, der zwei, drei zugeneigte Stunden damit verbringen kann. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0709 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung