Vor
der Tür das Ende der Welt.
Gedichte von Tomas
Venclova (Rospo/2002, Hanser - Übertragung Rolf Fieguth - mit
einem Essay von Joseph
Brodsky).
Besprechung von Michael
Braun in freitag 42 vom 11.10.2002:
Ein Imperium am abgesperrten Meer
POETISCHE STIMME
LITAUENS
Der Dichter Tomas Venclova und die
Schwierigkeiten der Übersetzung
Am Meer gelegnes bescheidnes Land", so
frozzelte einst Joseph
Brodsky, "mit eignem Schnee, Flughafen, Telefonen
/und Juden." Der Zusatz "und Juden", den Brodsky in sein 1971
entstandenes Litauisches Divertimento einfügte, musste den Bewohnern
des "bescheidnen Lands" wie bitterer Hohn in den Ohren klingen. Denn
in Litauens Kapitale Vilnius, die man einst aufgrund der in ihr versammelten
jüdischen Gelehrsamkeit das "Jerusalem des Nordens" nannte, war im
Juni 1941 fast alles jüdische Leben vernichtet worden. In der Stadt, die damals
die weltweit größte Bibliothek jiddischer Bücher beherbergte, wurden nach
Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 200.000 Juden von den deutschen Okkupanten
ghettoisiert und kurz darauf ermordet. Dass bei diesem Genozid der litauische
Sicherheitsdienst massive Hilfsdienste geleistet hat, ist in Litauen bis heute
ein Tabuthema, das noch immer die Gesellschaft polarisiert. Brodsky
hatte sein Litauisches Divertimento, nachzulesen in seinem Band An
Urania (deutsch 1994), dem Dichter Tomas Venclova gewidmet, einem lyrischen
Wahlverwandten, bei dem er nach seiner parteioffiziellen Brandmarkung als
"Parasit" immer wieder Zuflucht suchte.
Mit Brodsky
und Venclova schlossen in den späten sechziger Jahren zwei Dichter
ein poetisches Freundschaftsbündnis, die aus ihrer Abneigung gegenüber den
Anmaßungen des Sowjetmarxismus keinen Hehl machten und sich dadurch staatlicher
Verfolgung aussetzten. Während Brodsky nach seiner Abschiebung in die USA 1972
bald zum virtuosen Weltpoeten aufstieg, blieb sein Dichterfreund und
Weggefährte Venclova auch nach seinem Gang ins amerikanische Exil ein
Unbekannter. Im September 1937 im litauischen Klaipeda an der Ostsee geboren,
erlebte Venclova als Kind die furchtbare Zuspitzung eines nationalen Traumas.
Das kleine baltische Land war seit dem 16. Jahrhundert immer wieder zur Beute
polnischer und russischer Großmachtansprüche geworden. Die Hauptstadt Vilnius,
das hat der in Litauen geborene Literaturnobelpreisträger Czeslaw
Milosz einmal ausgerechnet, wechselte allein in den ersten vier Dezennien
des 20. Jahrhunderts dreizehn Mal den Besitzer. Bis zur Proklamation der
litauischen Republik im Jahr 1918 war das litauische Sprachgebiet zudem in drei
Teile gespalten: Den größeren östlichen Teil hatte das russische Zarenreich
vereinnahmt, der kleinere Teil lag in Preußen, die spätere Hauptstadt Wilno
war polnisch. Die staatliche Unabhängigkeit endete jäh, als Litauen und das
bis dahin polnisch dominierte Wilno im Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes
Deutschland zugesprochen wurde. Nur wenige Wochen später erhielt die
Sowjetunion durch eine zusätzliche Geheimklausel freie Hand in Litauen.
Dass Venclovas Vater, der Dichter, Kulturfunktionär und Stalinpreisträger
Antanas Venclova, schon vor dem deutschen Einmarsch als Bildungs-Kommissar der
sowjetlitauischen Regierung und nach 1945 als Präsident des litauischen
Schriftstellerverbands der kommunistischen Elite zugehörte, wurde für den
Lebensweg des Sohnes zur ungeheuren Belastung. Viele seiner litauischen
Mitschüler sahen in dem jungen Tomas Venclova nur den Sohn des Mannes, der sein
Land an die kommunistischen Unterdrücker verkauft hatte.
Als jüngster Student in der Geschichte der Universität Wilna begann er 1954 zu
studieren, wurde aber nach dem Ungarn-Aufstand wieder relegiert. Mit dieser
ersten Schikane beginnt die lange Geschichte von Venclovas ästhetischer und
politischer Dissidenz, die aus dem Studenten bald einen unsteten poetischen
Nomaden und freiberuflichen Übersetzer machte. Auf den Spuren seiner Vorbilder Achmatowa,
Pasternak und Mandelstam bereiste er die Sowjetunion und kam in Moskau und
Leningrad mit Regimegegnern wie eben Brodsky
oder Aleksander Ginsburg in
Kontakt. In dieser Zeit entstehen auch Venclovas erste Gedichte, in denen sich -
ähnlich wie bei Brodsky
- sehr früh ein metaphysischer Sound einstellt, eine
lyrische Melange aus Lebenserzählung und geschichtsskeptischer Reflexion.
"Tomas, wir sehen uns ähnlich, / sind im Grunde derselbe", heißt es
denn auch in Brodskys Litauischem Notturno, einer weiteren
Venclova-Reminiszenz: du, der von innen das Fenster beräuchert, und ich,
den es trennt, / beide ein Amalgam, / sind wir spiegelbildlicher Grund eines
einzigen Sees, / der nicht glänzt.
1972 konnte Venclova seinen ersten Gedichtband Zeichen der Sprache noch
in Litauen veröffentlichen, fiel danach aber endgültig in Ungnade, als er sich
für Bürgerrechtsbewegungen engagierte. 1977 erhielt er die Ausreiseerlaubnis
in die USA, wo er zunächst durch die Vermittlung von Czeslaw
Milosz eine Gastdozentur in Berkeley antrat, und gelangte 1980 nach Yale, wo
er seither als Professor für osteuropäische Literaturen lehrt. Als Dichter
blieb Venclova stets im langen Schatten Brodskys, der seinerseits für eine
erste polnische Ausgabe der Gedichte Venclovas einen langen Porträt-Essay
schrieb, der nun auch als Türöffner für den Dichter Venclova in Deutschland
fungieren soll.
Als vor zwei Jahren der Hamburger Rospo-Verlag mit dem Venclova-Band Vor der
Tür das Ende der Welt die erste deutschsprachige Ausgabe eines bedeutenden
litauischen Dichters vorlegte, hatte man sich dazu entschlossen, den
Brodsky-Essay der Auswahl als Nachwort beizufügen. Wer indes die Thesen dieses
Essays an den deutschen Übertragungen der Venclova-Gedichte verifizieren will,
muss mit beträchtlichen Irritationen rechnen. "Venclova ist ein hochgradig
formaler Dichter", resümiert Brodsky
und verweist auf Metrik, Reim und
Versmaß als unaufhebbare Grundgesetze des Gedichts. Der Mandelstam-Übersetzer
und Lyriker Ralph Dutli
monierte daraufhin in seiner Rezension des Venclova-Bandes (FAZ,
18.04.2001) zu Recht, dass just jene Formgesetze in der deutschen
Venclova-Übertragung des Slawisten Rolf Fieguth gründlich missachtet werden.
Hinzu kommen die immanenten Schwierigkeiten dieser Übersetzung, der eine
Interlinearübertragung von Claudia Sinnig-Lucas und eine russische
Rohübersetzung von Venclova selbst zugrunde liegen. Wie viele Wege über
Nachbarsprachen und übersetzerische Binneninstanzen hinweg kann ein Gedicht
gehen, ohne dass es seine klangliche und semantische Identität verliert?
In der deutschen Venclova-Übertragung wird jedenfalls ein Dichter präsentiert,
der in räsonierendem Parlando Rückschau hält auf ein in Schlaflosigkeit und
Fremdheit verbrachtes Dasein. Die retrospektive Phantasie beschwört Städte
herauf, die der nomadisierende Dichter durchquert hat, sie ruft Freunde und
Weggefährten des Dichters in Erinnerung, imaginiert Schädelstätten der
Geschichte. Und auch Joseph Brodsky wird an seinem Wohnort in Leningrad
vergegenwärtigt: Was suchst du hier, Dichter? / Ein alter Balkon, ein
verwischter / Text auf bröckelndem Putz, / Zu Staub gewordene Welt. / Gelöster
gordischer Knoten, Mörtel, Asphalt, Dachziegel, / Schmutz im Hauseingang, Müll
/ auf den Treppen, offenstehende Tür. Als der Rospo-Verlag bald nach der
Publikation des Venclova-Bandes die Segel streichen musste, rettete Michael
Krüger aus der Konkursmasse das Venclova-Buch, das jetzt im Herbstprogramm
von Hanser unverändert neu aufgelegt wird. Die Venclova-Gedichte erscheinen
also weiterhin in freirhythmischem Gewand, nach Ansicht des Übersetzers ein
legitimer "Notbehelf", da das semantische und klangliche Raffinement
des Litauischen nicht adäquat zu transformieren sei.
Die Dilemmata dieser Venclova-Übersetzung verweisen auf eine grundlegende
Schwierigkeit bei der Übertragung litauischer Poesie. Für die älteste lebende
indogermanische Sprache existiert bis heute kein umfassendes systematisches
deutsch-litauisches Wörterbuch, das um 1680 begonnene und 2.500 Seiten starke
handschriftliche Wörterbuch, das 1945 in Ostpreußen wieder entdeckt wurde, ist
nie fortgeführt worden.
Dass heute überhaupt von einer litauischen Dichtung gesprochen werden kann,
verdanken wir einigen beherzten Schmugglern, die in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts verbotene Ware in das Ostsee-Land importierten. Es waren die
sogenannten "Bücherbringer", die in Preußen gedruckte Bücher über
die Grenze schmuggelten, da das Drucken von litauischen Büchern in lateinischer
Schrift während dieser Zeit im Russischen Reich verboten war. Die litauische
Dichtung existierte bis zu dieser Zeit nur in mündlicher Überlieferung. Erst
mit dem Erwachen des litauischen Nationalbewusstseins, das sich ab 1850 im
Herstellen von religiösen Traktaten oder Grammatiken in litauischer Sprache
manifestierte, vollzog sich auch die Geburt der litauischen Poesie. Nach 1945
war Litauen im deutschen Kulturraum einzig durch die Dichtung Johannes
Bobrowskis präsent, der die ostpreußischen und nordosteuropäischen
Landschaften zu Bestandteilen seines Sarmatischen Divans erklärte. Bis
heute gibt es gerade mal ein Dutzend Übersetzungen litauischer Dichter, die wir
vor allem dem Athena Verlag aus Oberhausen verdanken. Das Schicksal der
litauischen Dichtung wird aber wohl weiterhin Tomas Venclova repräsentieren,
der Emigrant, der während der ersten 40 Jahre seines Lebens mit dem Paradox
konfrontiert war, in einem Land mit verschlossenem Meer zu leben. So trifft der
Dichter in einem ganz buchstäblichen Sinn vor seiner Tür auf das Ende der
Welt: Der frühe Frost, der geht durch alle Wörter, / Versengt den Mund,
versengt die Lungen / In dem Imperium am abgesperrten Meer.
[...diese und weitere Besprechungen
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Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Freitag 42 I Michael Braun