Vor der Reise. Erinnerungen an Bernward Vesper, 2005 Edition Nautilus

Vor der Reise. Erinnerungen an Bernward Vesper.
Buch über Bernward Vesper (2005, Edition Nautilus, hrsg. von Henner Voss).
Besprechung von Friedhelm Rathjen aus der Frankfurter Rundschau, 23.3.2005:

Faustschlag in die Fresse
Eine Männerfreundschaft auf Pump: Henner Voss erinnert sich an peinliche Zeiten von und mit Bernward Vesper, dem späteren Autor der "Reise"

Der Schauplatz: eine heruntergekommene, enge, miefige Bude im Berlin der frühen Sechziger. Die Figuren: zwei arrogante, linkische Möchtegernschriftsteller, beide Anfang zwanzig. Die Handlung: unsere Protagonisten gehen saufen, versuchen mit scharfzüngig-ätzenden Formulierungen zu brillieren und benehmen sich dabei so peinlich daneben, dass sie nicht nur Kneipiers und Spießer gegen sich aufbringen, sondern auch Verleger und Frauen, bei denen sie landen möchten. Nur gelegentlich geht es in diesem chaotischen Männerhaushalt für zwei, drei Tage etwas gesitteter zu, wenn nämlich die Freundin des einen zu Besuch kommt und zu diesem Zweck nicht nur die Bude, sondern auch das Vokabular ein wenig aufgeräumt wird.

Wäre dies der Inhalt eines Romans oder einer Erzählung, müsste man sie wohl für allzu stereotyp und klischeehaft halten, denn solche Wohngemeinschaften muss es damals viele gegeben haben. Vor der Reise, das schmale Bändchen von Henner Voss, ist aber keine Fiktion, sondern der Versuch, das Zusammenleben des Autors mit Bernward Vesper zu schildern. Vesper war damals noch nicht der Autor des Kultbuchs Die Reise, sondern einfach ein intellektuell hoch beschlagener, emotional verkorkster, in etlicher Hinsicht ausgesprochen unreifer junger Mann, der darunter litt, Sohn des Nazi-Hausdichters Will Vesper zu sein, von dem er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise hat lösen können.

Einige Jahre zuvor haben Voss und Vesper sich auf der Buchhandelsschule kennengelernt. Voss will sich mit Vesper erst gar nicht abgeben, denn der ist "nicht hip, nicht witzig und relaxed, nur anstrengend und lästig und usurpativ". Und sein Literaturkanon orientiert sich zu diesem Zeitpunkt noch an den Urteilen seines Vaters: "Thomas Mann war Vaterlandsverräter, Kafka Jude, Freud gleichfalls, Brecht Kommunist, die US-Autoren kulturlos - verfemt in der Herrenhaus-Bibliothek des NS-Poeten."

Angestachelt von Voss und (als drittem im Bunde) Ulf Miehe, holt Vesper freilich dann schnell die Lektüre der internationalen Moderne nach und überflügelt rasch seine neuen Freunde, was die Kenntnis "schwieriger Autoren" wie Arno Schmidt oder Robert Musil angeht. Bald gründet er einen avantgardistischen Kleinverlag, das "studio neue literatur", und gibt dort mit seiner Verlagspartnerin und Freundin unter Beteiligung namhafter Autoren eine Anthologie "gegen die Atombombe" heraus. Seine Freundin heißt Gudrun Ensslin: kurz ist für Vesper der Weg von der faschistischen Indoktrination durch den Vater ins Umfeld der RAF. Dass Vesper selbst nicht in den Terrorismus abdriftet, hat womöglich damit zu tun, dass er Voss zufolge "physisch unheilbar feige" ist, aber wohl auch mit dem Ernst, mit dem er die Literatur betreibt: die von ihm verachteten Menschen (in der Reise nennt er sie "vegetables") macht er mit Worten nieder statt mit Maschinengewehren.

Im Wartestand

Die Jahre bis 1965, die Voss anekdotenreich beschreibt, präsentieren einen Bernward Vesper im Wartestand. "Ich bin übrigens Vesper-Triangel, der Verleger, Übersetzer und Autor": mit diesen Worten sucht er Eindruck zu schinden und erreicht naturgemäß das Gegenteil; "fuchtelnd, pausenlos redend, lallend" schlägt er alle in die Flucht, die er beeindrucken möchte. Dass der linkische Vesper mit seinen überdrehten Versuchen, durch rüpelhaftes Auftreten intellektuelles Format zu simulieren ("Nicht arrivieren heißt mittellos bleiben"), nicht reüssiert, nimmt kaum Wunder, und schließlich verliert er auch den Freund Voss, "seinen Doppelgänger, sein Publikum, seinen einzigen Fan." Bleibt ihm als "Agentin" seiner "Eitelkeitsvermarktung" noch Gudrun Ensslin: das, was auf dieser Schiene läuft, bekommt Voss entweder nicht mit oder begreift es nicht, deshalb kommt es in Vor der Reise nicht vor. Dass Vesper wenige Jahre später zu dem faszinierenden Buch, das Die Reise immer noch ist, fähig sein sollte, mag man bei der Schilderung, die Voss vom hochnotpeinlichen Getue des spätpubertären Aufschneiders gibt, kaum glauben, auch wenn die Arroganz des Autors in der Reise immer noch mit Händen zu greifen ist.

Aber vielleicht ist eben dies die Erkenntnis, die das Büchlein von Voss vermittelt: Armseligste Umstände können durchaus ein Nährboden für Literatur von großer Intensität sein. Voss beschließt sein Buch mit dem Aufruf, Vespers Reise mehr als grandiose "Sprachlava" und "unverlierbares Ereignis der deutschsprachigen Prosaliteratur" zu lesen denn als ‚authentisches' Bekenntnisbuch - ein Aufruf, dem man sich nur anschließen kann. Im Abstand von vier Jahrzehnten scheint Voss seinen Frieden mit Vesper gemacht zu haben.

Vor zwanzig Jahren, als Voss eine Vorfassung dieses Buches in Form eines Briefs entwarf (und in Mammut - März Texte 1 & 2 publizierte), war das noch nicht so: da zeigte er sich noch ein wenig verschnupft, weil "exakt die peinlichen Zeiten, an die ich mich erinnere", in Vespers Aufzeichnungen "nicht vorkommen" - selbst von öffentlicher Rache ist da die Rede. Überhaupt ist es aufschlussreich, die damalige Version der Voss'schen Erinnerungen mit der jetzt veröffentlichten zu vergleichen; es zeigt sich, dass Anekdoten selbst da, wo sie annähernd gleich erinnert werden, doch nicht immer gleiches besagen müssen. Das lehrt ja auch die aufmerksame Lektüre von Vespers Reise: Erinnerbar ist nie die Vergangenheit selbst, sondern allenfalls eine Version des Vergangenen, und zwar in aller Regel eine instrumentalisierte Version. Die Literarisierung ist die produktivste dieser Instrumentalisierungen.

Schade, dass Vespers Sohn Felix Ensslin den Abdruck einiger Briefe Vespers an Voss untersagte, denn diese Briefe hätten womöglich doch einen Menschen erahnen lassen, hinter dessen Arroganz sich ein Versprechen verbarg. "Ich will endlich den Faustschlag in die Fresse der Gesellschaft", schreibt Vesper beispielsweise im Januar 1962 an Voss: "Was diese kleinen Scheißer können, die Hanser rausbringt, können wir schon lange." Dies Versprechen ist arrogant, aber kein leeres: Allerdings muss es wie eines klingen, solange wir von Bernward Vesper nicht mehr wissen, als Voss uns erzählen kann.

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