Vor dem Frost von Henning Mankell, 2003, ZsolnayVor dem Frost.
Roman von Henning Mankell (2003, Zsolnay).
Besprechung von Lars L. von der Gönna aus der WAZ vom 17.07.2003:

Wallanders Tochter ist ganz wie der Vater

Wenn kühler Nebel sich über Schonen legt, obwohl es doch Sommer ist, dann ist todsicher Schreckliches geschehen in Schwedens Süden. Zugleich aber atmet eine große Fangemeinde auf: Denn Kurt Wallander ermittelt wieder.

Das ist so überraschend wie erfreulich, sollte doch "Brandmauer" (2001) schon den Abschied von der Dienstmarke bedeuten. Aber er tut´s nochmal, und das en famille: Polizeianwärterin ist Wallanders Tochter Linda, die ihm Romane lang Sorgen machte: jung, aufmüpfig und - ob sie will oder nicht - ganz der Vater.

Für seinen neuen Roman "Vor dem Frost" hat Henning Mankell in bekannter Zuverlässigkeit Sorge getragen, dass die Welt aus den Fugen gerät. Die Wälder sind grün, die Luft ist lau - was das Idyll stört, sind die Schwäne, die jemand mit Benzin übergossen hat. Und als die Polizei nach einem Tierquäler zu suchen beginnt, ist schon das erste Menschenopfer da: Von einer Frau bleiben lediglich der Kopf und die Hände, die ein Irrer zum Gebet gefaltet hat.

Der treue Leser wird dankbar sein für die vertraute Größe Kommissar Wallanders. Für diesen Helden mit abgründigem Zorn und Diabetes, für diesen Depressiven mit viel Moral. Für Wallander, der sich nicht daran gewöhnen will, dass die Gesellschaft verroht - und das Recht mit ihr.

Was die Story angeht, da hat Mankell, der immer schon das Politikum im Verbrechen suchte, vielleicht ein bisschen viel gewollt. Er lässt den Schrecken, der das kleine Ystad erschüttert, im übermächtigen Schatten christlicher Eiferer gedeihen. Mord, Folter, Quälerei - all das geschieht "aus gutem Glauben". Problematischer noch: Mankells Plot erscheint als befremdlicher Versuch, Terror zu relativieren. Er verlegt die fiktiven Taten nah an die Ereignisse des 11. September 2001, als islamische Fundamentalisten die Twin Towers in Trümmer legten.

Ein schwacher Wallander-Fall ist es dennoch nicht. Zu souverän versteht Henning Mankell sein Handwerk. Und er beherrscht es mit jener erzählerischen Raffinesse, die die Natur zum Vorboten von Tragödien macht, die im Alltag das nicht Alltägliche erkennt und noch dem Unmenschlichsten ein Gesicht gibt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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