Von
Stirn zu Gestirn.
Gedichte von Ludwig
Steinherr (2007, Lyrikedition 2000).
Besprechung von Carl-Wilhelm Macke aus dem titel-magazin,
2007:
Unscheinbare Augenblicke
Einige dieser Verse von Ludwig Steinherr
werden Bestand haben, weil sie uns heute schon sagen, was uns noch bevorsteht.
Ernst Bloch, von dem man Sentenzen zur Poesie
nicht unbedingt erwartet, hat einmal in einem seiner frühen Essays zur Utopie
geschrieben: „Reiche vergehen, ein guter Vers bleibt und sagt, was bevorsteht.“
In dem neuen, so still und vollkommen unprätentiös erscheinenden Gedichtband
von Ludwig Steinherr Von Stirn zu Gestirn findet man diese Verse, von denen man
glaubt, hofft, manchmal auch ihrer schwarzen Prophetie wegen befürchtet, dass
sie Bestand haben werden, weil in ihnen etwas glimmt, was uns noch bevorsteht.
Zum Bespiel in dem Gedicht "Jahre die kommen":
Jahre ohne Schnee/ Jahre mit abgetrennten/ Augenlidern-/ Wie werde ich sie
ertragen/ die Schlaflosigkeit?// Im Eismeer/ von Caspar David Friedrich/ die
meuchelnden Schollen-/ Ich möchte sie/ in die Hand nehmen/ beschützen/ wie
seltene Vögel/ einer sehr bedrohten/ Art.
Bezugnahmen auf Künstler und Kunstwerke findet
man häufig in den Gedichten von Ludwig Steinherr, den man so gar nicht
einordnen kann in aktuelle Trends, Moden und Schubladen. In einem längeren
Gedicht, gewidmet einem Fresko von Pisanello aus dem frühen 15. Jahrhundert,
heißt es:
Hier herrscht/ Jahrhunderte zu früh/ die Finsternis/ nach Auschwitz-// Zwei
Gehenkte/ halbverwest/ mit verdrehten Gliedern/ schaukeln vor dem/ ausgebrannten
Himmel-...
Mit meinem durch den Aufbruch der sechziger Jahre
des vergangenen Jahrhunderts geformten Anspruch an 'engagierte Lyrik', dass sie
immer auch die Hoffnung auf Gesellschaftsveränderung, auf eine Utopie des
Noch-Nicht oder die Erinnerung an die Schrecken (deutscher) Vergangenheit in
Worte fasse, suche ich mir in den Gedichten von Steinherr immer die mir
'passenden Verse' heraus. Fällt der Name Auschwitz, horche ich auf. Ich finde
in dem Band sogar ein Gedicht mit dem wahrlich nicht poetischen, in den Zeiten
der Studentenbewegung aber alle magisch anziehenden Titel "Theorie".
In einem Gedicht ("Sekunden") wird an einen Film erinnert, dessen
Thematik tief eingelassen ist in das neue deutsche Geschichtsgerüst:
Der kleine Junge/ schwarzweiß/ läuft los stolpert schlechte/ Filmqualität
läuft/ auf seine Mutter/ zu-// Der SS-Mann packt/ seinen Arm schleudert/ ihn
zurück in die / zweite Abteilung...
Aber liest man die Gedichte von Ludwig Steinherr
nur mit dieser inzwischen auch beschlagenen ideologischen Brille, wird man
seinem Werk – das von der Öffentlichkeit kaum bemerkt schon in einer Reihe
von Gedichtbänden vorliegt – überhaupt nicht gerecht. Soll man ihn dann
einen 'katholischen Lyriker' nennen, um ihn so in die von den liberalen
Feuilletons ausgerufene 'neue Religiösität' einzuordnen? Gewiss, Ludwig
Steinherr hat an einer jesuitischen Hochschule im Fach Philosophie promoviert
und es gibt Gedichte, in denen ein christliches Echo unüberhörbar ist:
Unscheinbare Augenblicke/ während du gerade/ einen Joghurt ißt/ oder in einer
Zeitschrift blätterst-// da legt dir Gott/ im Vorübergehn/ die Hand auf den
Scheitel/ und sagt:// Nun bist du/ wie ich dich wollte.
Aber in diesem Gedicht berührt mich weniger der
direkte Bezug zu Gott, sondern dieses, für alle Gedichte Steinherrs so
typische, so anziehende Moment des im Vorüber-Gehen-Wahrgenommenen, des
Staunens noch über die kleinste Geste, etwa bei spielenden Kindern, des
bescheidenen, aber beharrlichen Insistieren auf einen verantwortlichen Umgang
mit dem Wort in einer Welt der sich häufenden Sprachmüllberge und
dumm-dreisten Werbespots. Und in einer Zeit, in der schon das Wort Denken die
Menschen erschüttert, schreibt er an Gedichten, die eben das von seinen Lesern
erwarten:
Ein leeres Zimmer/ in dem das Licht/ Schach spielt/ gegen die Finsternis-// Es
herrscht die Stille/ eines Kreuzgangs-// Jeder Zug als käme er/ von Ewigkeit
her-// Fast vergißt du/ daß hier gespielt wird/ um dein Leben.
Von Cesare Pavese, an dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr zu erinnern ist, stammt der Satz, dass ein Gedicht noch nie die Dinge geändert habe. Und Gedichte, die mit Fanfaren und Fahnen zur Veränderung der Dinge blasen, sind fast ausnahmslos schlechte Gedichte, die das Reich, für das sie kämpfen, nicht überstehen. In diesem Sinne ist Ludwig Steinherr kein Gesellschaftsveränderer, Gott sei Dank – aber er ist ein guter Dichter, von dem einige Verse Bestand haben werden, weil sie uns heute schon sagen, was uns noch bevorsteht.
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