Günter Grass, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Günter Grass,
Foto: Ekko von Schwichow

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Vonne Endlichkait von Günter Grass, 2015, Steidl

1.) - 2.)

Vonne Endlichkait.
Gedichte und Prosa von Günter Grass (
2015, Steidl).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, September 2015:

Mit lichtechter Tinte/auf nachweislich knisterndem Papier
Einen, vor über drei Jahrzehnten, von Günter Grass an mich gerichteten Brief lapidaren Inhalts habe ich lange wie einen Schatz gehütet.

Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich ausgerechnet zu seinem letzten, vor seinem Tod entstandenen, Buch „Vonne Endlichkait“ ein paar Sätze würde schreiben wollen. Nicht, dass ich nicht alle seine Bücher gelesen hätte, aber keines des doppelt Begabten ist mir in Worten und Bilder, nach meinem Empfinden, auf so berührende Art und Weise menschlich nahe gekommen wie dieses, ein Werk, das unverstellt tiefe Einblicke in die Gedankenwelt und die Seele des Literaturnobelpreisträgers  zulässt und einen lebensklugen, im doppelten Sinn weitgereisten, Künstler und seine einzigartige Handschrift offenbart.

„So werden Greise“, schreibt der Greis, „zu Kindern, / die nie genug haben./ Immer knabbern sie was.“ Noch immer hat er die Erde, auf der er lebt, im skeptisch neugierigen Blick, ob Indien, Afghanistan oder die Nachbarschaft. Noch immer ist er unruhig, schreibt, malt und zeichnet, feststellend: „das ist des Alters Gewinn/ Schlaf vergeudet.“

Jedes Gedicht, jeder Prosatext prägt den lyrischen, immer wiederkehrenden, ganz persönlichen Ton des Dichters in diesem Buch, wird zum unverkennbaren Rhythmus, der sich einprägt und den Wechsel von Lyrik und Erzähltext bestimmt, die Tonalität. So entsteht ein Gesamtkunstwerk, das unveränderbar bleiben soll, vielleicht ein vorweggenommenes Testament, das sich Altersstarrsinn oder Selbstgerechtigkeit verweigert.

Günter Grass gibt sich selbst den Weg und das Ziel seines letzten Buches vor, „als habe die Fund-/sache Glück einen wiederholbaren Namen.“ „Doch auch vom schwindend Jetzt, / der Eile und dem Überdruß/ will ich als Augenzeuge wortvernarrt berichten“, formuliert er oder an anderer Stelle: „Es ist an der Zeit, Abschied zu üben.“ Aber: „Staunen ist wieder erlaubt. Alle naslang wird etwas erfunden, was zuvor nur in Träumen Wunder vollbrachte.“

Der Dichter bleibt sich treu. In die Jahre gekommen hat er dem Tod schon manches Schnippchen geschlagen, wovon er in aller Bescheidenheit nur am Rande erzählt, während er über sein Leben nachsinnt und dabei manche Erinnerung wachruft und manche Geschichte zu erzählen weiß.

Zum Beispiel diese, dass seine Frau und er schon vorausschauend ihre Särge haben tischlern haben lassen, „Kiefer für meine Frau, Birke für mich“.

Zum Beispiel, dass diese Särge entwendet und wieder zurückgebracht worden: „Keine Brief oder Zettel klärte die Rückgabe, / doch lagen in meiner Kiste, / auf Seidenpapier gebettet, / Seit an Seit zwei verhungerte Mäuse/ von zierlicher Schönheit; feingezeichnet/ das leere Schädelgebein, das zarte Gerippe.// Wir Rätseln seitdem.“

Der Dichter führt „Selbstgespräche“: „Nur was/ im unmöblierten Nichts geschieht, / bleibt eine immergrüne Frage.“

Im Traum führt er eine Ehe zu dritt.

Er nimmt „Abschied vom Fleisch“ mit einer wunderbaren Liebeserklärung an die körperliche Liebe, „kein Ende findender Abschied“.

Er erinnert sich an Freunde und Kollegen „Lieber Schnurre“ oder „Franz Witte nachgerufen“.

Er schreibt über Natur und Tiere, die er auch in seinen Romanen thematisiert hat, Unken, Frösche, Kröten, Vögel, zum Beispiel den Kuckuck.

Er will nichts vergessen machen, sondern erinnern, „Bevor es zu spät ist“.

Er lässt sich den Mund nicht verbieten, mischt sich ein, wird politisch: „wir sind im Handel/ als das Salz der Erde.“

„Willkommen, nicht Abschied erleuchtet die Schrift“, schreibt er und über „Opas Geliebte“, eine Olivetti-Schreibmaschine, für die spanische Freunde ihn Farbbänder schenkten: „Ich lese: Die war mal Opas Geliebte./ Sogar in die Ferien nahm er sie mit./ Manchmal streichelt er sie./ Mit ihr hat er viele Kinder gemacht, / die längst erwachsen sind.“

Er, dem als Kind die linke Hand abgewöhnt wurde, zeigt Humor und schreckt auch vor Selbstironie zurück: „Mein letzter Zahn stellt Fragen.“ Da ist aber auch die „Angst vor Verlust“: „Nach/ letztem Zahn könnte ich dies und das noch verlieren, / den Stein, den ich wälzte, und auch Dich, die jüngste Verluste/ beglichen hat.“

Das Buch des Dichters „Vonne Endlichkeit“ zieht auf ganz eigene bewegende Weise „Bilanz“, Lebensbilanz. Es führt uns noch einmal die Arbeiten seines Dichter gewitzt, kämpferisch und auch melancholisch und traurig vor Augen, ein großes Werk und ein großes Buch, das vielleicht neben anderen einmal zu seinen unsterblichen zählen wird.

Günter Grass war ein Jahrhundertkünstler, ein begnadeter Maler, Zeichner und Dichter, der womöglich jetzt dem „Beruf des Wolkenschiebers“ nachgeht, noch immer mit Appetit auf „Gebrannte Mandeln“. Oder er weiß uns zu berichten: „Wie/ Walther einst sitz ich auf einem Stein und stütze mein Kinn.“

Wie auch immer, selbst im Himmel wird er es sich folgenden Umstand nicht  nehmen lassen: „Auch sonst stehe ich unbelehrbar weit links von allem und mir.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0915 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke

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Vonne Endlichkait von Günter Grass, 2015, Steidl

2.)

Vonne Endlichkait.
Gedichte und Prosa von Günter Grass (
2015, Steidl).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 26.8.2015:

Letztes Buch von Günter Grass: Zum Abschied genial
Am Freitag, Goethes Geburtstag, erscheint das letzte Buch des kürzlich verstorbenen Günter Grass. Es ist sein bestes Werk seit langem.

Eigentlich hatte er alles schon geschrieben. Als er dann mal, wie so oft, „einen Satz um drei Ecken lenkte“, fiel ihm beim Zurückblättern auf, dass er diesen Satz vor Jahren schon einmal geschrieben hatte, und zwar „um eine Ecke genauer“. So selbstkritisch hat man Günter Grass ewig nicht erlebt. Aber es kommt noch besser: „Das ist das Ende, rief ich, / aber auch dieser Ruf stand / auf seit Jahren welkem Papier.“ Derlei lächelnde Selbstironie mit doppeltem Boden liest man nun in jenem Buch von Günter Grass, das sein letztes ist und seit dem „Krebsgang“ sein bestes seit Jahren: „Vonne Endlichkait“, betitelt nach dem letzten und einzigen Gedicht mit dem westpreußischem Zungenschlag seiner Kindheit und Jugend.

Und selbstverständlich hatte der am 13. April gestorbene Alterspräsident der deutschen Nachkriegsliteratur mitnichten jeden Satz schon mal geschrieben. Aber über die Sorge, es könnte doch so sein, hat kaum einer so schön geschrieben wie Grass in diesem Buch.

"Zwischentöne wie schon lange kein Grass-Buch mehr"

Es wechselt zwischen kurzen, höchst sinnlichen Prosa-Miniaturen der Selbstbesinnung hier und Gedichten dort, die aus ganz ähnlichen, nur noch stärker rhythmisierten Prosatexten bestehen. Und es kennt so viel Unter- und Zwischentöne wie schon lange kein Grass-Buch mehr. Stellenweise zärtlich-zart und wirklich altersweise, voller Verbeugungen – vor Hans Magnus Enzensberger als bester Wolkenbedichter etwa, vor einer großen Erzählerin wie der „vielgeliebten Libuše“ Moníková und dem Anekdotenerzähler Wolfdietrich Schnurre. Von ihm hat Grass die Geschichte des Tessiner Ehepaars geschenkt bekommen: Es fand sein gestohlenes Auto plötzlich wieder, mit einer Entschuldigung und zwei Karten für die Scala; und während es dann in der „Tosca“ saß, wurde sein gesamtes Haus leergeräumt...

Ja, es gibt auch in diesem Buch schwächere Texte von Grass: Grobe Versuche, die Tagespolitik kritisch aufs Korn zu nehmen („Fremdenfeindlich“) oder Vorboten des Klimawandels gegen das Finanzkapital auszuspielen („Und dann kam Xaver“). Und der Verfolgungswahn, mit dem der späte Grass Kritiker über einen Kamm schor, bringt ihn sogar dazu, sich neben seinem Ahnvater François Rabelais zu sehen, der zeitlebens von der Inquisition bedroht wurde – ob Grass ernsthaft glaubte, das Echo der Kritik sei wie Scheiterhaufen und Folter?

"Spurenlesen"

Aber das sind Randerscheinungen dieses von Grass selbst illustrierten Bandes, dessen Kernstück und einzige längere Geschichte in der Mitte schildert, wie er und seine Frau sich Särge schreinern lassen, probeliegen und beschließen, sich darin auf Laub betten zu lassen, mit Rosenblättern auf den Augen wie es Grass bei Bestattungen in Kalkutta gesehen hatte. Es ist die Allgegenwart der Endlichkeit, es ist auch der Tod des Günter Grass, der einen dieses Buch anders lesen lässt als andere. Man sieht mit einiger Rührung impressionistische Tupfer wie „Spurenlesen“: „Seitlich des Wellensaums / komme ich mir – hin und zurück – barfuß im Sand entgegen.“

"Ach Jinterchen"

Man liest auch tiefe Reflexionen über die „Ohnmacht“ auch derer im digitalen Zeitalter, die sich dem Surfen, Googeln, Twittern verweigern – und sich doch in der Hand einer namenlosen Gewalt fühlen. Man fühlt mit Grass, wie er erst drei Zähne verliert und dann auch noch seinen letzten („Kein Zahnweh mehr. Endlich kann ich endlich sagen“) und das mit wehmütiger Gelassenheit und humorvollem Trotz registriert.

Am Ende ging es Grass auch mit diesem Buch in Wahrheit nicht um die Endlichkeit, sondern um das, worum es Schriftstellern immer geht, um das, was bleibt, wenn die Endlichkeit erreicht ist. Die Sorge darum lässt Grass in dem Gedicht „Bilanz“ bang fragen: „Fehlt noch was, / das unterm Schlußstrich zählen könnte?“ Ach Jinterchen, möchte man sagen, es ist gut. Für die Unsterblichkeit reicht es allemal.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0915 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung