Von nah, von fern.
Ein Jahresbuch von Karl-Markus
Gauß (2003, Zsolnay).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus diePresse, Wien vom 6.9.2003:
Alles, was bewegt
Die Aufzeichnungen von Karl-Markus Gauß
sind immer auch Abschweifungen: "Von nah, von fern" - eine
eigensinnige Bilanz des Jahres 2002.
Was bringt einen Menschen zum Schreiben? Mehr noch, was lässt ihn, hat er einmal damit angefangen, davon nicht mehr loskommen? Denn kaum hat einer ernsthaft begonnen, sich dem Schreiben zu verschreiben, ist es um ihn geschehen. Gewiss ist es die unvernünftigste Art, sich schreibend in den Dienst der Vernunft zu stellen, um damit sein Fortkommen zu sichern. Die Fron ist beschwerlich und bringt wenig ein im Vergleich zu anderen, geregelten Tätigkeiten. Wer schreibt, verfolgt ein Ziel und ist getrieben von einer Absicht.
Ans Schreiben macht sich nur jemand, dem die Welt und sein Ich inmitten dieser so rätselhaft erscheinen, dass er darüber nicht hinwegsehen mag und Aufklärung braucht über das, was vorgeht und ihm widerfährt. Er möchte der Zeit ein Schnippchen schlagen, sie anhalten in der Erinnerung, die Lust beflügelt ihn, sich ein Reich zu schaffen, in dem er auf Zeit zu Hause ist und das er womöglich, falls er an die Öffentlichkeit geht, mit anderen zu teilen vermag.
Wer schreibt, ist anmaßend und verletzbar in einem. Er traut sich zu, etwas den anderen mitzuteilen, was so wichtig ist, dass es in ihrem Leben Platz finden sollte, und er ist verletzbar, weil er sich derart aussetzt, dass er für die anderen zu einem beschrieben Blatt wird. Es ist ein Fehler zu meinen, Autoren schreiben, um geliebt zu werden. Jeder Schriftsteller ist angewiesen auf seine Leser, die ihn schätzen, vielleicht sogar lieben. Aber er braucht auch seine Gegner, um sich von ihnen abzugrenzen, er möchte sie treffen, ihnen eins auswischen. Nichts wäre fataler für ihn, als den Beifall von der falschen Seite zu bekommen.
Karl-Markus Gauß - von ihm war soeben die Rede - hat vor einiger Zeit begonnen mit einem Projekt, das auf Fortsetzung drängt. Im vorigen Jahr erschien das Journal "Mit mir, ohne mich", jetzt ist das Jahresbuch "Von nah, von fern" herausgekommen, eine eigensinnige Bilanz des Jahres 2002. Das Jahr gibt einen sehr lockeren Rahmen ab, innerhalb dessen sich Denkbewegungen ereignen. Das Zeitgeschehen bekommt hier nicht mehr Gewicht als die Auseinandersetzung mit Salman Rushdies Roman "Wut" oder Begegnungen mit Menschen. Was bleibt vom Jahr - individuell gewichtet durch die eigene Erfahrung und nicht errechnet mit dem Präzisionsinstrument des Statistikers oder aufgrund der zur Wissenschaft hochgemogelten Prophezeiungen der Meinungsforscher für gültig erklärt -, ist in diesem Buch festgehalten. So ist dieses Buch auch zu lesen als Dokument eines Schriftstellers, dem man bei seiner Arbeit zusieht. Denn alles, was ihn bewegt, wird hier auf den Prüfstand gestellt. Hier liest man auch von den Behelligungen durch die österreichische Politik, die ihm leichtgewichtige Gegner zuspielt, schweigende Kanzler und adrette Finanzminister, die ihr Scheitern zu Erfolgen ummünzen wollen.
Nein, ein rhetorisch ausgewogener Autor ist Gauß nicht. Er verzichtet darauf, eine Sache gründlich zu erwägen, er hat sich eine Meinung gebildet, und diese vertritt er mit aller Vehemenz. Er geht keine Kompromisse ein, er reitet heftige Attacken gegen seine Feinde und erweist sich großherzig gegenüber jenen, die an der Macht scheitern und nicht paktieren mit der Obrigkeit.
Die Aufzeichnungen von Gauß sind immer auch Abschweifungen. Ein historisches Ereignis verweist auf ein anderes, und assoziativ treten beide in vergleichbare Nähe. Als mit Jahresbeginn 2002 der Euro als gültige Währung in Kraft tritt, fällt ihm die Geschichte des Großvaters ein, der einen Koffer voller Geldscheine hütete, die nichts mehr wert waren. Und er berichtet von den Währungsreformen, die in der Geschichte der österreichischen Monarchie stattgefunden und ihre Opfer stets ihrer Zukunft beraubt zurückgelassen haben.
Die Methode, das eine genau unters Licht zu halten und es einer deutenden Wertung zu unterziehen, um alsbald auf eine vergleichbare Erscheinung zu stoßen, macht dieses Buch zu einem offenen System, in dem Zusammenhänge neu geschaffen werden. Gauß ist dabei kein abstrakter Denker, dem es gefällt, die Welt in ein System zu sperren, woraus sie sich gefälligst nicht mehr zu bewegen habe. Er tritt auf als Chronist privater Verhältnisse, die abfärben auf seine Weise, Welt zu denken, und er begegnet uns als Essayist globaler Verflechtungen der Macht, den weniger die Konzerne als Interessenvertreter der Reichen interessieren, sondern deren Opfer.
Aber mit all diesen Charakterisierungen hat man nicht den ganzen Gauß. Man mag ihn schätzen wegen seiner Fähigkeit, eine verwickelte Wirklichkeit aufzulösen in kleine Einheiten, um diese als Symptom eines größeren Ganzen zu nehmen. Man mag seine Einsichten teilen, die nicht auf dem Gemeinplatz eingesammelt wurden, wo billige Meinungen zuhauf herumliegen. Und man darf sich ärgern über die harsche Kritik, die er austeilt, über die Hitzköpfigkeit, die Widerspruch ausschließt, will man sich nicht ins Eck der Kleingeister abgeschoben fühlen.
Wie jede Polemik sind diese Aufzeichnungen angetrieben von einem Denken, das direkt aus der Sprache kommt. Sie ist die Triebfeder der Texte, sie peitscht sie voran. Diese Sprache sucht einen Ausgleich zwischen der Erregung über einen Gegenstand und dem Wunsch, diese in eine kalkulierte Sprache überzuführen, wo lang ausschwingende Sätze zur Disziplin und Aufmerksamkeit zwingen. Gauß schreibt sich in einen inszenierten Sprachtaumel, der den Verfasser selber hineinzieht in eine Dynamik, die nur das Vorwärts kennt.
Ein Leitmotiv durchzieht den Untergrund dieses Buches: die Veränderung der Welt und wie Menschen damit umgehen. Das Schöne an Gauß ist, dass er Politikern nicht auf den Leim geht. Er bemerkt, wenn eine neue radikale Wirtschaftspolitik mühsam erkämpfte Rechte der Bevölkerung storniert. "Die Privatisierung von allem und jedem, wie sie in England mit puritanischem Fundamentalismus durchgezogen wurde, hat gezeigt, dass es keine soziale Errungenschaft gibt, die nicht zuerst verächtlich gemacht und dann wieder abgeschafft werden könnte."
Dieses Buch ist vieles: ein Warnbuch vor dem Ungeist der Zeit, eine Einladung, sich die Welt erklären zu lassen, und ein Stachel, seinen Widerspruchsgeist zu schärfen. [*]
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diePresse.com]
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