Von
der Oberfläche der Erde.
Gedichte von Björn Kuhligk (2009,
Berlin-Verlag).
Besprechung von Daniel Ketteler aus dem titel-magazin,
1.6.2009:
Wo Teilzeitstewardessen Döner essen
Endlich mal keine Cover, auf denen nackte Frauenrücken in
mattem Morgenlicht posen, keine feuchten Unterhosen; nein, es gibt sie noch,
eine Dichtung aus den guten alten Ingredienzien Melancholie, Männerfreundschaft,
einer Prise Anarchie und Restalkohol. Sicher lassen sich Björn Kuhligk (Von
der Oberfläche der Erde) und Clemens Kuhnert (tina die teilzeitstewardess)
nicht über einen Kamm scheren, dennoch scheinen sich nicht nur inhaltlich einige
Beziehungsfäden zu ergeben. Was hier zu entdecken ist, das ist weder Moschus
noch Machismo, das ist eine selbstbewusste, unartifizielle dichterische Haltung
fernab jeder Verrenkung. Zwei neue Gedichtbände, gelesen von
Daniel Ketteler
Clemens Kuhnert hat sich mit „tina“, der „teilzeitstewardess“,
tief ins Whiskyglas vorangekämpft. Im „Freien Neukölln“ gehen fast die Lichter
aus, da hebt der Meister an, erinnert eine nächtliche Begegnung in der „u-bahnbar“,
sie schnippt / die asche ins dunkel, bis ihr das licht / abteil für abteil
ans schienbein drischt. Gegenüber schaufelt Stardöner müde im Salat: der
duft nach döner und nach warmem staub / weicht fischgerüchen aus den
Hofeinfahrten, / durch gitterroste atmen schächte aus, als ob kanäle aufs
gewitter warten. Stimmungsbilder, Polaroids aus einem Neuköllner
Künstleralltag, unromantisch, da warten keine reichen Studentenpapis im
Hinterhof, da riecht es nach Fisch. Man ist mit dem Amt verheiratet, nahm das
amt an, kein altar, doch bargeld / gegen formulare, keine ehe, eher ringkampf: /
künstlerpech. nachträglich wird ein pflegeheim // mir sterbehilfe leisten, grund
sich gleich mit klaren / kalt zu machen: diese runde zahl ich. trinkt, / meine
brüder, wer wird ladenhütern trauen?
Harte Alliterationen, heißer Asphalt und kaltes, klares Wasser,
Doppeldeutigkeiten zwischen Wohlstandsfantasien (welche wohlstandsdamen /
werden ladenhüter trauen?), Ambivalenz zwischen bürgerlicher Partizipation
und trotziger Resignation. Besser die Stellung halten, lieber „ladenhüter“ als
korrumpiertes Andienen. Dazu eine Variation des besagten Nacktcovers: eine
schäbige, rauchende Alte ganz im Stil von
Bukowski (tolle Illustrationen von Tomasz Bohajedyn). Es ist durchaus eine
gewisse Melancholie zu bemerken, die sich beim Lesen breitmacht, ein
unaufdringliches Pathos, zum Beispiel die Frage: worauf es ankommt, / was wir
hier machen. Die Antwort als ein schnell verglühtes Schulterzucken: […]
wir machen / was sonnen machen, / sonst machen wir nichts.
Subversive Dichterlunge
An der Theke nimmt Platz: Björn Kuhligk. Kuhligk gelingt es offensichtlich bei
Zeiten, seinen Dichterkollegen Clemens (Kuhnert) aus seiner Neuköllner
Rauchsauna (im oben genannten, sogenannten und überdies sehr empfehlenswerten
„Freien Neukölln“) hinaus an die frische Luft zu zerren. So im „Erlebnisgedicht
aus dem Spreewald (für Clemens, Eberhard, Florian, Jan, Tom)“. Hier sitzen sie
alle auf der Holzbank und drechseln Reime ins weiche Holz.
Kämpferische Postfeministinnen mögen ob dieser trauten Männerschunkelei die
Brauen lupfen, aber Wir sitzen hier und trinken / Erich-Baben-Bier, der Wald,
stehend / die Kanäle, das Wasser darin. Tolle Alliterationen, auch bei
Kuhligk. Es ist dieser spezielle Sound, es sind die „gleichmäßigen Stöße“ jener
Prachtlibelle / die mit ihrer geradezu unbehausten Zartheit das
Folkloredickicht zerstört, sie steht, das kann man / nicht anfassen, unter
Realismusverdacht. Zuletzt also die Zertrümmerung des soeben begonnenen
Schlagers, ein leiser Flügelschlag auf den Hinterkopf. Man fragt sich zunächst,
warum das „Folkloregedicht“ nicht „zerbricht“, aber diesen Reimspaß gönnt uns
Kuhligk nicht, der Rhythmus wird prosaisch gesprengt durch ein realeres Idyll.
Viele aparte Bilder lassen sich finden in diesem Band, etwa in „Das große
Knospenplatzen“, wo über dem sturzblödbarocken Zwiebelturm der Morgen
graut, da ploppen die Krokusse, in der Hitze des Mittags / die pochenden
Hügel und Kollege Stratege pinkelt durch die Zufriedenheitsmelisse gegen
den Kaninchenstall. Eine Prise Punk zwischen zwei Buchdeckeln, eine
subversive Dichterlunge und all das unterm ratzefatzeschönen Wölkchen-Himmel.[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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