Von der Liebe. Und vom Krieg.
Erzählungen und Gedichte von Margarete Steffin (2001, Europäische Verlagsanstalt).
Besprechung von Peter Böthig aus der Frankfurter Rundschau, 2.8.2001:

Kleine Lehrerin aus der Arbeiterschaft
"Von der Liebe. Und vom Krieg": Margarete Steffin, eine von B. B.s Frauen, hat bemerkenswerte poetische Texte geschrieben

Eine Auswahl an Gedichten und Erzählungen der Brecht-Mitarbeiterin und -Geliebten Margarete Steffin erschien erstmals 1991. Obwohl diese Texte seit den 60er Jahren im Berliner Brecht-Archiv lagen, war die Autorin über Jahrzehnte hin nur als Zulieferin und als die "kleine Lehrerin aus der Arbeiterschaft" des Meisters angesehen worden. Vor allem ihre Tagebücher wurden zur Datierung einzelner Brecht-Werke konsultiert.

Wie kurzatmig der Buchmarkt ist. Da quälen wir uns jedes Jahr durch Zigtausende Neuerscheinungen, doch ein Buch wie Steffins Konfutse versteht nichts von Frauen ist schon lange nicht mehr lieferbar, und auch in Antiquariatslisten taucht es nur selten auf. Dabei hatte es seinerzeit durchaus Furore gemacht - und wurde beispielsweise in der Frankfurter Rundschau als "kleine Sensation" gefeiert. Vor allem amerikanische Germanisten - wie immer etwas schneller als ihre deutschen Kollegen - wandten sich daraufhin in den 90er Jahren verstärkt den Frauen zu, die Brecht begleitet haben.

Aber auch hierzulande hat sich beispielsweise Sabine Kebir lange vor John Fuegis Monumentalbiografie mit den Frauengestalten aus Brechts Umgebung und den höchst widerspruchsvollen Partnerbeziehungen in seinem Umkreis auseinandergesetzt. Die Biografien der Ruth Berlau, Elisabeth Hauptmann und Margarete Steffin sind mittlerweile hinreichend erforscht und bekannt, ihre jeweils eigenständigen Leistungen gewürdigt.

Das Büchlein Von der Liebe. Und vom Krieg ist also keine Neuentdeckung, sondern die Neuherausgabe einer Auswahl der nachgelassenen Schriften der Margarete Steffin, als solche aber verdienstvoll genug. Denn heute würde die Steffin unter den literarischen Fräulein einen Spitzenplatz belegen. Sie hat nicht nur einen eigenen Ton, sie hat auch etwas zu erzählen. Die dreizehn überwiegend autobiografisch hinterlegten Erzählungen und zwei Gedichte des Buchs bestechen durch Knappheit, durch ungeheure soziale Genauigkeit und durch eine sprachliche Sicherheit, die sich auf frappierende Weise mit einer manchmal ans Naive grenzenden Schlichtheit verträgt. Erzählt werden kleine Studien einer proletarischen Existenz, voll verheerender Niederlagen und doch bewahrtem Stolz. Das hat eine Würde, der man sich als Leser kaum entziehen kann.

Dieser authentische Ton einer wirklichen Arbeiterschriftstellerin hat so wenig zu tun mit der dialektischen und vor allem pädagogischen Schein-Naivität der Brecht'schen Fragen eines lesenden Arbeiters wie mit der immerhin erstaunlichen Darstellungskunst proletarischer Milieustudien der frühen Anna Seghers. Die Geschichten beginnen mit Sätzen wie Donnerschlägen: "Es gab viele Gründe, aus denen wir unsern Vater hassten", oder: "Wir waren eigentlich alle der Meinung, dass Hottchen ein wenig doof war."

Margarete Steffin war, als sie zu schreiben begann, bereits eine Sterbende. Sie hat auch darüber in ihrer lakonischen Prägnanz geschrieben: "Ich bin ein Dreck" heißt die Prosaskizze, in der solche Sätze stehen: "Es ist so schwer, kein Dreck zu sein, wenn man nur die Wahl hat zwischen: gar nichts sein oder ein Dreck sein."

Eine kleine Geschichte erzählt aus der Schulzeit, als das Mädchen von den Lehrern auf die weiterführende Schule geschickt werden soll, weil sie einen brillanten Aufsatz über "Die edlen Frauengestalten in Wilhelm Tell" geschrieben hat. Kurz vor der Aufnahmeprüfung verbietet es der Vater, weil die Tochter mit 14 Geld verdienen soll und auf der hohen Schule der Arbeiterklasse entfremdet würde. Später schreibt die Tochter ein Theaterstück, das in der Schule sehr erfolgreich aufgeführt wird. Die Geschichte endet lapidar: "Danach wollte ich unbedingt Dichterin werden. Aber ein paar Wochen vor Schulschluss wurde mir eine Stelle als Laufmädchen in den Deutschen Telefonwerken angeboten. Da wurde ich Laufmädchen."

Einen kleinen Fehler, ihrer Unvertrautheit mit Fremdworten geschuldet: "Bevor ich aus der Wohnung ging, schaute ich aufs Barometer: 16 Grad!", hat der Herausgeber sympathischer Weise nicht stillschweigend korrigiert. Margarete Steffin war begabt, wissbegierig und unendlich fleißig. Sie nahm Schauspielunterricht, schrieb Texte für ihre Rezitationsgruppe, im Exil lernte sie fünf Sprachen.

Zu Lebzeiten hat sie, deren erste eigene Schreibversuche in die frühen dreißiger Jahre fallen, nur einige wenig Male Gedrucktes von sich selbst in die Hand nehmen können. Mit 25 Jahren folgte sie Brecht ins Exil, 1941 starb sie 33-jährig an Tuberkulose. Geschrieben hat sie während ihrer Sanatoriumsaufenthalte.

In der Exilpresse war kaum Platz für Kindergeschichten und autobiografische Kurzprosa einer weithin unbekannten Autorin. In der in Moskau verlegten Zeitschrift Das Wort erschienen Ausschnitte eines Kinderstückes, die den Zusammenhang kaum erahnen ließen - worüber sie verständlicherweise unglücklich war. Sie war seit 1933 Mitarbeiterin in der Brecht'schen factory, ihr Anteil an den zwischen 1933 und 1941 entstanden Stücken wie Der gute Mensch von Sezuan oder Leben des Galilei ist unbestritten. Hanns Eisler bestätigte: "Ich muss sagen, dass Furcht und Elend des Dritten Reiches - diese Arbeitermilieus - ohne Steffin nicht hätten geschrieben werden können." Und doch suchte sie wohl auch den Weg als eigenständige Autorin.

"Ich selbst möchte so furchtbar gern auch produktiv sein, aber ich muss Ihnen etwas gestehen: Immer wenn ich etwas beginne, habe ich Angst, dass die Leute sagen werden, ich hätte es nicht selbst gemacht", schreibt sie (auf dänisch) an den Journalisten Knud Rasmussen. In diesem Satz verbirgt sich vielleicht die ganze Tragik ihrer schriftstellerischen Existenz. Eingebunden in die poetische Werkstatt des "Klassikers" Bert Brecht (wie er sich selbst gern nannte), wurde sie auch im engeren Zirkel der Exilanten wahrgenommen als seine Geliebte, Sekretärin, Mitarbeiterin, kaum jedoch als eigenständige Autorin. So fiel es der literarischen Autodidaktin schwer, den Wert ihrer eigenen Arbeit zu behaupten.

Sie schlug sich durch mit Übersetzungen, in Paris wollte sie eine Autoren-Agentur aufbauen, die Texte der Exilierten an Verlage vermitteln sollte. Mit Walter Benjamin und Arnold Zweig verband sie freundschaftlicher Briefwechsel. Noch in den Händen gehalten haben muss sie die gemeinsam mit Brecht gefertigte Übersetzung der Autobiografie von Martin Andersen Nexö Die Kindheit. Erinnerungen, die 1940 zuerst in Moskau erschien.

Anders als etwa Ruth Berlau, Brechts Lai-Tu, oder auch als Elisabeth Hauptmann, seine spätere Herausgeberin, die beide aus bürgerlichem Milieu stammten und besser wussten oder fühlten, wann sie sich aus Brechts Umgebung zurückziehen mussten, um ihre Substanz zu schützen, war die aus kleinsten Arbeiterverhältnissen aus Berlin-Köpenick entwachsene Margarete Steffin der auratischen Überlegenheit Brechts offenbar nahezu hilflos ausgeliefert.

Was Brecht an dieser Frau faszinierte, was er liebte, lieben musste, war ihr besonderer und genauer Blick, der in ihrer sozialen Herkunft wurzelte, und der es ihr, bei allem Respekt gegenüber dem zehn Jahre älteren und berühmten Mann, erlaubte, korrigierend in seine Manuskripte eingreifen zu können.

Die Arbeitsbeziehung war offenbar für beide Seiten beglückend. Doch an der persönlichen Tragödie, einen permanent untreuen, doch verheirateten Mann zu lieben, hat sie unendlich gelitten. Das kann man in den Geschichten lesen, die direkt auf die Beziehung zu Brecht eingehen, man kann es auch auf den wenigen Fotos erkennen, die sie zeigen: Eine tuberkulosekranke junge Frau, die selten lacht, oft abgespannt und müde aussieht, von Leid und Krankheit gezeichnet.

In der Geschichte "Ein Mädchen, Ursula" von 1937 erzählt sie von der Mühsal ihrer Liebe und von der Kraft, die es sie, die sich nach Liebe und Geborgenheit sehnte, kostete, ihr Los als Zweit- oder Drittfrau zu akzeptieren: "Er hatte gemeint, für die lange Zeit der Trennung würde es einer Frau genügen, sich ab und zu selbst zu befriedigen, vielleicht, um die Sache angenehmer zu machen, dabei an ihn denkend. Sie aber träumte jetzt oft davon, dass sie mit Freunden, die sie des Mannes wegen abgewiesen hatte, schliefe, und das war immer sehr angenehm."

Zwei Schwangerschaftsabbrüche hatte sie hinter sich, als sie Brecht im Winter 1931/32 kennen lernte. Fuegi behauptet, im Frühjahr 1932, als sie mit Brecht zur russischen Uraufführung des Films Kuhle Wampe nach Moskau reiste, hätte sie dort einen dritten vornehmen lassen. Von einem der früheren erzählt sie mit erschreckender Lakonie in der Geschichte: "Aber mit neunzehn wurde ich schwanger", geschrieben im November 1932: "Das war eine schlimme Sache. Ich war Buchhalterin in einem Verlag und verdiente sehr wenig. Mein Freund war gerade arbeitslos. Zum Heiraten waren wir zu jung, vor allem hatten wir aber auch keine Zeit für so etwas, wir waren beide in der kommunistischen Jugend."

Auf Brechts Verlustliste, einem Gedicht, in dem er die im Exil Verlorenen beklagte, rangierte seine "kleine Lehrerin aus der Arbeiterschaft" noch vor Walter Benjamin.

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