Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft von Matthias Politycki, 2007, Hoffmann und CampeVom Verschwinden der Dinge in der Zukunft.
Protokolle von Matthias Politycki (2007,
Hoffmann und Campe).
Besprechung von rox in Neue Züricher Zeitung vom 28.07.2007:

Prager Protokolle

Seit dem 28. Februar 1992 führt der dem Zeitkommentar und auch der Lyrik zugeneigte Schriftsteller Matthias Politycki sogenannte «Prager Protokolle». Was tönt wie ein bedeutender historischer Friedensschluss, ist in Realität eine Art Randglossar, das Kommentare zur Zeit von mittelscharfer bis akuter Koloratur versammelt. Ein Beispiel: Gelegentlich wird irgendwo im Ausland – etwa in Prag – ein neues Goethe-Institut eröffnet. Kulturtransfer im Namen des grossen Alten, das ist die Idee. Aber: Es steht nicht gut um die einst so hehre deutsche «Leitkultur». Das Interesse an der deutschen Sprache nimmt stündlich ab, und was jenseits von Mercedes-Stern, Adidas-Streifen und Nivea-Dose unter dem Label «deutsch» firmiert, wird gnadenlos verdrängt. Können da Schriftsteller – noch dazu solche, die sich in einer «Nationalsprache» äussern – Terrain wettmachen? Nein. Aber vielleicht finden sie wieder zurück zu einem alten Typus des Schreibens: zum politisch akuten Zeitkommentar. Davon finden sich in diesen zweihundertfünfzig Seiten allerdings viele – gut geschriebene, scharf gemeinte und politisch herrlich inkorrekte: etwa über die Selbstauflösung Europas und das juvenile Potenzgeprotze im arabischen Raum, wo «enthemmt balzende Jungmänner an vorzugsweise blonden Touristinnen ihren Testosteronhaushalt auszugleichen versuchen». Es geht Politycki aber nicht um einen verspäteten Moralismus, sondern um eine Selbstdiagnose: die weltanschauliche Schwäche Europas. Man hatte doch einmal sogenannt «aufgeklärte» Werte.

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