Vom Tag gefordert.
Reden in deutschen Angelegenheiten von Marcel Reich-Ranicki (2001, Deutsche Verlags-Anstalt).
Besprechung von Heinz Ludwig Arnold aus der Frankfurter Rundschau, 21.6.2001:

Die Weisheit des Zuchtmeisters
Vom Leben und der Literatur: Marcel Reich-Ranickis "Reden in deutschen Angelegenheiten"

Der Schriftsteller Hugo Dittberner hat den Kritiker Marcel Reich-Ranicki wegen seiner öffentlichen Selbstinszenierung vor vielen Jahren einmal "den Mann in der Arena" genannt, aber hinzugefügt, er sei zugleich ein guter und wirksamer Schriftsteller. Einer der von Reich-Ranicki hingebungsvoll kritisierten Schriftsteller, Martin Walser, hat das gleichsam ergänzt mit seinem Diktum: Kritiker seien auch Schriftsteller, nämlich solche, die auf Literatur so reagierten wie die Schriftsteller auf die Wirklichkeit.

Nun hat Marcel Reich-Ranicki schon in vielen Büchern über die Literatur bewiesen, dass er ein guter Erzähler ist, aber ganz besonders mit seinem Buch Mein Leben hat er vorgeführt, dass er nicht nur der impulsive und zugleich apodiktische Kritiker ist - wovon der letzte literaturbetriebliche Teil dieser Autobiografie handelt -, sondern auch ein Schriftsteller, der seine, um es milde zu formulieren, unerfreuliche Lebenswirklichkeit als Jude in Polen und Deutschland nicht bloß dargestellt, sondern subjektiv und beispielhaft, zupackend und ergreifend erzählt hat.

Auch Reich-Ranickis neues Buch Vom Tag gefordert, das zwölf Reden aus 14 Jahren enthält, liest sich wie seine Autobiografie. Wovon diese Reden auch handeln: von der Redekunst oder von Oper und Theater, vom ewigen Krisengerede in Sachen Literatur oder von der subjektiven Optik des Schriftstellers als Literaturkritiker, oder von Goethe, Kleist und Hölderlin - immer erzählt Reich-Ranicki: lebendig, lehrreich, unterhaltsam - und vor allem klar, unzweideutig, unverwechselbar.

Der angebliche Zuchtmeister der deutschen Gegenwartsliteratur, dessen Urteilen man ja nicht unbedingt beitreten muss (was übrigens bei allen Kritikern gilt), ist in Wirklichkeit ein Lehrmeister in Sachen Literatur; und nicht nur in Sachen Literatur, sondern auf dem Wege über die Literatur auch in den Angelegenheiten unserer Welt, unseres Lebens. Reich-Ranicki ist ein Weiser geworden, der zuweilen, vielleicht um uns das Abgelegene, zu dem Literatur ja geworden ist, wieder nahe zu bringen, in der Öffentlichkeit auch die Maske des unterhaltsamen Clowns nicht verschmäht.

Was er in diesem Buch als bloß "vom Tag gefordert" nennt, ist in großen Teilen mehr: ein Vermächtnis über den Tag hinaus. Das gilt wohl nicht für seine einst aktuelle Schelte auf den Frankfurter Opern- und Theaterbetrieb; doch wenn er jene Variante des deutsche Regietheaters attackiert, das um den Preis jeglicher Geschmacklosigkeit "besonders" sein will, trifft er auch da den Zeitgeist im Kern.

Wesentlicher sind andere Reden: Jene "Über das eigene Land", fast der nucleus seiner Autobiografie, in der er mit dem einzig richtigen Satz auf seine Denunzianten einging: "Ich weiß (...) nicht recht, warum ich als Jude, der aus Deutschland nach Polen vertrieben wurde und dort unter deutscher Bestialität jahrelang zu leiden hatte, warum ich der deutschen Öffentlichkeit Auskunft und Rechenschaft schuldig sein sollte darüber, was ich während des Krieges gegen das ‚Dritte Reich' und in der ersten Nachkriegszeit als polnischer Staatsbürger in der polnischen Armee und in polnischen Behörden getan habe."

Oder jene über die Ambivalenz der Redekunst, die mit der im medialen Zeitalter zentralen Frage schließt, ob die Rhetorik Hure oder Mutter der Demokratie sei, und deshalb der Aufforderung, sie zum Bestandteil von Bildung und Erziehung zu machen.

Aber Reich-Ranicki ist nicht nur Belehrender, sondern auch Lernender. Das führt er vor in zwei Reden über Hölderlin, von 1987 und 2000 - in dieser Zeit hat sich seine Kritik am zu dunklen und zu deutschen Hölderlin, der als Autor benutzbar werde, nicht grundlegend geändert. Aber er verneigt sich nun auch vor einem Hölderlin, der "in deutscher Sprache jene Musik geschaffen" hat, "die - verzeihen Sie das Wort, das ich nur ganz selten verwende -, die aus der Seele fließt".

Schließlich gilt auch für Marcel Reich-Ranicki, was er in seiner Rede über "Die verkehrte Krone oder Juden in der deutschen Literatur" von Heinrich Heine sagt: "Heine sah schon als Student, dass ihm ‚Torheit und Arglist ein Vaterland verweigern'. Aber er dachte nicht daran zu kapitulieren. Verurteilt zur Heimatlosigkeit, versuchte er, sich zunächst dort einen Platz zu sichern, wo er glaubte, eine Ersatzheimat, eine Art Vaterland finden zu können: in der deutschen Sprache, in der deutschen Literatur."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0601 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau